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Antisemitismus heute – wie judenfeindlich ist Deutschland?

Eine ARD-Dokumentation (gesendet am 28.10.2013) von Kirsten Esch, Jo Goll und Ahmad Mansour

Es werden die Hintergründe und Motivationen judenfeindlicher Gesinnungen in ganz unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft beleuchtet. Ahmad Mansour erforscht die Verbreitung des muslimischen Antisemitismus. Jo Goll, TV-Journalist und Experte für Rechtsextremismus, nimmt das rechtsnationale Lager in den Fokus. „Die Juden sind einfach an allem schuld“, tönt es aus diesen Kreisen.  Dokumentarfilmerin Kirsten Esch will wissen, wie viel Antisemitismus in der „Mitte der Gesellschaft“ zu finden ist. Sie spricht mit Experten und mit Menschen auf der Straße und trifft unter anderem mit Professorin Monika Schwarz-Frieseleine Linguistin, die über 100.000 E-Mails, Leserbriefe und Texte aus dem Internet mit antisemitischen Inhalten und anti-jüdischen Klischees untersucht hat.

Der Bielefelder Professor Andreas Zick warnt: „Antisemitismus, auch wenn er nur latent ist, bleibt immer Wegbereiter vom Wort zur Tat.“

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Alles Übersetzungsfehler?

Als Präsident Ahmadinejad im Oktober 2005 dazu aufrief, Israel von der Landkarte zu tilgen, gab es in Deutschland keine Massendemonstrationen gegen das iranische Regime. Antizionistische Gruppen und iranfreundliche Schriftstellerinnen sprachen dagegen schnell von einem „Übersetzungsfehler“. Das Gerücht vom Übersetzungsfehler verbreitete sich rasant. Katajun Amirpur sprang dem iranischen Präsidenten in der Süddeutschen Zeitung mit ihrem Fiebertext „Ein Übersetzungsfehler macht gefährliche Weltpolitik“ hilfreich zur Seite. ARD und ZDF schlossen sich sogleich Frau Amirpur und dem vermeintlichen Übersetzungsfehler an.

Obwohl der Sprachendienst des Deutschen Bundestages bestätigte, dass es die iranische Nachrichtenagentur IRIB News gewesen ist, die Ahmadinejads Worte mit „wipe Israel from the map“ korrekt übersetzt hatte, blieb das Gerücht des Übersetzungsfehlers bestehen, ganz abgesehen davon, dass der Vernichtungswunsch Ahmadinejads vom Oktober 2005 kein iranischer Ausrutscher war. Seit 1979, seit der islamischen Revolution wird im Iran mit antisemitischen Parolen dazu aufgerufen den Judenstaat zu vernichten.

Ayatollah Khomeini hatte am 8. August 1979 den Al-Quds-Tag, mit dem Ziel der Vernichtung Israels ins Leben gerufen. Seitdem demonstrieren und hetzen khomeinistische Islamisten und deren antisemitische Freunde am letzten Freitag des islamischen Fastenmonats in knapp siebzig Ländern gegen den Staat Israel. Der iranische Revolutionsführer, Ayatollah Ali Khamenei, hat am 15. August 2012 im Zusammenhang mit dem Al-Quds-Tag erneut die Zerstörung Israels gefordert: “Auch in diesem Jahr wird das islamische Volk des Iran am Al-Quds Tag mit der Faust in den Mund der Feinde des Islam und Palästinas schlagen.” Außerdem bedeutete Ali Chamenei in dieser Rede, dass “der künstliche und zionistische Auswuchs sicher von der Landkarte vernichtet wird.” Am selben Tag berichtete ISNA, Qolamreza Jalali, ein iranischer “Verteidigungsstratege” habe gesagt, dass, es “keinen anderen Weg gibt außer die Zerstörung Israels.” Am 1. August 2012 sagte Ahmadinejad vor Vertretern und Botschaftern der islamischen Welt: „Der Al-Quds-Tag ist die Lösung der Weltprobleme und man muss nicht davon ausgehen, dass dieser Tag nur eine Lösung für die Probleme Palästinas ist. Jeder, der freiheitsliebend und gerecht ist, muss um Gerechtigkeit und Freiheit herzustellen, etwas tun, damit das zionistische Regime nicht mehr existiert.“ Beim diesjährigen antisemitischen Al-Quds-Tag in Berlin unterstützte beispielsweise Christoph Hörstel in einer Rede, nachdem er Israel das Existenzrecht absprach, die Vernichtungsabsichten des Irans: “Ich bin mir ganz sicher, wenn die Juden in Israel sich wieder, wie in früheren vielen Jahrhunderten, unter den Schutz treuer Muslime stellen, dann wird es ihnen besser gehen als heute.”

Im Mai 2011 meinte der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad in einem Fernsehinterview, Israel habe erneut sein „wahres Gesicht“ gezeigt. „Wie ein Krebsgeschwür, das sich im Körper ausbreitet, infiziert dieses Regime jede Region“. „Es muss aus dem Körper entfernt werden“, so Mahmud Ahmadinedschad.

Neben vielen anderen Repräsentanten des Regimes agitierte der wohl mächtigste Mann des Irans, Ali Chamenei, mehrfach vom „Krebsgeschwür Israel“. Am 3. Februar 2012 sagte er als Staatspräsident beim Freitagsgebet in der Universität Teheran: „Bald wird sich die Welt vom zionistischen Regime, diesem Krebsgeschwür, befreien. Iran wird jedem helfen, der das zionistische Regime bekämpft, so wie es schon in der Vergangenheit Hizbollah und Hamas geholfen hat.“  Bereits am 15. Dezember 2000 meinte Chamenei: „Es ist die Position des Iran, als erstes durch den Imam verkündet und viele Male von den Verantwortlichen wiederholt, dass das Krebsgeschwür, genannt Israel, aus der Region herausgerissen werden muss.“

Neben diesem kleinen Auszug von antisemitischen iranischen Vernichtungsdrohungen leugnen die staatlichen Organe des Irans mehrfach den Holocaust. So sagte Ahmadinedschad im August 2011: „Das zionistische Regime basiert auf vielen Enttäuschungen und Lügen, eine von ihnen war der Holocaust“. Die Holocaustleugnung verband Ahmadinedschad im libanesischen Fernsehsender al-Manar mit der Aussage, dass der Iran entschlossen sei Israel „auszulöschen“.

Seinen menschenverachtenden  islamistischen Zynismus bewies Mahmoud Ahmadinejad bereits während des Krieges gegen den Irak, als er 500.000 Plastikschlüssel aus Taiwan importieren ließ. Iranische Kinder ab 12 Jahren durften (mussten) die Minenfelder mit ihrem Körper, eingewickelt in Decken, räumen.  Vor dem Einsatz wurde ihnen ein Plastikschlüssel aus Taiwan um den Hals gehängt, der ihnen, so die Zusicherung, die Pforte zum Paradies öffnen werde. Diese Kindermärtyrer, gehörten der von Khomeini ins Leben gerufenen Massenbewegung der Basitschi an. Die Basitschi sind die Vorbilder der ersten Selbstmordattentäter, die in israelische Schulbusse steigen um vermeintlich ins Paradies zu gelangen.

Der Iran ist ein faschistischer Gottesstaat, dessen Repräsentanten seit über dreißig Jahren zur Vernichtung Israels aufrufen. Seit dieser Zeit unterstützt das Regime islamistische Attentäter und Armeen, wie die Hisbollah oder Hamas die diese Vernichtungsdrohungen in die Tat umsetzen. Die iranischen Machthaber unterdrücken die eigene Bevölkerung, Frauen sind Menschen zweiter Klasse im Gottesstaat Iran. Die iranische Schauspielerin Marzieh Vafamehr ist beispielsweise zu 90 Peitschenhieben und einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, weil sie in einem Film mit einer Glatze auftrat um nicht den Hijab tragen zu müssen. Das Mullahregime verfolgt jedes marxistische Denken mit grausamer Unterdrückung und Folter, steinigt vermeintliche Ehebrecherinnen und stellt Homosexualität unter Todesstrafe. Die Minderheit der Bahai wird mit Mord und Folter verfolgt. Kaum überrascht hat die blutige Niederschlagung der „grünen Revolution“ vor zwei Jahren.

Der nationalsozialistische “Stürmer” bezeichnete Juden als Parasiten und Heuschrecken und die iranische Führung bezeichnet Israel als “Infektion”, als “Krebsgeschwür”. In derselben Rede Ahmadinejads vom Oktober 2005 benennt Ahmadinejad Israel als “Ungeziefer welches ausgemerzt werden müsse”. In anderen Reden etikettiert Achmadinejad die israelischen Juden als „Vieh“, als „Schandfleck“, als „blutdürstige Barbaren“, als „Verbrecher“ als “Keim oder Mikroben”. Ein altbekanntes Motiv der Anstiftung zum Völkermord ist die Dehumanisierung der Opfergruppe. Joshua Teitelbaum  erkennt die Parallelen zum Nationalsozialismus, er sieht in dieser Dehumanisierung das Vorspiel zum Völkermord, zum angeblichen Übersetzungsfehler schreibt er in “Die iranische Führung in ihren eigenen Worten über die Vernichtung Israels”: „Die Äußerungen Ahmadinejads wurden von Nahost- und Farsi-Experten untersucht. Michael Axworthy, der ehemalige Leiter der Iran-Abteilung des britischen Außenministeriums von 1998-2000 und jetzige Dozent des Institut für Arabische und Islamstudien der University of Exeter, weist die Vorstellung, dass Ahmadinejad falsch übersetzt und verstanden wurde, nachdrücklich zurück: „Diese Formel wurde bereits zuvor von Khomeini und anderen verwendet und wurde von Vertretern des iranischen Regimes als ‚von der Landkarte tilgen‘ übersetzt. Manches der Argumentation darüber, was Ahmadinejad exakt gemeint habe, ist eine Scheindebatte. Wenn diese Parole bei Militärparaden auf Raketen zu lesen ist, dann ist die Bedeutung ziemlich eindeutig.“

Felix Bartels schreibt in einer Fußnote seines Artikels „Die Anatomie der schreibenden Mehrheit“ sehr nachvollziehbar zu dem Thema: „Abgesehen davon, daß eine unkorrekte Übersetzung im Angesicht unzähliger weiterer Fälle von Vernichtungsdrohungen bedeutungslos ist, uneingedenk ferner, daß die angeblich so abwegige Phrase »must be wiped of the map« von der IRNA selbst in ganz ähnlicher Form (»wipe Israel away«, IRNA-Meldung v. 26. Oktober 2005) in Umlauf gebracht wurde und, als Zitat einer anderen Rede, noch heute in ebenfalls ganz ähnlicher Form (»will be wiped off the map«, IRNA-Meldung v. 3. Juni 2008) auf der offiziellen Website des iranischen Präsidenten zu finden ist, offenbart sich das ganze Ausmaß des Wunschdenkens, wenn man falsche und korrekte Übersetzung miteinander vergleicht. Israel, so die falsche Übersetzung, solle von der Landkarte gefegt werden. Israel, so die korrekte Übersetzung, solle aus den Seiten der Geschichte getilgt werden. Das, belehren uns die Verteidiger des iranischen Präsidenten, sei ein wesentlicher Unterschied. Man fühlt sich ein wenig, als habe man es mit beschränkten Adepten Milman Parrys zu tun, die einem weismachen wollen, daß die alalkomenische Athene und die helläugige Athene zwei verschiedene Personen seien. Natürlich ist, was Parry die »essential idea« nennt, in beiden Übersetzungen dieselbe. Wenn mir einer mitteilt: Bartels, ich werde dafür sorgen, daß Sie aus den Seiten der Geschichte verschwinden, werde ich mir genauso schnell eine Waffe besorgen, als wenn er mir gesagt hätte: Ich werde Sie von der Landkarte fegen, denn in beiden Fällen ist der Sinn: Ich werde Sie töten.“

Trotz dieser Historie und trotz der aktuellen Menschenverachtung relativieren, verharmlosen und/oder rechtfertigen große Gruppen in den westlichen Gesellschaften die Ideologie und die Vernichtungsdrohungen  des iranischen Mullahregimes. Teilweise sind dieser Antisemitismus und diese Nähe zum Islamfaschismus in einer debilen Friedenssehnsucht zu suchen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion solidarisierten sich vermehrt orientierungslose Linke mit den  Dschihadisten und den Ajatollahs. Die antisemitischen beziehungsweise dschihadistischen Drohungen gegen Israel und die USA hatten eine enorme Anziehungskraft für die „friedliebenden“ linken Heimatverbände. „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ war und ist das Motto dieser nationalen Linken, deren Ansichten mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Spätestens seit dem Griff nach der Atombombe ist der Iran die größte Gefahr für den Weltfrieden. Die Vernichtungsambitionen nicht nur des iranischen Antisemitismus ernst zu nehmen und ihn zu bekämpfen ist das Mindeste was von einer aufgeklärten Gesellschaft zu erwarten ist. Das überwiegende Schweigen der Massenmedien zum diesjährigen „Al Quds”–Marsch in Ber­lin mit 600 fanatischen Anti­se­mi­ten ist kein Beleg dafür.

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Eine verkürzte Version dieses Artikels ist bereits im August 2012 in „Mission Impossible“ erschienen.

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