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Die Lebensreformbewegung und die Wutbürger von gestern

„So fruchtbar auch die Übernahme des Freudschen Regressionsbegriffes für die Sozialpsychologie sich erweist, er hat seinen Stellenwert lediglich im dialektischen Zusammenhang der Verdrängung; nicht als eine Art von autonomem, wenn auch durch die „Krise“ vorgezeichnetem Rückgriff. Echt regressiv und eben darum unbewußt sind jene anal-sadistischen Motive, die von der Kontrolle der Kochtöpfe an Sonntagen über Rasse-Denunziationen und Sumpfentwässerungen zu Säuberungsaktionen und dem Schlimmsten führen. Dagegen ist die Romantik der Beschwörung alter Gesellschafts- und Bewußtseinsformen als „manifester Trauminhalt“, wie Deutschglaube, Sippe, Allodialverfassung, germanisches Recht bloß verhüllend: sie sollen die sonst unerträgliche Verdinglichung durch ein freilich unbewußt gespeistes Zeremonial in den Zustand der Unmittelbarkeit umdeuten und damit psychologisch das Leiden unter dem Kapitalismus paralysieren, ohne am gesellschaftlichen Zustand etwas zu ändern.“ Theodor W. Adorno: Vermischte Schriften I/II: Neue wertfreie Soziologie

lebensreform

Seit Jahrhunderten lechzen Menschen inmitten wirtschaftlicher Krisen oder gesellschaftlichen Umbrüchen nach einfachen Erklärungen und rettenden Auswegen. So entstand in Reaktion auf Industrialisierung, Materialismus und Urbanisierung Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland  die sogenannte Lebensreformbewegung. Die Entwicklungen der Moderne wurden in dieser Bewegung als Verfallserscheinungen angesehen und eine “Erlösung” versprachen sich die überwiegend völkischen, antisemitischen und eugenischen Esoteriker mit ihren “Reformen”.  Die Lebensreformbewegung propagierte ein einfaches, natürliches Leben mit gesunder Ernährung, frischer Luft und Bewegung, statt Erotik eine nordische Freikörperkultur plus Rassenhygiene und Eugenik, einer Menschenzucht, die sich am Ideal blond, groß, muskulös orientierte. Ihr angeblicher dritter Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus beinhaltete einen agrarisch-handwerk­lichen “fairen” Kleinkapitalismus, vor­zugsweise in ländlichen Siedlungen und mit zinsfreiem Geld.

Im Jahr 1883 wurde der “Deutsche Verein für Naturheilkunde und für volksverständliche Gesundheitspflege” gegründet und gleichzeitig erfuhr die “alternativmedizinische Methode” der Homöopathie verstärkten Zulauf. Der Maler und Kulturreformer Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913) gilt mit Heinrich Pudor (1865-1943) als Pionier der völkisch-nationalen Freikörperkultur, die Teil der Lebensreformbewegung war. Nacktheit war das Gegenmittel gegen die angebliche Degeneration der Menschen als Folge der Zivilisation. Der völkische Antisemit Richard Ungewitter (1869-1958) gründete 1910 die Loge für “aufsteigendes Leben” und warb für „strenge Leibeszucht“ und „nackte Gattenwahl“ mit dem Ziel, gesunde und „rassereine“ Nachkommen zu zeugen. Ungewitter meinte: „Würde jedes deutsche Weib öfter einen nackten germanischen Mann sehen, so würden nicht so viele exotischen fremden Rassen nachlaufen. Aus Gründen der gesunden Zuchtwahl fordere ich deshalb die Nacktkultur, damit Starke und Gesunde sich paaren, Schwächlinge aber nicht zur Vermehrung kommen.“ Die Werte der FKK Bewegung, die von der Wandervogelbewegung unterstützt wurde, waren kompatibel mit der NS-Ideologie.

Die Ernährungsreform, Landkommunen, die Gartenstadtbewegung, die Anthroposophie von Rudolf Steiner (1861-1925), Silvio Gesells Freiland- und Freigeldlehre sowie die Reformpädagogik  waren weitere wichtige Bereiche der Lebensreform. Rudolf Steiners “völkische Revolution”, war durchtränkt von Antihumanismus, Irrationalität, Rassismus und Antisemitismus. Er gab einflussreiche Anregungen für die Waldorfpädagogik, die anthroposophische Architektur,  Medizin,  sowie für die biologisch-dynamische Landwirtschaft. In Silvio Gesells (1862-1930)   Hauptwerk “Die natürliche Wirtschaftsordnung”  versprach der Zinskritiker, der in „gutes schaffendes“ und „böses raffendes Kapital“ unterschied,  die Lösung der kapitalistischen Widersprüche. Mit Einführung eines “Schwundgeldes” wollte Gesell verhindern, dass Geld gehortet und Zins abgeschöpft wird. Einer der engsten Mitarbeiter Gesells war der Ernährungsreformer Gustav Simons, ein Mitglied des „Ordens des Neuen Tempels“ von Lanz von Liebenfels (1874-1954), der Antisemitismus, Arierwahn und Germanenmythen verknüpfte und die Hakenkreuzfahne führte. 1895 war Simons auch Gründungsmitglied der Lebensreformer-Obstbaugenossenschaft Oranienburg-Eden bei Berlin. In einem Programmheft von Eden heißt es 1917: „Zum „natürlichen“ Leben in der Siedlung sei vegetarische Ernährung und „deutschvölkische Gesinnung Voraussetzung. Und dazu befähigt nur deutsches Ariertum“.  Ein enger Mitarbeiter Gesells, Rolf Engert (1889-1962) formulierte 1919 eindeutig: „Völkisches Empfinden duldet keine Zinsknechtschaft.“ Ebenso kooperierte Gesell mit Theodor Fritsch, der den Hammer Verlag gründete und dort zahlreiche antisemitische Propagandaschriften, darunter die deutsche Übersetzung der Protokolle der Weisen von Zion sowie seinen Antisemiten-Katechismus „Handbuch der Judenfrage“ herausgab. Gesell zog 1911 erstmals nach Eden, wo er auch seine letzten Jahre verbrachte. 1918 beteiligte sich Gesell mit einem Text an dem Buch „Deutschlands Wiedergeburt durch Blut und Eisen“, das Richard Ungewitter herausgab. Gesell lehnte Frauenemanzipation ab und behauptete, die natürliche Berufung einer Frau sei die Mutterschaft. Seine Mutterrente sollte Frauen sowohl von der Erwerbsarbeit als auch von der Versorgungsehe befreien. Sie sollten sich voll und ganz auf eine „Hochzucht“ der Menschheit konzentrieren und nur erbbiologisch wertvolle Männer als Partner akzeptieren.

Die Lebensreformbewegung lieferte den Nazis nicht nur Ideen sondern auch Personal. Der führende NS-Rassenhygieniker Alfred Ploetz kam aus der Lebensreformbewegung, der Eugeniker und Antisemit Theodor Fritsch engagierte sich in der Gartenstadt-Bewegung. Der Landschaftsarchitekt Alwin Seifert  sorgte als „Reichslandschaftsanwalt“ dafür, dass die Seitenstreifen der neuen Autobahnen mit heimischen Bäumen bepflanzt wurden. Steppenlandschaften bezeichnete er als „undeutsch“ und forderte, von der Wehrmacht die im Osten eroberten Gebiete mittels Feldhecken „einzudeutschen“. Außerdem war Seifert für den Kräutergarten der SS im KZ Dachau beteiligt, in dem biologisch-dynamische Anbaumethoden getestet wurden. Seifert wurde nach dem Krieg Ehrenvorsitzender des Bundes Naturschutz. Der „grüne Flügel“ in der NSDAP  um Walther Darré und Alwin Seifert  schwärmte für regenerative Energien, alternative Heilkunst und biologische Landwirtschaft. Landwirtschaftsminister Walther Darré kooperierte mit Demeter, Weleda und den anthroposophischen, biologisch-dynamischen Landwirten. Die Artamanen innerhalb der NSDAP verbanden den völkischen Okkultismus der Ariosophie mit der Naturschwärmerei der Lebensreform, den Ideen der Naturschutzbewegung und dem Kulturpessimismus Oswald Spenglers. Sie verherrlichten die Bauern als die einzigen “organischen Menschen” und predigten die Abkehr von der “internationalen Asphaltkultur der Großstädte”.

Mit der NSDAP erlebte die verkürzte Kapitalismuskritik einen zwischenzeitlichen Höhepunkt. Gottfried Feder schrieb im 25 Punkte-Programm der NSDAP ab Seite 22: „Die Wirtschaft, ob groß oder klein, Schwerindustrie oder Kleingewerbetreibender, kennen nur ein Ziel: “Profit”, sie haben nur eine Sehnsucht: “Kredit”, nur eine Aufwallung: die “gegen die Steuern”, nur eine Furcht und namenlose Hochachtung: die “vor den Banken” und nur ein überlegenes Achselzucken über die nationalsozialistischen Forderung der “Brechung der Zinsknechtschaft”. Alle drängen sich danach, “Schulden zu machen”. Die maßlosen Wuchergewinne der Banken, die ohne Müh und Arbeit, als Tribut vom Leihkapital erpreßt werden, findet man durchaus in der Ordnung. Man gründet eigene “Wirtschaftsparteien” und stimmt für die Dawesgesetze, die die Grundursache für die maßlosen Steuerlasten sind. Man stürzt sich in tiefe Zinsknechtschaft, schimpft über Steuern und Zinsen und erstirbt vor Hochachtung vor jedem Bankier und Börsenpriaten. Verwirrt sind die Hirne! Die Ganze Wirtschaft ist entedelt, entpersönlicht, in Aktiengesellschaften umgewandelt worden. Die Schaffenden haben sich selbst ihren größten Feinden in die Hände gegeben, dem Finanzkapital. Tief verschuldet, bleibt den Werteschaffenden in Werkstatt, Fabrik und Kontor nur karger Lohn, jeder Gewinn der Arbeit fließt in die Taschen der anonymen Geldmacht als Zins und Dividende. Die Leute, die die wirtschaftliche Vernunft in Pacht genommen haben, wissen das entstandene Chaos nicht zu bändigen. Von oben ausgepreßt durch Steuern und Zinsen, von unten bedroht durch das unterirdische Grollen der betrogenen Arbeitermassen, haben sie sich in wahnwitziger Verblendung dem Finanzkapital und seinem “Staat” an den Hals geworfen und werden von den Nutznießern und Ausbeutern des heutigen Chaos doch nur als Sklavenhalter über die Massen des arbeitenden Volkes geduldet. […] Das Volk in allen seinen Berufsständen bekommt die Zinspeitsche zu schmecken, jeder Bevölkerungsschicht sitzt der Steuereintreiber im Nacken, – aber wer wagt der Allmacht des Bank- und Börsenkapitals entgegenzutreten? Diese Allmacht des Leihkapitals zeigt sich darin, daß es, entgegen allen sonstigen irdischen Erfahrungen, ohne Mühe und Arbeit durch Zins, Dividende und Rente aus sich selbst heraus gewissermaßen wächst, immer größer und gewaltiger wird. Der teuflische Grundsatz der Lüge siegt über den Ordnungsgrundsatz der schaffenden Arbeit. Brechung der Zinsknechtschaft heißt hier unser Feldgeschrei. […] Der Kampf gegen das internationale Finanz- und Leihkapital ist zum wichtigsten Programmpunkte des Kampfes der deutschen Nation um ihre Unabhängigkeit und Freiheit geworden.”

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der anschließenden wirtschaftlichen  Globalisierung veränderte sich das politische Koordinatensystem. Es folgten die Anschläge vom 11. September und eine Weltwirtschaftskrise mit schwerwiegenden gesellschaftlichen Umbrüchen, weshalb sich viele Menschen wieder nach einfachen Erklärungen und rettenden Auswegen sehnten. Die Wutbürger von gestern kämpfen heute, oftmals mit antiwestlichem Furor, den Juchtenkäfer beschützend, gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 oder mit einem Faible für Irrationalität gegen das die “Welt aussaugende Finanzkapital”. Die Zinskritiker und Freiwirte sind bei Attac oder der sogenannten Occupy-Bewegung angekommen. Mit ihrer regressiven Kapitalismuskritk docken die Wutbürger bei Antiglobalisierungs-Vordenker Silvio Gesell und dem NSDAP “Wirtschaftsexperten” Gottfried Feder an. Bei den Wutbürgern gegen den Zins wird die Aversion gegen das Abstrakte überdeutlich. Das auch die Ware Geld ihren Preis hat, verdrängen die neuen Revolutionäre, ihr Hass gegen die Spekulanten ist zu groß. Das große Idol vieler Wutbürger ist der Kabarettist Georg Schramm, seines Zeichens „zorniger Bürger“, Kleinkünstler, Zinskritiker und Freund von Silvio Gesells Regionalgeld.

Georg Schramm bewies sein Gespür für den Zeitgeist, als er am 12. November 2011 vor dem Frankfurter Sitz der europäischen Zentralbank im zinskritischen Zeltlager von “Blockupy Frankfurt” eine Rede hielt, in der er unter anderem meinte: „Wenn Gott seine Welt liebt und die Menschen auch und wenn er ein alttestamentarischer, zorniger Gott ist, dann war sein Timing für die Katastrophe perfekt […]. Wenn die Kernschmelze [im Finanzbereich] solche Folgen hätte wie Fukushima, her mit der Kernschmelze! […] Ich habe übrigens den Begriff des zornigen Gottes gewählt, weil es ein Klassiker ist [!], die jungen Leute hier können das nicht wissen. […]  Das ist lange her, das war zu den Zeiten, wo die Päpste noch nicht mit der Macht liiert waren und noch gegen den Zinswucher [!] gepredigt haben. Papst Gregor hat damals gesagt, die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht. […] Für alle, die missmutig sind, dass ich hier Päpste zitiere, das kann ich im Prinzip verstehen, sei darauf hingewiesen: Das bis zu Beginn der Mittelalters nicht nur die katholische Kirche, sondern das überhaupt alle Weltreligionen immer über viele Jahrhunderte den Zinswucher als einer der größten Sünden bezeichnet haben. Die katholische Kirche ist erst dann davon abgerückt, als sie mit den ersten Banken die es  gab, nämlich mit den katholischen Banken, angefangen hat, damit Geld zu verdienen. Erst dann ist es schief gegangen. Früher war der Banker noch Geldverleiher, diesen Ruf, diesen gesellschaftlichen Status […] sollten wir ihm wieder besorgen! Es war ein unehrenhafter Beruf, den ein ehrbarer Mensch nicht ausüben wollte und die Nonnenmacher und Ackermänner dieser Erde mussten den  Dienstboteneingang nehmen um ins Schloss der Mächtigen zu kommen.“

Dominique Goubelle schreibt über diese Rede in “Bohème und Brettl revisited” treffend: “Georg Schramm, der mit seinem autoritären Parteisoldatenimage im neuen Deutschland gar nicht so recht für diese Rolle prädestiniert erscheint, gar schon anachronistisch wirkt, repräsentiert in seiner Funktion als Kabarettist und deutscher Kleinkünstler doch auch exemplarisch ein Milieu, eine Melange aus Künstlerimage und politischem Engagement, das meist zielsicher beim Antisemitismus landet. (..) Hinzugefügt sei noch mit Blick auf die heutige (klein)künstlerisch verbrämte Politikmacherei, wie man sie bei Schramm oder diversen Occupy-Aktivitäten findet, dass sie auf Eso-Kitsch und Lebensreform zugunsten eines sich militant gebenden Antikapitalismus ganz gut verzichten kann, den Hass auf die Agenten der Zirkulation und die mit ihnen als westlich gebrandmarkte Zivilisation aber als einendes Moment und Welterklärung beerbt, wie es auch im Verhältnis vieler Nazis zur Lebensreformbewegung der Fall war.”

Im Jahre 2008 schwamm Georg Schramm in der „Anstalt“ des ZDF wieder einmal mit dem Strom indem er die antiisraelischen Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad wahrheitswidrig, aber zum Gefallen rechter und linker „Israelkritiker“ negierte: „Israel muß von der Landkarte getilgt werden – falsch!!“ – „Das Besatzungsregime Israels muß Geschichte werden – richtig“. Der beliebte „Wutbürger“ spricht von einem Übersetzungsfehler und vom „israelischen Besatzungsregime“ und damit seinen Anhängern aus der Seele.

Anstatt sich dieser „Ontologie der Reklame“ zu erwehren , anstatt sich wegen der stetig steigenden Arbeitsproduktivität um eine Arbeitszeitverkürzung zu bemühen, anstatt sich für eine Verkürzung des Renteneitrittalters einzusetzen, anstatt für höhere Löhne zu demonstrieren, anstatt sich mit den Regeln der Kapitalverwertung auseinanderzusetzen, träumen die Wutbürger von gelynchten „Gierigen“ und erwählen wieder einmal einen Sündenbock für die Krisen und Konflikte dieser Welt.  Die selbsternannten „99 Prozent“ interessieren sich kaum für die Überwindung der Kapitalverhältnisse,  ihren ist vermutlich nicht bewußt wie regressive Kapitalismuskritik und reaktionäre, antisemitische Ideologie die Menschheit schon einmal an den Abgrund führte.

Obwohl Theodor W. Adorno den „Oberstleutnant Sanftleben“, bzw. „Lothar Dombrowski“ nicht kannte schrieb er in „Spengler nach dem Untergang“: “Unterdessen gilt bereits an Auschwitz zu erinnern für langweiliges Ressentiment. Keiner gibt mehr etwas fürs Vergangene. Was auf das von Spengler so genannte Zeitalter der kämpfenden Staaten folgt, ist seiner Konstruktion zufolge eine im dämonischen Sinne geschichtslose Zeit: die Tendenz der gegenwärtigen Wirtschaft, unter Eliminierung des Marktes und der Dynamik der Konkurrenz einen statischen und im eigentlich ökonomischen Sinn „krisenlosen“ Zustand unmittelbarer Verfügung herbeizuführen, kommt mit Spenglers Prognose deutlich genug überein. Mehr und sinnfälliger noch erfüllt sie sich in der Statik der »Kultur«, deren avancierten Versuchen seit dem neunzehnten Jahrhundert schon die Gesellschaft Verständnis und eigentliche Rezeption verweigert, die unablässige und tödliche Wiederholung des einmal Akzeptierten erzwingend, während die standardisierte Massenkunst vermöge ihrer „gefrorenen“ Modelle Geschichte ausschließt. „

Erstveröffentlichung in Mission Impossible

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Alles Übersetzungsfehler?

Als Präsident Ahmadinejad im Oktober 2005 dazu aufrief, Israel von der Landkarte zu tilgen, gab es in Deutschland keine Massendemonstrationen gegen das iranische Regime. Antizionistische Gruppen und iranfreundliche Schriftstellerinnen sprachen dagegen schnell von einem „Übersetzungsfehler“. Das Gerücht vom Übersetzungsfehler verbreitete sich rasant. Katajun Amirpur sprang dem iranischen Präsidenten in der Süddeutschen Zeitung mit ihrem Fiebertext „Ein Übersetzungsfehler macht gefährliche Weltpolitik“ hilfreich zur Seite. ARD und ZDF schlossen sich sogleich Frau Amirpur und dem vermeintlichen Übersetzungsfehler an.

Obwohl der Sprachendienst des Deutschen Bundestages bestätigte, dass es die iranische Nachrichtenagentur IRIB News gewesen ist, die Ahmadinejads Worte mit „wipe Israel from the map“ korrekt übersetzt hatte, blieb das Gerücht des Übersetzungsfehlers bestehen, ganz abgesehen davon, dass der Vernichtungswunsch Ahmadinejads vom Oktober 2005 kein iranischer Ausrutscher war. Seit 1979, seit der islamischen Revolution wird im Iran mit antisemitischen Parolen dazu aufgerufen den Judenstaat zu vernichten.

Ayatollah Khomeini hatte am 8. August 1979 den Al-Quds-Tag, mit dem Ziel der Vernichtung Israels ins Leben gerufen. Seitdem demonstrieren und hetzen khomeinistische Islamisten und deren antisemitische Freunde am letzten Freitag des islamischen Fastenmonats in knapp siebzig Ländern gegen den Staat Israel. Der iranische Revolutionsführer, Ayatollah Ali Khamenei, hat am 15. August 2012 im Zusammenhang mit dem Al-Quds-Tag erneut die Zerstörung Israels gefordert: “Auch in diesem Jahr wird das islamische Volk des Iran am Al-Quds Tag mit der Faust in den Mund der Feinde des Islam und Palästinas schlagen.” Außerdem bedeutete Ali Chamenei in dieser Rede, dass “der künstliche und zionistische Auswuchs sicher von der Landkarte vernichtet wird.” Am selben Tag berichtete ISNA, Qolamreza Jalali, ein iranischer “Verteidigungsstratege” habe gesagt, dass, es “keinen anderen Weg gibt außer die Zerstörung Israels.” Am 1. August 2012 sagte Ahmadinejad vor Vertretern und Botschaftern der islamischen Welt: „Der Al-Quds-Tag ist die Lösung der Weltprobleme und man muss nicht davon ausgehen, dass dieser Tag nur eine Lösung für die Probleme Palästinas ist. Jeder, der freiheitsliebend und gerecht ist, muss um Gerechtigkeit und Freiheit herzustellen, etwas tun, damit das zionistische Regime nicht mehr existiert.“ Beim diesjährigen antisemitischen Al-Quds-Tag in Berlin unterstützte beispielsweise Christoph Hörstel in einer Rede, nachdem er Israel das Existenzrecht absprach, die Vernichtungsabsichten des Irans: “Ich bin mir ganz sicher, wenn die Juden in Israel sich wieder, wie in früheren vielen Jahrhunderten, unter den Schutz treuer Muslime stellen, dann wird es ihnen besser gehen als heute.”

Im Mai 2011 meinte der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad in einem Fernsehinterview, Israel habe erneut sein „wahres Gesicht“ gezeigt. „Wie ein Krebsgeschwür, das sich im Körper ausbreitet, infiziert dieses Regime jede Region“. „Es muss aus dem Körper entfernt werden“, so Mahmud Ahmadinedschad.

Neben vielen anderen Repräsentanten des Regimes agitierte der wohl mächtigste Mann des Irans, Ali Chamenei, mehrfach vom „Krebsgeschwür Israel“. Am 3. Februar 2012 sagte er als Staatspräsident beim Freitagsgebet in der Universität Teheran: „Bald wird sich die Welt vom zionistischen Regime, diesem Krebsgeschwür, befreien. Iran wird jedem helfen, der das zionistische Regime bekämpft, so wie es schon in der Vergangenheit Hizbollah und Hamas geholfen hat.“  Bereits am 15. Dezember 2000 meinte Chamenei: „Es ist die Position des Iran, als erstes durch den Imam verkündet und viele Male von den Verantwortlichen wiederholt, dass das Krebsgeschwür, genannt Israel, aus der Region herausgerissen werden muss.“

Neben diesem kleinen Auszug von antisemitischen iranischen Vernichtungsdrohungen leugnen die staatlichen Organe des Irans mehrfach den Holocaust. So sagte Ahmadinedschad im August 2011: „Das zionistische Regime basiert auf vielen Enttäuschungen und Lügen, eine von ihnen war der Holocaust“. Die Holocaustleugnung verband Ahmadinedschad im libanesischen Fernsehsender al-Manar mit der Aussage, dass der Iran entschlossen sei Israel „auszulöschen“.

Seinen menschenverachtenden  islamistischen Zynismus bewies Mahmoud Ahmadinejad bereits während des Krieges gegen den Irak, als er 500.000 Plastikschlüssel aus Taiwan importieren ließ. Iranische Kinder ab 12 Jahren durften (mussten) die Minenfelder mit ihrem Körper, eingewickelt in Decken, räumen.  Vor dem Einsatz wurde ihnen ein Plastikschlüssel aus Taiwan um den Hals gehängt, der ihnen, so die Zusicherung, die Pforte zum Paradies öffnen werde. Diese Kindermärtyrer, gehörten der von Khomeini ins Leben gerufenen Massenbewegung der Basitschi an. Die Basitschi sind die Vorbilder der ersten Selbstmordattentäter, die in israelische Schulbusse steigen um vermeintlich ins Paradies zu gelangen.

Der Iran ist ein faschistischer Gottesstaat, dessen Repräsentanten seit über dreißig Jahren zur Vernichtung Israels aufrufen. Seit dieser Zeit unterstützt das Regime islamistische Attentäter und Armeen, wie die Hisbollah oder Hamas die diese Vernichtungsdrohungen in die Tat umsetzen. Die iranischen Machthaber unterdrücken die eigene Bevölkerung, Frauen sind Menschen zweiter Klasse im Gottesstaat Iran. Die iranische Schauspielerin Marzieh Vafamehr ist beispielsweise zu 90 Peitschenhieben und einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, weil sie in einem Film mit einer Glatze auftrat um nicht den Hijab tragen zu müssen. Das Mullahregime verfolgt jedes marxistische Denken mit grausamer Unterdrückung und Folter, steinigt vermeintliche Ehebrecherinnen und stellt Homosexualität unter Todesstrafe. Die Minderheit der Bahai wird mit Mord und Folter verfolgt. Kaum überrascht hat die blutige Niederschlagung der „grünen Revolution“ vor zwei Jahren.

Der nationalsozialistische “Stürmer” bezeichnete Juden als Parasiten und Heuschrecken und die iranische Führung bezeichnet Israel als “Infektion”, als “Krebsgeschwür”. In derselben Rede Ahmadinejads vom Oktober 2005 benennt Ahmadinejad Israel als “Ungeziefer welches ausgemerzt werden müsse”. In anderen Reden etikettiert Achmadinejad die israelischen Juden als „Vieh“, als „Schandfleck“, als „blutdürstige Barbaren“, als „Verbrecher“ als “Keim oder Mikroben”. Ein altbekanntes Motiv der Anstiftung zum Völkermord ist die Dehumanisierung der Opfergruppe. Joshua Teitelbaum  erkennt die Parallelen zum Nationalsozialismus, er sieht in dieser Dehumanisierung das Vorspiel zum Völkermord, zum angeblichen Übersetzungsfehler schreibt er in “Die iranische Führung in ihren eigenen Worten über die Vernichtung Israels”: „Die Äußerungen Ahmadinejads wurden von Nahost- und Farsi-Experten untersucht. Michael Axworthy, der ehemalige Leiter der Iran-Abteilung des britischen Außenministeriums von 1998-2000 und jetzige Dozent des Institut für Arabische und Islamstudien der University of Exeter, weist die Vorstellung, dass Ahmadinejad falsch übersetzt und verstanden wurde, nachdrücklich zurück: „Diese Formel wurde bereits zuvor von Khomeini und anderen verwendet und wurde von Vertretern des iranischen Regimes als ‚von der Landkarte tilgen‘ übersetzt. Manches der Argumentation darüber, was Ahmadinejad exakt gemeint habe, ist eine Scheindebatte. Wenn diese Parole bei Militärparaden auf Raketen zu lesen ist, dann ist die Bedeutung ziemlich eindeutig.“

Felix Bartels schreibt in einer Fußnote seines Artikels „Die Anatomie der schreibenden Mehrheit“ sehr nachvollziehbar zu dem Thema: „Abgesehen davon, daß eine unkorrekte Übersetzung im Angesicht unzähliger weiterer Fälle von Vernichtungsdrohungen bedeutungslos ist, uneingedenk ferner, daß die angeblich so abwegige Phrase »must be wiped of the map« von der IRNA selbst in ganz ähnlicher Form (»wipe Israel away«, IRNA-Meldung v. 26. Oktober 2005) in Umlauf gebracht wurde und, als Zitat einer anderen Rede, noch heute in ebenfalls ganz ähnlicher Form (»will be wiped off the map«, IRNA-Meldung v. 3. Juni 2008) auf der offiziellen Website des iranischen Präsidenten zu finden ist, offenbart sich das ganze Ausmaß des Wunschdenkens, wenn man falsche und korrekte Übersetzung miteinander vergleicht. Israel, so die falsche Übersetzung, solle von der Landkarte gefegt werden. Israel, so die korrekte Übersetzung, solle aus den Seiten der Geschichte getilgt werden. Das, belehren uns die Verteidiger des iranischen Präsidenten, sei ein wesentlicher Unterschied. Man fühlt sich ein wenig, als habe man es mit beschränkten Adepten Milman Parrys zu tun, die einem weismachen wollen, daß die alalkomenische Athene und die helläugige Athene zwei verschiedene Personen seien. Natürlich ist, was Parry die »essential idea« nennt, in beiden Übersetzungen dieselbe. Wenn mir einer mitteilt: Bartels, ich werde dafür sorgen, daß Sie aus den Seiten der Geschichte verschwinden, werde ich mir genauso schnell eine Waffe besorgen, als wenn er mir gesagt hätte: Ich werde Sie von der Landkarte fegen, denn in beiden Fällen ist der Sinn: Ich werde Sie töten.“

Trotz dieser Historie und trotz der aktuellen Menschenverachtung relativieren, verharmlosen und/oder rechtfertigen große Gruppen in den westlichen Gesellschaften die Ideologie und die Vernichtungsdrohungen  des iranischen Mullahregimes. Teilweise sind dieser Antisemitismus und diese Nähe zum Islamfaschismus in einer debilen Friedenssehnsucht zu suchen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion solidarisierten sich vermehrt orientierungslose Linke mit den  Dschihadisten und den Ajatollahs. Die antisemitischen beziehungsweise dschihadistischen Drohungen gegen Israel und die USA hatten eine enorme Anziehungskraft für die „friedliebenden“ linken Heimatverbände. „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ war und ist das Motto dieser nationalen Linken, deren Ansichten mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Spätestens seit dem Griff nach der Atombombe ist der Iran die größte Gefahr für den Weltfrieden. Die Vernichtungsambitionen nicht nur des iranischen Antisemitismus ernst zu nehmen und ihn zu bekämpfen ist das Mindeste was von einer aufgeklärten Gesellschaft zu erwarten ist. Das überwiegende Schweigen der Massenmedien zum diesjährigen „Al Quds”–Marsch in Ber­lin mit 600 fanatischen Anti­se­mi­ten ist kein Beleg dafür.

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Eine verkürzte Version dieses Artikels ist bereits im August 2012 in „Mission Impossible“ erschienen.

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