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Vom Gründerkrach bis zur Occupy-Bewegung

Regressive Kapitalismuskritik

Die Protestbewegungen „Occupy Wall Street“ oder die globalisierungskritische Vereinigung „Attac“ sind derzeit die Lieblinge der Medien und vermeintlich drauf und dran den Kapitalismus vor dem Bankrott zu retten. Vom Jesuitenschüler Heiner Geissler bis zum FDP Mitglied Max Otte, von Angela Merkel, Sigmar Gabriel bis zur katholischen Kirche, alle „Mächtigen“ lieben die Occupy-Bewegung. Ein Protest den alle lieb haben tut nicht weh, verkürzte, meist personalisierte Kapitalismuskritik, also regressiver Antikapitalismus war ebenfalls das Metier von Gottfried Feder, dem „Wirtschaftsexperten“ der NSDAP. Dass nicht die Banken, sondern die Regierungen mit ihrer massiven Kreditaufnahme bei eben diesen Banken Ursache der aktuellen Schulden- und Eurokrise sind, scheint sich irgendwie bei den „antikapitalistischen Kämpfern“ nicht herumgesprochen zu haben.  Diese Ablenkungsmanöver mit verkürzter Kapitalismuskritik, also der Trennung von „gutem“ und „bösen“ Kapital ist jedoch nicht neu:

Die seit 1850 anhaltende stürmische Entwicklung des Kapitalismus brach 1873 abrupt ab. In Deutschland wurde der  Boom durch Reparationszahlungen Frankreichs und den entstandenen neuen Märkten befördert. Im Jahre 1873 brachen die Finanzmärkte weltweit zusammen. „Ausgangspunkt der Krise von 1873 und der Großen Depression war der Zusammenbruch des Kapitalmarktes für Eisenbahnaktien und die Erschöpfung des Eisenbahnbaus als „Strategischer Leitsektor“, schreibt Georg Fülberth in „G Strich“. Als so genannter „Gründerkrach“ wird der Börsencrash von 1873 bezeichnet, dem eine Überhitzung der Konjunktur durch eine galoppierende Industrialisierung vorausgegangen war. Bereits damals führte die Gründerkrise zu Verschwörungstheorien, welche in erster Linie der angeblich jüdischen Hochfinanz die Schuld an der Krise gaben. Nach der Gründerkrise verstaatlichte Bismarck die Eisenbahnen. Sie waren systemrelevant für das Militär sowie für den Transport von Arbeitskräften und Waren. In dieser Wahrnehmung erfolgte eine Trennung in einerseits das „raffende“ Finanzkapital und in das „schaffende“ Produktionskapital. Diese Trennung mit der entsprechenden Verteufelung des Zinses wurde von Pierre-Joseph Proudhon (1809-65) propagiert und später von Silvio Gesell (1862-1930), den Nationalsozialisten um Gottfried Feder (1883-1941) vielen anderen bis zu vielen aktuellen „Kapitalismuskritikern“ übernommen. Der „gute deutsche“ Fabrikbesitzer wurde während des Gründerkrachs dem „raffenden“, „gierigen“, „jüdischen“ Finanzkapitalisten entgegengestellt.

Zwei Weltkriege eine schwere Depression 1929 (an der für viele der damaligen „Wirtschaftsexperten“ die Juden schuld waren) und einige „Wirtschaftwunder“ folgten. Nach den gigantischen Zerstörungen des 2. Weltkrieges setzte ein exorbitanter Nachkriegsboom ein. In diesem fordistischen Nachkriegsboom, vor allem das „Wirtschaftswunder“ Deutschlands in den 1950er Jahren sei hier erwähnt, wurden bis in die 1970er Jahre Massen von Arbeitskräften benötigt um Massen von Waren herzustellen, welche die Arbeiter und Angestellten durch Vollbeschäftigung mit ihren Löhnen tatsächlich kaufen konnten. Nach der Sättigung der Märkte, einhergehend mit dem tendenziellen Fall der Profitrate und damit verbundenen  ungeheuren Rationalisierungsmaßnahmen wurden immer weniger Menschen gebraucht um die Waren zu produzieren, die immer weniger Leute kaufen wollten oder konnten. Die Arbeitslosigkeit stieg 1980 in Deutschland von  0,9 Millionen auf 3,3 Millionen im Jahre 1995. Ein Schulbeispiel für eine Überakkumulationskrise, nach Karl Marx.

Zeitgleich zwangen die Ölkrise und der Vietnamkrieg die finanziell angeschlagenen USA 1973 zur Kündigung von Bretton-Woods, der Goldeinlösegarantie des Dollars. Durch den Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods  begann eine neue Periode in der Geschichte des Kapitalismus.  Der realökonomische Widerspruch konnte durch Konjunkturprogramme, Staatsinterventionen und keynesianische Regulation nicht verhindert werden.  Erst die zunehmende Liberalisierung der Finanzmärkte unter Ronald Reagean und später Gerhard Schröder und die monetaristische Politik der Neoliberalen boten eine Scheinlösung, einen Aufschub.  Das Kapital, das in der Realwirtschaft keine rentable Anlagemöglichkeit mehr fand, konnte in den Bereich des fiktiven Kapitals ausweichen. Die Krise wurde aufgeschoben, und der Neoliberalismus wurde zum weltweiten Programm. Anfang der 1980er Jahre setzten die großen Schuldenkrisen in den Entwicklungsländern ein. 1987 kam es zu einem erneuten Börsencrash. Anfang der neunziger Jahre gerieten die USA und Japan in eine Immobilien- und Bankenkrise. 1992 kam das Europäische Währungssystem ins Wanken. Währungs- und Wirtschaftskrisen gab es 1994/ 95 in Mexiko, 1997/98 in Asien, 1998 in Russland und 1999 in Lateinamerika. 2000 begann der weltweite Börsenkrach, darauf folgten der amerikanische Immobilienboom und die jetzigen Schuldenkrisen der „wohlhabenden“ Industrieländer.  Im ständigen Platzen der Finanzblasen wird nichts anderes sichtbar als das verdrängte und kumulierte Krisenpotential von vier Jahrzehnten. Die gigantische Finanzblasen, die gigantischen Schuldenberge der Staaten sind nicht Ursache, sondern Wirkung der Krise des Fordismus, die einen qualitativen Einbruch in der kapitalistischen Geschichte markiert.

Immer mehr Geld strömte also seit den 1980er Jahren in die Finanzmärkte, aber wohin sollte es denn sonst strömen? Die mit spekulativen Finanzoperationen erzielten Gewinne waren und sind längst ein wichtiger Posten im Haushalt von Privatleuten, Staaten und Unternehmen. Ohne diese Gewinne an den Finanzmärkten wären die Weltwirtschaft und die Produktionswirtschaft längst zusammengebrochen. Der spekulative Finanzsektor alimentiert den immer unrentabler werdenden Bereich der Produktion, der spekulative Sektor generiert für die Produktion dringendst nötiges frisches Geld. Finanzspekulationen sind heute mehr denn je nicht mehr von den ökönomischen Vorgängen in der Produktion und in der Dienstleistung zu trennen. Würde man die Spekulation verbieten, funktionierte die Weltwirtschaft und die Produktionswirtschaft längst nicht mehr. „Die periodisch anschwellende Spekulantenhetze im Namen der gerade wunderbaren „Marktwirtschaft“ und ihrer „Arbeitsplätze“ lässt schon längst wieder Töne hören, die an die antisemitischen Ausbrüche von 1873 und 1929 erinnern, während die vorgeschlagenen Maßnahmen (etwa die Besteuerung von Spekulationsgewinne) von lächerlicher Harmlosigkeit zeugen. Es wird völlig verdrängt, dass die Ära der kasinokapitalistischen Spekulationsexzesse das Resultat eines endogenen Prozesses ist, in dem sich das warenproduzierende System mit seiner Grundzumutung der „Arbeitsmärkte“ endgültig selber ad absurdum geführt hat“, schreibt Robert Kurz in seinem Buch „Schwarzbuch Kapitalismus“. Die aktuelle Euro und Schuldenkrise hat offensichtlich nur sekundär etwas mit den Banken zu tun. Deutschland als Exportweltmeister will seine Waren im Ausland verkaufen. Griechenland, die entsprechenden Euroländer, die USA, sowie die Schwellenländer kauften ihre deutschen Waren auf Kredit. Die diversen Banken gaben die Kredite, damit Deutschland seine Waren verkaufen konnte. Deutschland konnte seine Waren auf dem Weltmarkt so gut verkaufen, weil die Reallöhne in Deutschland im Vergleich zu den Euroländern relativ gering sind.

Die aktuellen Wirtschaftskrisen zeichnen sich also dadurch aus, dass massenhaftes Elend mit einem Überangebot an Waren einhergeht. Der offensichtliche Widerspruch zwischen Überangebot und mangelnder Nachfrage ist die Erscheinungsform des entscheidenden Problems, der Überakkumulation von Kapital. Akkumulation ist laut Karl Marx die Rückverwandlung von Profit (Mehrwert) in Kapital, also die Reinvestition  von Gewinnen. Der Begriff Überakkumulation bezeichnet eine Situation, in der die durch fortgesetzte Akkumulation aufgehäuften Kapitalmassen zu groß geworden sind, um noch ausreichende Profite abzuwerfen. Die Akkumulation der Profite führt zu einem Punkt, an dem sie selbst zum Hindernis für die Erzielung von ausreichenden Profiten wird. Krisen entstehen dieser Theorie zufolge aus einem zu viel an Kapital. Die Folge ist eine Tendenz zu Überproduktion, Arbeitslosigkeit, Armut und Schuldenkrisen von Staaten und Menschen. Besteht mit sinkenden produktiven Verwertungsmöglichkeiten ein Überfluss an Kapital, so wir dies auf die Bahn der Abenteuer gedrängt: Spekulation, Kreditschwindel, Aktienschwindel (MEW23/261) sind die Folgen.

Ein großer dritter Weltkrieg mit einem Zerstörungspotential des zweiten Weltkrieges könnte den Kapitalismus zweifellos für weitere dreißig bis fünfzig Jahre retten, da es vermutlich wieder einen Aufbauboom geben würde. Humaner wäre eine grundlegende Währungsreform, damit es vielleicht wieder zwanzig Jahre so weitergehen könnte. Gegen eine Finanztransaktionssteuer oder eine Entflechtung der Großbanken ist zwar wenig einzuwenden, die Weltwirtschaftkrisen oder die Schuldenkrisen der Länder werden allerdings  dadurch nicht verhindert. Die Welt und viele in ihr lebenden einfältigen Menschen brauchen immer wieder Sündenböcke, wer eignete sich dafür besser als die vermeintlich „jüdischen Wucherer“ oder das internationale Finanzkapital? „Unser Schicksal hängt am globalen Lotteriespiel eines Systems, das ohne fiktives Kapital keinen Tag länger die Realproduktion gewährleisten könnte. Nicht die Gier einzelner Menschen ist die Ursache kapitalistischen Gewinnstrebens, sondern das systemimmanente und -notwendige kapitalistische Gewinnstreben fördert Gier und bestraft Solidarität“, schreibt Lothar Galow-Bergemann in Konkret 12/08. Ursache und Wirkung verwechseln offensichtlich nicht nur die katholischen Pfaffen, was Karl Marx bereits 1867 wusste, Kausalität ist aber auch ein schwieriges Fremdwort.

Quellen: Georg Fülberth: Sieben Anstrengungen, den vorläufigen Endsieg des Kapitalismus zu begreifen – Stefan Frank: Die Weltvernichtungsmaschine – Georg Fülberth: G Strich – Robert Kurz: Schwarzbuch Kapitalismus – Max Otte: Die Krise hält sich nicht an Regeln – Karl Marx: Das Kapital 1-3 – Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie – Alfred Müller: Die Marxsche Konjunkturtheorie

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Der tendenzielle Fall der Profitrate

Für Karl Marx ist das „Gesetz“ des „tendenziellen Falls der Profitrate“ (3. Band – Das Kapital) eine Grundlage für die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus. Diese These gilt ebenfalls als Grundlage für die Erkenntnis, dass lohnabhängig Beschäftigte  immer größerer Konkurrenz bei immer schlechteren Bedingungen ausgesetzt sind. Aufgrund von Eigenschaften der kapitalistischen Wirtschaft besteht also laut Marx eine Tendenz zur Verringerung der Profitrate im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt.

In der kapitalistischen Gesellschaft treten sich Lohnarbeiter und Kapitalist als Warenbesitzer gegenüber. Der Kapitalist besitzt die Produktionsmittel und kauft mit Geld (G) die Arbeitskraft der Lohnarbeiter. Dieser Warenaustausch (W=Ware)  wird in folgender Formel zum Ausdruck gebracht: G – W – G‘.  Der Profit des Unternehmers errechnet sich, laut Marx, aus dem Mehrwert. Lohnarbeiter verkaufen ihre Arbeitskraft, zu ihrem Wert an die Kapitalisten. Für den Unternehmer lohnt sich dieses Geschäft nur, wenn die Lohnarbeiter länger arbeiten, mehr Produkte herstellen, als zu ihrer eigenen Selbsterhaltung notwendig ist. Die geleistete unbezahlte Mehrarbeit, das Mehrprodukt, ist eine Gratisleistung an die Kapitalisten, dies ist laut Marx der Mehrwert.  Mehrwert ist also das Ergebnis der unbezahlten Mehrarbeit. Marx erläutert, dass man den Arbeitstag in zwei Bestandteile zerlegen kann. Ein Teil umfasst die Zeit, während der der Arbeiter den Wert seiner eigenen Arbeitskraft reproduziert (notwendige Arbeit), der Rest des Arbeitstages – die darüber hinaus gehende Zeit ist die überschüssige Arbeit oder der Mehrarbeit. Das Verhältnis der Mehrarbeit zu notwendigen Arbeit wird in der sogenannten Mehrwertrate ausgedrückt. Mehrwertrate = Mehrarbeit / notwendige Arbeit. Wenn beispielsweise ein achtstündiger Arbeitstag in vier Stunden notwendige und weitere vier Stunden Mehrarbeit aufgeteilt wird, dann beträgt die Mehrwertrate 4/4 bzw. 100 Prozent. Beträgt die Mehrwertrate  3/5 Stunden, entspricht dies 60 %.  Produktion des relativen Mehrwerts bezeichnet die Verringerung der notwendigen Arbeit durch die Verbesserung der Produktionsmethoden. Es verringert sich die zur Produktion notwendige Arbeitszeit, die in den Wert der Arbeitskraft eingehenden Waren können in kürzerer Zeit hergestellt werden, obwohl die absolute Länge des Arbeitstages gleich bleibt. Mit der Produktion des relativen Mehrwerts verringert sich nicht nur der Anteil der notwendigen Arbeit, sondern auch die Anzahl der zur Herstellung einer Ware notwendigen Arbeiter.

Die Profitrate errechnet sich aus dem Verhältnis des Mehrwerts zum gesamten Kapital, das im Produktionsprozess zum Einsatz kommt. Das Gesamtkapital andererseits zerfällt in zwei Bestandteile: das konstante Kapital, das heißt die Produktionsmittel (Rohstoffe und Maschinen) und jenes Kapital, das zum Erwerb der Arbeitskraft ausgelegt wird. Die Profitrate ergibt sich also aus dem Verhältnis des Mehrwerts zu dem im Produktionsprozess eingesetzten Gesamtkapital. Stellen die Arbeiter eines Unternehmers  im Vergleich zu den Arbeitern eines anderen Unternehmers überdurchschnittlich viel Mehrwert, erhält der Unternehmer einen Extraprofit. Es besteht deshalb ein unvermeidlicher Anreiz, wenn auch unter Beachtung der zusätzlichen Kosten, mehr in Maschinen zu investieren als in den Kauf von Arbeitskraft, wenn dies die Produktivität der Arbeiter so ausreichend erhöht, dass der Mehraufwand für zusätzliche oder bessere Maschinen wieder hereingeholt wird. Wenn dann aber so mit dem technischen Fortschritt, mit der Automatisierung usw. immer mehr Lohnarbeit, die doch allein Mehrwert schaffen kann, durch immer mehr Maschinerie (konstantes Kapital) ersetzt wird, wird damit auch das allein ausbeutbare, also allein Profite schaffende Element relativ immer kleiner. Also sinkt langfristig die Profitrate als Verhältnis der Profite zum für den Kauf von Maschinerie usw. eingesetzten Kapital. Die Profitrate ist also Mehrwert durch (konstantes Kapital + variables Kapital). Durch die Konkurrenzsituation wird dem Unternehmer ein ständiges Produzieren und eine ständige Verbesserung der Produktionsmethoden aufgezwungen. Bei der einfachen Produktion widerholt sich der Produktionsprozess auf gleichem Niveau, das vorgeschossene Kapital bleibt gleich hoch und wird in der selben Größe immer wieder in die Produktion gesteckt. Bei der erweiterten Produktion wird der erwirtschaftete Mehrwert zusätzlich in die Produktion gesteckt, Marx spricht von der Akkumulation des Kapitals. Die Akkumulation des Kapitals bedeutet, dass die vorgeschossene Kapitalsumme um den Mehrwert (den Teil des Mehrwerts der vom Unternehmer nicht individuell konsumiert wird), vergrößert wird und somit auf höherer Stufenleiter produziert wird.

Der tendenzielle Fall der Profitrate ergibt sich also daraus, dass mit steigender Arbeitsproduktivität der Anteil des konstanten Kapitals am Produktionsprozess wächst. Abgetrieben durch den Wettbewerb des Marktes ist das Unternehmen gezwungen auf „höherer Stufenleiter“ zu produzieren. Es kommt also zu einer Veränderung des organischen Kapitals. Wird also die Produktivität durch technische Verbesserungen erhöht, so entfallen auf einen Arbeiter wertmäßig mehr Produktionsmittel als vorher. In hochtechnisierten Bereichen ist der Anteil von c hoch, der von v niedrig. Das konstante Kapital nimmt zu, das variable Kapital wird tendenziell weniger. Höherer Technikeinsatz, Rationalisierung usw. führen zu einer Abnahme des Mehrwertes, da menschliche Arbeitskraft eingespart wird. Laut Marx bezieht der Unternehmer seinen Profit ausschließlich durch den Mehrwert. Da dieser Mehrwert zurückgeht, sinkt ebenso tendenziell die Profitrate.  Michel Heinrich schreibt: „Die Produktivkraftsteigerung mittels Maschinerie hat zur Folge, dass sowohl die Mehrwertrate m/v als auch die Wertzusammensetzung des Kapitals c/v zunehmen. Die quantitative Entwicklung dieser beiden Größen ist entscheidend für die Bewegung der Profitrate. Dividiert man in der Profitratenformel Zähler und Nenner durch v, dann erhalten wir für die Profitrate den Ausdruck: m/(c+v) = (m/v) / (c/v + v/v)  = (m/v) /  (c/v +1). Hier werden Mehrwertrate und Wertzusammensetzung als Determinanten der Profitrate sichtbar. Marx stützt seine Begründung für den tendenziellen Fall der Profitrate auf das steigen von c/v. Würde m/v unverändert bleiben, dann würde das steigen von c/v automatisch zu einem sinken der Profitrate führen (der Zähler unseres Bruches bliebe konstant, der Nenner wächst, damit vermindert sich der Wert des Bruches)“ Im 13. Kapitel eines 3. Bandes des Kapitals schreibt Marx: Bei gegebenem Arbeitslohn und Arbeitstag stellt ein variables Kapital, z.B. von 100, eine bestimmte Anzahl in Bewegung gesetzter Arbeiter vor; es ist der Index dieser Anzahl. Z.B. 100 Pfd.St. sei der Arbeitslohn für 100 Arbeiter, sage für eine Woche. Verrichten diese 100 Arbeiter ebenso viel notwendige Arbeit wie Mehrarbeit, arbeiten sie also täglich ebenso viel Zeit für sich selbst, d.h. für die Reproduktion ihres Arbeitslohns, wie für den Kapitalisten, d.h. für die Produktion von Mehrwert, so wäre ihr Gesamtwertprodukt = 200 Pfd.St. und der von ihnen erzeugte Mehrwert betrüge 100 Pfd.St. Die Rate des Mehrwerts m/v wäre = 100%. Diese Rate des Mehrwerts würde sich jedoch, wie wir gesehen, in sehr verschiedenen Profitraten ausdrücken, je nach dem verschiedenen Umfang des konstanten Kapitals c und damit des Gesamtkapitals C, da die Profitrate = m/C. Ist die Mehrwertsrate 100%: Wenn c =    50,    v = 100, so ist p´ = 100/150 = 662/3%. –  Wenn c =    100,    v = 100, so ist p´ = 100/200 = 50%.  – W enn c =    200,    v = 100, so ist p´ = 100/300 = 331/3%. –  Wenn c =    300,    v = 100, so ist p´ = 100/400 = 25%.  –   Wenn c =    400,    v = 100, so ist p´ = 100/500 = 20%.  Marx räumte ein, dass die Wertzusammensetzung des Kapitals schwächer wächst als die technische Zusammensetzung, da im Zuge des technischen Fortschritts Waren in kürzerer Arbeitszeit hergestellt werden können, so dass gemäß Arbeitswertlehre der Wert der Waren sinkt, auch der Waren, die das konstante Kapital bilden. Darüber hinaus räumt Marx ein, dass „abstrakt betrachtet“ der Anstieg der technischen Zusammensetzung durch die Wertminderung des konstanten Kapitals gerade ausgeglichen werden kann. Deshalb spricht er sinnvollerweise von dem tendenziellen Fall der Profitrate. Der tendenzielle Fall der Profitrate ist die Triebkraft hinter jeder  Entwicklung neuer Technologien und der Revolutionierung der Produktivkräfte, die Marx als Charakteristikum der kapitalistischen Produktionsweise bezeichnete. Natürlich sprechen auch einige Umstände gegen das Gesetz über den tendenziellen Fall der Profitrate. Wenn beispielsweise weniger Arbeiter bezahlt werden müssen, fallen auch die Lohnkosten. Bei gleich bleibendem Wert der Arbeitskraft würde sich das variable Kapital um den entsprechenden Anteil vermindern. Ob die Profitrate fällt hängt auch davon ab, was schneller fällt, die Mehrwertmasse oder das vorgeschossene Kapital. Gesamtwirtschaftlich besteht ein Zielkonflikt. Die Arbeitsproduktivität wird am stärksten dadurch gesteigert, dass ein immer größerer Teil des verfügbaren Kapitals in Form von konstantem Kapital c, ein immer geringerer Teil in Form von variablem Kapital v investiert wird. Dies bedeutet aber, dass immer weniger zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Der Nachkriegsboom wurde durch die Ausdehnung des Kapitals erzeugt. Der tendenzielle Fall der Profitrate wurde Ende der sechziger Jahre erkennbar und schlug sich 1974/75 in einer der tiefsten Rezessionen nieder. Das Kapital reagierte mit einer Offensive gegen den Lebensstandard, mit der Reorganisation der Produktion und der Flucht ins Finanzkapital, auf die fallenden Profitraten. Die fallenden Profitraten sind eine Ursache für die aktuelle Überproduktionskrise. Um denselben Profit zu erzielen, mussten eine immer größere Menge von Autos produziert werden. Einerseits wurde das Problem durch Kreditfinanzierung und Leasing in der Produktion und später im Konsum hinausgeschoben. Die panikartigen staatlichen Rettungsmaßnahmen bezogen sich daher neben den Banken vor allem auf die Autokonzerne, die ähnlich den Banken als  „systemrelevant“ gelten. Aber das Problem dieser Überproduktionskrise wird so nicht beseitigt. Einige Autokonzerne werden in der nächsten Zeit die Tore schließen. Die fallenden Profite in der Autoindustrie werden fallende Kaufkraft zur Folge haben. Die Überakkumulationskrise wirkt seit ungefähr 35 Jahren. Hintergrund war eben das Auslaufen des Nachkriegsbooms. Mit dem Rationalisierungsschub der aufkommenden Mikroelektronik war es  jedoch mit dem realwirtschaftlichen Aufschwung vorbei. Die Menge der Waren explodierte, die der benötigten Arbeit implodierte. Die fallende Profitrate, die Realwirtschaft hatte keine rentable Anlagemöglichkeit mehr, trieb das  Kapital in die Spekulation, in fiktives Kapital. Mit Erfolg, die Krise wurde aufgeschoben.

Quellen: Karl Marx – Das Kapital – Band 1 und Band 3
Alfred Müller –  Die Marxsche Konjunkturtheorie: Eine überakkumulationstheoretische Interpretation
Michael Heinrich –  Kritik der politischen Ökonomie

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