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Michael Landmann und das Israelpseudos der Pseudolinken

Als das europäische Judentum in Hitlers Mordfabriken unterging, stand das Establishment ohne sich zu rühren daneben.  Will die Neue Linke passiv danebenstehen — und sich dadurch mitschuldig machen —, will sie es gutheißen, wenn das Unausmalbare, aber arabischerseits täglich Angedrohte geschehen sollte und Israel untergeht? – Michael Landmann im Oktober 1970

landmann-israelpseudosDer am 16. Dezember 1913 in Basel geborene jüdische Philosoph Michael Landmann sympathisierte Mitte der 1960er Jahre mit der sogenannten Neuen Linken. Es war die Neue Linke die sich nach dem „Schlaf in das Sich-Abfinden mit dem Bestehenden“ eine Sensibilisierung für das Unrecht thematisierte. Die Neue Linke gab der Gegnern des Vietnamkriegs eine hörbare Stimme. Es war die mehr blochistische als marxistische Utopie die Michael Landmann ansprach. Jedoch hat die Neue Linke, wie kaum eine andere Bewegung, ihr großes Kapital sehr schnell verspielt. Die Stellungnahme der Neuen Linken zu Israel nach dem Sechstagekrieg war die „Hauptfront des Wandels“:  „Israel wurde der Neuen Linken zum Schiboleth. Als bei einer Berliner Demonstration 1969 Angehörige der Außerparlamentarischen Opposition sich als Fatah-Leute verkleideten, da war der angebliche Demonstrationszug in Wahrheit ein Leichenzug, in dem eine Hoffnung zu Grabe getragen wurde.“

Die Nationalrevolutionäre von Rudi Dutschke über Bernd Rabehl bis Horst Mahler waren trotz aller internationalistischen Rhetorik weniger neu als deutsch. Um den ersehnten Schulterschluss mit den Eltern vollziehen zu können, musste die Erinnerung an Auschwitz abgewehrt werden, weil dieses „Ereignis“ die erhoffte Familienzusammenführung behinderte. „Als wollten sie Freuds These über den Wiederholungszwang von Neurotikern bestätigen, benahmen sich Vertreter der Neuen Linken bei der Abwehr dieser Erinnerung so, als würden sie von einer unsichtbaren Hand aus dem Führerbunker gelenkt. “Die Abwehr der Erinnerung an das Unsägliche, was geschah,” so hatten Max Horkheimer und Theodor Adorno 1959 geschrieben, “bedient sich eben der Motive, welche es bereiten halfen”:  antisemitischer Raserei, die sich lediglich neu ausprägt“, schreiben Jan Gerber und Anja Worm im Nachwort von Michel Landmanns Essay. Diesen Zusammenhang zwischen dem Hass auf Israel und dem neulinken Bedürfnis nach der Versöhnung mit den Eltern thematisiert Michael Landmann in seinem 1971 veröffentlichten Essay.

1928 ist Michela Landmann aus der Schweiz nach Deutschland übergesiedelt. Bekannt wurde der Simmel-Herausgeber durch seine Monographie über Philosophische Anthropologie. 1951 wurde der “verspätete Aufklärer” zum Professor für Philosophie der Freien Universität Berlin berufen. Nach vielen Protesten und Gegenreden wider den antizionistischen Schriften des AStA oder des SDS erklärte Michael Landmann prophetisch, dass diese Protestbewegung zum Teil “faschistische Züge” trage. Nur fünf Jahre nach der Veröffentlichung von „Das Israelpseudos der Pseudolinken“ entführte ein Kommando aus deutschen und palästinensischen Linken, in einer durchweg faschistischen Aktion, ein Flugzeug der Air France über Athen und selektierte die jüdischen von den nichtjüdischen Insassen. Während die nichtjüdischen Passagiere freigelassen wurden, blieben die jüdischen Fluggäste unter menschenunwürdigen Bedingungen bis zur Erstürmung, während der Operation Thunderbolt in Entebbe, in der Hand der antizionistischen Entführer. Der Antiisraelismus, so schrieb Landmann bereits damals, ist die moderne Form des Antisemitismus. Im Herbst 1978 wanderte Michael Landmann, nicht zuletzt wegen dem  Antisemitismus vieler seiner pseudolinken Studenten nach Israel aus, wo er am 25. Januar 1984 in Haifa starb.

Nach dem Brandanschlag  am 13. Februar 1970 auf das Jüdische Altenheim München in der Reichenbachstraße 27 gaben SDS und das ISRA-CA am 17. Februar eine gemeinsame Erklärung ab, in der es hieß, der Bundesrepublik kämen solche Anschläge gelegen, „weil  sie eine zusätzliche Rechtfertigung  für die Unterstützung des zionistischen Staates Israel seien.“  „Links ist gleich antiisraelisch“ ist in diesen Zeiten eine unreflektierte Selbstverständlichkeit. In diesem Klima, zu einer Zeit als Deutschland und Westberlin von einer antizionistischen Krawall- und Terrorwelle überrollt wurde, veröffentlichte Michael Landmann seinen Text über das Israelpseudos der Pseudolinken.

Auf stereotype Behauptungen wie „Die Juden haben den Arabern das Land weggenommen“ macht Landmann ruhig und in gut aufklärerischer Manier unter anderem darauf aufmerksam, dass Juden das Land lange vor den Arabern bewohnten, dass zu Palästina auch das nach dem ersten Weltkrieg abgetrennte Transjordanien gehörte, was dreiviertel des Gebietes ausmachte. Vierzehn arabische Staaten dehnen sich über Gebiete von insgesamt elf Millionen Quadratkilometern aus. Das ist eine Fläche, die um eine Million Quadratkilometer größer ist als ganz Europa, die europäische Sowjetunion miteingeschlossen. Der Staat Israel war bis zum Sechstagekrieg 27.000 Quadratkilometer groß. Das sind zwei Tausendstel des enormen arabischen Raumes. Es bleiben immer noch 99,80 Prozent aller arabischen Gebiete in arabischem Besitz, von denen der größte Teil unbebaut ist. Die gängige Mythologie ist, Israel sei auf dem Boden eines arabischen Staates durch dessen gewaltsame Teilung entstanden. Aber nie gab es einen palästinensischen arabischen Staat. Palästina war, als die zionistische Besiedlung begann, eine Provinz des ottomanischen Reiches. Das bebaute Land wurde rechtlich erworben. Es war zum großen Teil türkisches Kronland, aus dem damals siebzig Prozent des Territoriums bestanden. Die arabisch-Deutschersche Behauptung, die Araber seien ausersehen worden, den Preis für die Verbrechen Europas an den Juden zu bezahlen, löst sich im Licht der Geschichte in ein Gespinst auf.

Beispielsweise gegen den Imperialismusvorwurf der Neuen Linken schreibt Landmann: „Zu einem guten Teil beruht das Israelpseudos der Pseudolinken auf der mechanischen Übertragung eines allgemeinen Denkschemas auf eine ihm unangemessene Situation. Statt den geschichtlich singulären Prozess zu analysieren, verfällt sie, so wie sie überhaupt geschichtsfremd ist, einer oberflächlichen Analogie. An der komplexen Konkretion geprüft, lösen ihre Argumente sich auf.“ Landmann belegt, dass Israel nicht mit Hilfe des “westlichen Imperialismus” entstanden ist, sondern umgekehrt gegen ihn. Der Nahostkonflikt wurde bis zum Ende des Kalten Krieges durch den Ost-West-Konflikt nur überlagert. Dem Vorurteil, im Nahen Osten stehe einem israelischen Imperialismus ein arabischer Sozialismus gegenüber, begegnet Landmann mit dem Verweis auf die sozialistischen Traditionen der Kibbuz-Bewegung, den Feudalismus in zahlreichen arabischen Staaten, die Sklaverei in Saudi-Arabien und die Begeisterung für den Nationalsozialismus  in Ägypten und in der Baath-Partei. Wer die Beweise für die arabischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel nicht sehe, so Landmann, “will sie nicht sehen”.  Landmann belegt, dass der Israelfeind nicht an den Fakten interessiert ist und es ihm weder um eine Analyse noch um eine Lösung des Nahostkonfliktes gehe. Unter den Motiven, die die Neue Linke an die Seite der Palästinenser treiben, ist das   antiimperialistische zwar das hervorstechendste, aber nicht das einzige. Von der  “Europamüdigkeit“ bis zur „Geschichtsfremdheit” reichen die begründeten Vorwürfe Landmanns an die Pseudolinke. „Bis zum Sechstagekrieg erschienen die Israelis als die underdogs, die man verteidigen muss. Nach ihrem Sieg verlagert sich das natürliche Mitgefühl auf die Unterlegenen. – Dieses Mitgefühl ist kurzsichtig. Israel kann Schlachten gewinnen, aber nicht verhindern, dass die Araber erneut gegen es rüsten. Je mehr sie sich modernisieren, um so mehr wird ihre zahlenmäßige Überlegenheit ins Gewicht fallen. Sie empfangen große Waffenlieferungen nicht nur des Ostens. Während Israels Siege nur Waffensiege sind, die die Existenz der arabischen Staaten und Völker nicht bedrohen, wäre der arabische Sieg eine Staats- und Volksvernichtung“, so Landmann.

Im zweiten Teil seines Essays geht Michael Landmann auf die haltlosen Vorwürfe der trotzkistischen Flugschrift „Der israelisch-arabische Konflikt“  des Trotzki-Biografen Isaac Deutscher ein. Zum Sechstagekrieg schreibt Landmann beispielshalber: „In arabischen Ländern blüht der Antisemitismus, von dem uns seit Hitler noch in Erinnerung blieb, dass er nicht nur eine “Weltanschauung” ist, sondern ein kompaktes Ziel zu verwirklichen sucht. Die Araber erklären dem Fremden gern, sie seien Gegner nur des Staates Israel, nicht der Juden. Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. Hitlers Saat ist noch einmal aufgegangen. Seine Massenvernichtung der Juden findet in Literatur und Presse überall beredte Verteidiger, während andererseits Nasser in einem Interview mit der Deutschen National- und Soldatenzeitung sagte, “niemand nimmt die Lüge von den sechs Millionen ermordeten Juden ernst”. Nicht umsonst gingen Hunderte ehemaliger Nazis nach Ägypten. Araber vertreten die Authentizität der “Protokolle der Weisen von Zion”, die einst zu den russischen Pogromen führten und auch von Hitler benutzt wurden. Wie bisher nur im Dritten Reich, gibt es von ihnen in Ägypten eine offizielle Ausgabe, und auch in Auszügen, in Radiosendungen und Lehrbüchern werden sie wiedergegeben. Das Ritualmordmärchen wird wieder ausgegraben. Am 24. April 1970 strahlte der Sender der Palästinensischen Befreiungsfront von Kairo her die Nachricht aus, die Juden hätten in Gaza – die Bevölkerung sei Zeuge – arabischen Kindern die Kehle durchschnitten, um aus dem Blut Mazze herzustellen. (…)

Immer ist es die Methode des Faschismus, angestaute Aggressionstriebe innerhalb eines Volkes auf einen “Volksfeind” nach außen umzuadressieren. Wie der Antisemitismus unter Hitler dazu diente, Widersprüche des Systems zu überspielen, so dient der arabische Antiisraelismus dem gleichen Zweck. Wie er die unter sich zerstrittenen arabischen Staaten aneinander bindet, so bindet er die arabischen Massen gegen ihr eigenes Interesse an ihre Feudalherren und Militäroligarchien. Er blockiert damit auf faschistische Weise die Inangriffnahme der in den arabischen Staaten überfälligen Reformen: Kanonen statt Sozialismus. Da anderseits die Ungelöstheit ihrer eigenen Probleme verdrängt auf den arabischen Völkern lastet und sie zugleich in Israel einen effizienten progressiven Staat vor sich sehen, der für sie einen beständigen Vorwurf bedeutet, steigert sich der Haß gegen Israel zu doppelter Virulenz. Inversiv wird es rückständig, imperialistisch, rassistisch etc. genannt, während die wahre Fortschrittlichkeit erst von einem arabischen Palästina zu erwarten sei. Dass sich in den arabischen Staaten dieser massenpsychologische faschistische Mechanismus abspielt, ist, da auch so viel höher entwickelte europäische Staaten ihm verfielen, vielleicht nicht zu verwundern. Zu verwundern aber ist, dass die zuverlässig antifaschistische Neue Linke diesen Mechanismus nicht durchschaut und dass sie als Ausdruck von Sozialismus nimmt, was in Wahrheit mit zu dem Zweck erfunden wurde, Sozialismus zu hintertreiben. Im Unterschied zu einer breiten Strömung im arabischen Lager ist die Neue Linke nicht antisemitisch. Die Israelgegner in ihr sind “nur” gegen Israel. Aber an Israel haftet, nachdem die Religion als Bindeglied schwächer wird, heute die Identität des Judentums. Wird Israel morgen zerstört, so gibt es übermorgen kein Judentum mehr. Der Antiisraelismus, der sich durch die Abwehr des Antisemitismus als honorig darstellen möchte, ist daher diesem nicht so unähnlich, wie er glaubt. Er bildet die moderne Form des Antisemitismus. Er hat die Stelle erspäht, an der er das Judentum als Ganzes tödlich treffen kann.  (…)

Der Wille zur Ausradierung Israels ist die Konstante der arabischen Politik. Es besteht keinerlei Grund, die Ernsthaftigkeit des tausendmal Proklamierten herunterzuspielen. Hier nur wenige repräsentative Äußerungen Nassers: “Unser Ziel ist die Schaffung eines vereinten und ununterbrochenen arabischen Raumes, in welchem Israel ausgemerzt sein wird”. (Botschaft an die arabische Studentenversammlung, London, 15. Mai 1965) “Das nationale arabische Endziel ist die Ausrottung Israels”. (Gemeinsames Kommunique mit dem Präsidenten des Irak, 25. Mai 1965) “Unser Ziel ist die Vernichtung des israelischen Staates”. (Rede in Kairo, 18. November 1965) “Die Existenz Israels an sich ist Aggression.” (Pressekonferenz Kairo, 28. Mai 1967) Aber auch der “gemäßigte” Hussein ließ eine Briefmarke drucken, die ein hashemitisches Königreich bis zum Mittelmeer zeigt, in dem Israel nicht mehr existiert. Das ägyptische Artilleriefeuer, sagte der Korrespondent des Beiruter Daily Al-Muharrer, tönt “wie Mozarts (!) Neunte Symphonie”.

Beim Staatsmord allein soll es aber nicht bleiben. Ihm soll ein Volksmord hinzugefügt werden. Der unversöhnliche Hass gegen Israel richtet sich auch gegen die Israelis und konvergiert so mit dem Vernichtungsantisemitismus. “Der Hass, den wir unsern Kindern einprägen, ist ein heiliger Hass”, sagte der syrische Unterrichtsminister. Eine UNESCO-Kommission begutachtete arabische Schulbücher: sie empfahl die Rücknahme von acht und die Änderung von 59 Ausgaben. In vielen von ihnen wird die Sprache des internationalen Antisemitismus geführt. In einem Rechenbuch entdeckte sie die Aufgabe: “Du tötest von 10 israelischen Kindern 4, wie viel bleiben dann noch?”. (..)

Was die arabischen Staaten irgend tun konnten, um ihre Drohungen in die Tat umzusetzen, haben sie getan. Sie fielen am Tage nach seiner Gründung von allen Seiten über den jungen Staat her. Zurückgeschlagen, verhängten sie den Wirtschaftsboykott, durch den Israel erdrosselt werden sollte. Es kam zur Sperrung des Suezkanals für israelische Schiffe und zu dem Plan, das für Israel lebenswichtige Jordanwasser abzuleiten und großenteils ungenutzt versickern zu lassen.

Auch die arabischen Dispositionen im Mai/Juni 1967 waren nicht nur defensiv: das lässt sich anhand erbeuteter militärischer Befehle beweisen. Nach der Erneuerung der Blockade der Meerenge von Tiran, womit er ein internationales Abkommen umstieß, erklärte Nasser am 20. Mai im Radio Kairo: “Mit der Schließung des Golfes von Akaba steht Israel zwei Alternativen gegenüber, von denen jede es zerstören wird. Es wird entweder zu Tode gewürgt durch die arabische ökonomische Blockade, oder es wird vernichtet werden unter dem Feuer der arabischen militärischen Kräfte.” Am 24. Mai sekundierte die Kairoer Tageszeitung Al Ahram: “Israel wird die Schließung der Meeresstraße nicht hinnehmen, deshalb kann der Krieg jeden Augenblick ausbrechen.” Nasser am 26. Mai: “Es wird sich diesmal um einen totalen Krieg handeln und unser Ziel ist die Vernichtung Israels.” Er verkündete eine allgemeine Mobilmachung und brachte seine Armeen in Sinai bis auf sechzig Kilometer an Tel Aviv heran. Er errichtete ein einheitliches Militärkommando mit Syrien, Jordanien und anderen arabischen Staaten, die ebenfalls ihre Truppen entlang den Grenzen mit Israel zusammenzogen. Zusammen wurden Hunderttausende von Soldaten, weit über tausend Panzer, tausend Kampfflugzeuge um den leicht verletzbaren Staat Israel – Husseins Kanonen standen nur fünfzehn Kilometer von Tel Aviv – konzentriert. Die Syrer verstärkten ihr Artilleriefeuer auf landwirtschaftliche Siedlungen im Jordantal. Die von ihnen organisierten Terrorakte wurden täglich tödlicher. Der ganzen Welt wurde mitgeteilt, dass die Auslöschung des jüdischen Staates unmittelbar bevorstünde. Die jordanische Armee gab Anweisungen, sämtliche Einwohner eroberter Ortschaften auszurotten.

Wie kann Deutscher es wagen, angesichts dieser unverhüllten und auf Eroberung gerichteten Einkreisungsstrategie der Nachbarstaaten von der “Aggressivität” Israels zu sprechen? Hätte Israel sich damals nicht verteidigt, so existierte es nicht mehr. Die Redeweise vom israelischen “Aggressor” ist eine arabisch-sowjetische Gemeinschaftslüge, nach dem Rezept gefertigt, dass Lügen ein gewisses Größenmaß überschreiten müssen, um dann wieder Gehör zu finden. Die Sowjetunion widerspricht sich selbst, denn 1956 legte sie einem Sonderausschuss der UNO folgende Definition vor: “In einem internationalen Konflikt wird der Staat als Angreifer erklärt, der als erster folgende Taten ausführt: … Unterstützung von bewaffneten Banden, die aus seinem eigenen Territorium organisiert wurden und die in das Territorium eines andern Staates eindringen.” Die Lüge ist aber sowohl bei Arabern wie Russen wie auch bei de Gaulle, der sich ihr anschloss, wenigstens eine politisch motivierte Lüge. Es blieb der Neuen Linken vorbehalten, sie als höhere Wahrheit für Eingeweihte anzubieten. Was dort erklärlich und aus der Perspektive des Handelnden gerechtfertigt sein mag, erfüllt hier nur den Tatbestand der böswilligen Verleumdung.

Wie kann Deutscher dafür, dass ein rings umstelltes und mit Extermination konfrontiertes Volk in seiner Not und um zu überleben zu den Waffen greift, Worte gebrauchen wie “jener Wahnsinn aus Kampfeslust, Arroganz und Fanatismus”? Zieht man so mit erhobenem Zeigefinger, kontemplativ und besserwisserisch neben der Geschichte stehend, über Menschen her, die in einer absoluten Situation standen und keine andere Wahl hatten? Dies ist die Methode der Mesquinen, dem, dessen Nase einem nicht gefällt, Ehre und Ruf abzuschneiden, ihn zu diffamieren und der Lächerlichkeit preiszugeben. Ressentiment rächt sich an der Leistung, indem es sie entwertet und verzerrt. Notwehr heißt dann “Wahnsinn”, das Sich-Befreien aus tödlicher Umklammerung “Kampfeslust”. Mit “Arroganz und Fanatismus stießen die Israelis vor”: etwa so wie die Nazis in die Ukraine? Hätten sie sich untätig ermorden lassen sollen? War es ein Verbrechen, dass sie gewannen? Offenbar hätte Deutscher ihre Niederlage lieber gesehen und kann ihnen den Sieg nicht verzeihen.“ (…)

Nach über vierzig Jahren hat die Schrift Michael Landmanns nichts von seiner Aktualität verloren. So gut wie jede Verteidigungsaktion Israels wird heutzutage von deutschen Antizionisten abgelehnt und so gut wie jede Terroraktion der Palästinenser und ihrer Verbündeten von Pseudolinken ignoriert, verharmlost, relativiert oder begrüßt. Moderne Antisemiten gedenken jedes Jahr der Reichspogromnacht und polieren Stolpersteine von ermordeten Juden um gleichzeitig für das Recht des Irans auf atomare Bewaffnung einzutreten und jüdische Produkte aus Israel zu boykottieren. Es bleibt nach wie vor das Rätsel unserer Zeit wie sich Pseudolinke für die Gleichberechtigung der Frau in Europa einsetzen können um gleichzeitig die frauenverachtende Politik in den arabischen Staaten zu beschweigen, wie es Pseudolinke schaffen den demokratischen Staat Israel, die Insel der Aufklärung im Nahen Osten, zu delegitimieren und zu dämonisieren um gleichzeitig die islamfaschistische Ideologie, sowie die menschenverachtenden und antisemitisch motivierten Mordtaten von Hamas, Hisbollah und anderer arabischer Terrorregierungen zu verharmlosen oder gar gutzuheißen. Es kann nur als eine ideologische Verwahrlosung bezeichnet werden wenn Pseudolinke den alten „Antiimperialismus“ auf die islamistischen Bewegungen und Regimes übertragen, denn der Islamismus steht gegen alles, wofür eine emanzipatorische Linke jemals eingetreten ist.

Die pseudolinken antizionistischen  Studenten der sechziger und siebziger Jahre sind inzwischen, wie es Michael Landmann bereits vor über 40 Jahren befürchtete, “als Lehrer, Publizisten und als Beamte in maßgeblichen Stellungen Multiplikationen. Der antiisraelische Furor ist längst im politischen Mainstream angekommen in dem die Unterscheidung zwischen “links” und “rechts” kaum noch getroffen werden kann.  Um die einschlägigen antizionistischen Vorurteile und Ressentiments zu lesen, muss man nicht unbedingt ein nationalbolschewistisches, antizionistisches Wochenblatt abonnieren, es genügt die Süddeutsche Zeitung aufzuschlagen, einer Debatte im Bundestag über den Nahostkonflikt zu lauschen oder einen Bericht über Israel in 3sat zu sehen.

Michael Landmann gebührt mit Jean Améry das Verdienst bereits vor über vierzig Jahren aus linker Perspektive die ideologische Verwahrlosung dieser Pseudolinken geächtet zu haben. Die Erkenntnisresistenz von Antizionisten und ihren Verteidigern ist mittlerweile sprichwörtlich, so dass die Idee der Emanzipation nur gegen diese Kreise durchgesetzt werden kann. Mit Michael Landmann ist abschließend zu konstatieren: Argumente, die von einer Vernichtungsankündigung begleitet werden, sind keine Argumente. Wer das Gespräch damit eröffnet, dass es in Liquidierung enden soll, ist kein Partner. Indem sich „linke Israelkritiker“ mit denen identifizieren, die Israel liquidieren wollen, stiften diese Pseudolinken eine Situation, die keinerlei Gespräch mehr aufkommen lässt.

Quelle: Michael Landmann – Das Israelpseudos der Pseudolinken – Herausgegeben von Jan Gerber und Anja Worm für die » Materialien zur Aufklärung und Kritik« – ça ira Verlag – Oktober 2013, 148 Seiten („Das Israelpseudos der Pseudolinken“ erschien zuerst 1971 im Colloquium-Verlag in Berlin)

Erstveröffentlichung am 17. November 2013 in Mission Impossible

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Niekisch, Radek, Strasser und der Nationalbolschewismus

Eine Abrechnung

Autonome NationalistenKommunisten waren die ersten Opfer der nationalsozialistischen Barbarei. Jede Gleichsetzung von Kommunismus und dem deutschen Nationalsozialismus ist ein „Schlag ins Gesicht“ der 50 Millionen Opfer des „tausendjährigen Reiches“. Das Abstreiten der Singularität von Auschwitz, die sogenannte „Totalitarismus-Theorie“ ist dementsprechend eine Relativierung der deutschen Verbrechen von 1933 bis 1945. Dennoch ist es wichtig auf die Schnittmengen und die gemeinsamen Aktionen von „linken“ Nationalsozialisten und nationalen Kommunisten und auf das gegenwärtige „Querfrontdenken“, in weiten Teilen, der heutigen „Linken“, hinzuweisen. Die Versuche Nationalismus und Sozialismus zu verbinden reichen bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück. Im Unterschied zu Marx setzte dieser frühe „nationale Sozialismus“ (Karl Grün, Louis Blanc, Georges Sorel) auf den dirigistischen Staat und die Abschottung gegen den Welthandel. Eine Haltung, die Marx als reaktionär geißelte und stets klar zurückwies. Die revolutionären Syndikalisten und Anarchisten prognostizierten bereits vor dem „Ersten Weltkrieg“ die Integration des Proletariats in die bürgerliche Gesellschaft. Der revisionistische Flügel der SPD um Eduard Bernstein verzichtete offen auf den Internationalismus. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges gingen die einflussreichen Verfechter des „Kriegssozialismus“ in der SPD, im Gegensatz zu Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, noch weiter. Sie suchten offen den Anschluss an die alten Eliten des Kaiserreichs, versehen mit völkischer Ideologie. Um die negativen Entwicklungen von Teilen der heutigen Linken zu beleuchten ist es nötig sich den Zeitraum von 1918 bis 1933 näher anzusehen. Ernst Niekisch, auf den sich die heutigen „Nationalen Sozialisten“ berufen, versuchte Zeit seines Lebens „Sozialisten“ und „Nationalisten“ zu vereinen.

Ernst Niekisch (1889 –1967), bis 1926 SPD-Mitglied,  wurde kurzzeitig Zentralvorsitzender der Räterepublik in München, in der er bereits eine reaktionäre und nationalistische Politik verfolgte. 1937 wurde Niekisch verhaftet und zu lebenslänglicher Haft verurteilt, weil der „Nationalrevolutionär“ Hitler öffentlich von „rechts“ kritisierte. Nach dem Krieg trat er der SED bei und wurde Mitglied des Zentralkomitees, verließ aber die DDR nach den Unruhen des 17. Juni.
Niekischs Ziel war der Ausgleich der Klassen, des Proletariats und der Kapitalisten, das Zurückdrängen, der für ihn „verjudeten“ SpartakistInnen und die nationale Größe Deutschlands, das er als Opfer der „Zinsknechtschaft“ ansah. 1923 gründete er, mit national gesinnten Jungsozialisten, den „Hofgeismarer Kreis“, der sich gegen den Internationalismus nach Marx wandte und einen Sozialismus im nationalen Rahmen auf der Grundlage eines starken Staates anstrebte. Die ideologischen Eckpfeiler von Ernst Niekisch waren Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus, Antiimperialismus, nationale Befreiung („Versailler Diktat“), völkischer Antikapitalismus, Antifeminismus, eine antiwestliche Grundeinstellung mit einer prosowjetischen Ausrichtung. Niekisch kritisierte nicht den Kapitalismus als solchen, der durch Klassenkampf überwunden werden musste, für ihn waren die „ausländischen“ und da vor allem die „jüdischen Kapitalisten“ die materialistischen Verführer. Nach der Ausschaltung dieser Kräfte würde sich, seiner Meinung, automatisch ein „deutscher Sozialismus“ etablieren. Frauen wurden bei Niekisch, wie bei Silvio Gesell, auf die Rolle einer Gebärmaschine reduziert. Er warnte vielfach vor der „Verweiberung“ Deutschlands, die er vor allem in den USA schon weit fortgeschritten sah.  Ernst Niekisch, der Silvio Gesell während der „Münchner Räterepublik“ zum Finanzmann berief, gilt mit Fritz Wolfheim als der Hauptbegründer des Nationalbolschewismus. Nach der Niederschlagung der „Münchner Räterepublik“, verteidigte sich Silvio Gesell folgendermaßen: „Dass diese Räteregierung mich als Finanzmann erwählte, war für mich ein Beweis, dass es sich nicht oder noch nicht um Bolschewismus oder Kommunismus handelte. Denn eine Teilung des Volkes in hohe, mittlere und niedre Schichten bedeutet völkischen Verfall. Völkisches Empfinden duldet keine Zinsknechtung anderer oder gar die Beteiligung daran. Wer noch etwas rassisches, völkisches Empfinden verspürt, der gehe in sich, tue Buße; der gestehe, dass er und seine Ahnen Verrat begingen am eigenen Volk, am eigenen Blut (..)“. Das Ziel der Nationalbolschewisten um Ernst Niekisch war ein sozialistisches Rätesystem. In ihrem „Volkskampf“ mit einer  „proletarischen Volksorganisation“ forderten sie eine  Synthese zwischen Nationalismus und Sozialismus. Das Programm der Nationalrevolutionäre, „Die Politik des deutschen Widerstandes“, veröffentlichte Ernst Niekisch 1930. Einleitend fordert er: „Protest gegen die Ideen von 1789 (Individualismus, Kapitalismus, Marxismus, Parlamentarismus), gegen Westeuropa als den Mutterboden diese Ideen.“ Mit seinen „12 Thesen“ fährt er fort: „Blickwendung nach Osten, umfassender Rückzug aus der Weltwirtschaft und gesamte Drosselung der Einfuhr, Zwang zur Stadtflucht und bewusste Verödung der Großstädte, Schaffung bäuerlicher Lebensgemeinschaften, Absage an die Ideen der Humanität, Bekenntnis  zum Autoritären, Pflege der Wehrhaftigkeit, Verzicht auf Privateigentum, stattdessen Verpflichtung für den Dienst an Volk und Staat.“ Ernst Niekisch unterhielt Verbindungen zum antisemitischen, sogenannten „linken Flügel“ der NSDAP und zu den „Nationalbolschewisten“ im Umfeld der KPD.

Der kommunistische Politiker und Journalist Karl Radek (1885 – 1939) forderte 1923, während der Ruhrbesetzung, nach dem Tod von Albert Leo Schlageter (1894 – 1923) eine Diskussion innerhalb der KPD über Bündnisse mit rechten Gegnern des Versailler Friedensvertrages. Die Parole Radeks, „die Sache des Volkes zur Sache der Nation gemacht, macht die Sache der Nation zur Sache des Volkes“, sollte für viele Jahre die kommunistischen Versuche bestimmen, den Nationalsozialisten ihre Anhängerschaft abzugewinnen.
Schlageter war ein deutscher Freikorpskämpfer, der während der Ruhrbesetzung 1923 gegen die französischen Besatzungstruppen im aktiven Widerstand war. Ein französisches Militärgericht verurteile ihn wegen Spionage und Sabotage zum Tode. Ein Gnadengesuch lehnte Schlageter ab, wodurch er nach seiner Hinrichtung zur Kultfigur für Nationalisten wurde. Die NSDAP ernannte ihn zum ersten Soldaten und Karl Radek sagte in seiner Rede, er hoffe, dass „hunderte Schlageters Wanderer in eine bessere Zukunft der gesamten Menschheit werden könnten.“ Nach diesem Strategiewechsel, dem sogenannten „Schlageterkurs“, öffnete die KDP, die Spalten ihres Zentralorgans, der „Roten Fahne“ für Beiträge des völkisch-nationalen Propagandisten Ernst Graf zu Reventlow. Gemeinsame Diskussionsgruppen wurden für die Querfrontstrategie gegründet. Thomas Haury schreibt dazu: „Sowohl während des Schlageterkurses, als auch im Zuge der Propaganda für die Programmerklärung finden sich in der Publizistik der KPD und in Reden ihrer Funktionäre einzelne Äußerungen, die ihr schon von Zeitgenossen den Vorwurf des Antisemitismus einbrachten.“  Für die KPD war Antisemitismus ausschließlich eine Klassenfrage. Führende KPD Politiker bescheinigten der extremen Rechten, dass ihr Kampf gegen das jüdische Kapital sie nicht voneinander trenne. Die KPD gehe nur weiter, weil sie auch gegen das christliche Kapital zu Felde ziehe. Ganz in diesem Sinne äußerte sich das ZK-Mitglied Ruth Fischer am 25. Juli 1923 auf einer Versammlung von kommunistischen StudentInnen, zu denen auch völkische Kommilitonen eingeladen waren: „Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber, meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner?“ 1924 äußerte sich Clara Zetkin zu den innerparteilichen Fraktionskämpfen und beschuldigte dabei einige Parteilinke als faschistische Antisemiten. Ein Sprecher aus der „Brandler Gruppe“ bemerkte: Wir haben bereits vereinzelte antisemitische Unterströmungen in der Partei. Die Genossen die gut beobachten, werden das nicht bestreiten.“ 1930 versuchte die KPD, nachdem Otto Strasser die NSDAP verlassen hatte, durch geschickte nationale und soziale Agitation die aus der NSDAP ausgeschlossenen zu gewinnen. Es kam zur „Programmerklärung der KPD zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ vom 24.8.1930. Diese zweite nationale Periode der KPD wurde der „Scheringer Kurs“ genannt. Richard Scheringer war ein bekannter Nationalsozialist, der 1930 wegen des„ Versuchs einer nationalsozialistischen Zellenbildung innerhalb der Reichswehr“ für die NSDAP, zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt wurde. Nach Gesprächen mit einsitzenden Kommunisten wandte er sich von der NSDAP ab und bekannte sich offen zu den Zielen der KPD. In diesem Programm wurde versprochen, nach ihrer Machtübernahme, die räuberischen Verträge von Versailles und den Young-Plan zu zerreißen. Sowie alle Reparationszahlungen und Schuldzahlungen zu annullieren. Die Nationalrevolutionäre der KPD  begrüßten das Programm. Die „Kampfgemeinschaft revolutionärer Nationalsozialisten“ erklärte, das neue Manifest der KPD könne von jedem Mitglied unterschrieben werden. Ernst Niekisch lobte es in Otto Strassers Zeitung. Ernst Niekisch deutete den Fall Scheringer als den des deutschen Nationalismus, der erkenne, das Versailles und Bürgertum miteinander verknüpft seien. Die KPD schreckte in dieser Zeit nicht vor gemeinsamen Aktionen mit der ansonsten feindseligen NSDAP zurück. Während des Streiks der Berliner Verkehrsbetriebe von 1932 traten der kommunistische Reichstagsabgeordnete Walter Ulbricht und der Gauleiter der NSDAP von Berlin, Joseph Goebbels bei einer Massenkundgebung gemeinsam auf.

Die Brüder Otto Strasser (1897 – 1974) und Gregor Strasser (1892 – 1934) traten 1925 in die NSDAP ein und bauten den „linken“ Flügel der NSDAP auf.  1926 gründeten die Brüder die Kampf-Verlag GmbH als das publizistische Sprachrohr des „linken“ Flügels der Nationalsozialisten. Die „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ (KGRNS)  publizierte als sogenannte „Schwarze Front“ in diesem Verlag. Zu dem norddeutschen Flügel um die Strasser Brüder gehörte anfangs der spätere Propagandaminister Joseph Goebbels.

Der norddeutsche (Hamburger) Flügel bekannte sich entschieden zu einer radikalen Lösung der sozialen Frage, war stark kapitalismuskritisch, trat beispielsweise für eine Fürstenenteignung ein, was der „Münchner Flügel“ um Hitler entschieden ablehnte. Dieser Kampf wurde in den „Nationalsozialistischen Briefen“ mit Goebbels als Schriftleiter und dem „Völkischen Beobachter“ mit Alfred Rosenberg  ausgefochten. Das 25 Punkte Programm von Gottfried Feder, die Kritik am „raffenden Finanzkapital“, an der „Zinsknechtschaft“, Agrarprotektionismus für deutsche Produkte und die Solidarität mit „Tante-Emma-Läden“ sowie Handwerkern bestimmten den sozialrevolutionären Kurs des „Hamburger“ NSDAP Flügels, der personell neben den Gebrüdern Strasser mit Ernst Röhm und Joseph Goebbels prominent besetzt war. Die SA war parteiintern das Hauptterrain der Arbeiterschicht, aus der 1923 mehr als ein Drittel der 55.000 Parteimitglieder stammten. Zur Zeit des Parteitages 1929 stellte der „linke NSDAP-Flügel“ in bündischen Zeitschriften ihre Thesen vor: Sie forderten nationalen Befreiungskampf, sozialen Klassenkampf, Annullierung der Zwangsverträge,  Beseitigung des Parlaments, Sozialisierung aller Wirtschaftsmittel des Landes, Nationalisierung alles Groß und Mittelgrundbesitzes, großzügige Ostsiedelung und die Organisation des Staates als „Volks-Räte-Republik“. „Dieses Programm lasse erwarten“, so schrieben sie weiter,  „dass jede in Deutschland vollzogene Umwälzung sofort alle Machtmittel des Völkerbundes und Amerikas  gegen den deutschen Arbeiter und Bauernstaat auf den Plan ruft. Die erste Aufgabe der nationalsozialistischen Außenpolitik werde daher die Organisation der revolutionären Verteidigung gegen die imperialistischen Mächte im Bündnis mit der Sowjetunion und Unterstützung der revolutionären Bewegungen in allen Ländern der Welt gegen das internationale Finanzkapital sein.“ Die Spannungen zwischen dem „Münchner Flügel“ um Hitler und Rosenberg, der prowestlich, antirussisch und staatskapitalistisch-korporativ dachte, und dem sozialistischen, antiwestlichen „Hamburger Flügel“ waren Anfang 1930 noch keineswegs überwunden. Daneben konnte man noch von einer dritten faschistischen Gruppe um Goebbels, Ley und Goering sprechen, die sich bedenkenlos mit ausschließlich bolschewistischen Parolen an dem Kampf um den Vorrang in der Partei beteiligte. „Wenn auf der linken Seite 17 Millionen Proletarier im Klassenkampf die letzte Rettung sehen, so nur deswegen, weil man es sie auf der rechten Seite sechzig Jahre lang durch die Praxis lehrte“, schrieb Goebbels 1928. Wegen des Richtungskampfes in der NSDAP trat Otto Strasser 1930 aus der Partei aus, sein Bruder Gregor blieb bis zu seiner Ermordung 1934, infolge des „Röhm-Putsches“, in der NSDAP.  Am 4. Juli 1930 verfasst Otto Strasser den Aufruf, „Die Sozialisten verlassen die NSDAP: “Liebe, Parteigenossen, Freunde! Mit tiefer Sorge haben wir seit Monaten die Entwicklung der NSDAP verfolgt und mit steigender Befürchtung bemerken müssen, wie immer häufiger und in immer wichtigeren Fragen die Partei gegen die Idee des Nationalsozialismus verstieß.(..) Wir fassten und fassen den Nationalsozialismus als eine bewusst antiimperialistische Bewegung auf deren Nationalismus sich beschränkt auf Erhaltung und Sicherstellung des Lebens und des Wachstums der deutschen Nation ohne über irgendwelche Herrschaftstendenzen über andere Völker und Länder. Für uns war und ist daher die Ablehnung des vom internationalen Kapitalismus und vom westlerischen Imperialismus betriebenen Interventionskrieges gegen Russland eine selbstverständliche Forderung, die sich ebenso aus unserer Idee wie aus den Notwendigkeiten einer deutschen Außenpolitik ergibt. (..) Wir hielten und halten den Nationalsozialismus vor allem aber für die große Antithese des internationalen Kapitalismus, der die vom Marxismus geschändete Idee des Sozialismus als der Gemeinschaft einer Nation zugunsten dieser Nation durchgeführt und jenes System die Herrschaft des Geldes über die Arbeit bricht, das die Entfaltung der völkischen Seele und die Bildung einer wahren Volksgemeinschaft zwangsläufig verhindert.“ Otto Strasser versuchte danach für seine „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ bei gemeinsamen Diskussionsveranstaltungen KPD Mitglieder zu gewinnen, was jedoch nicht gelang. Im Gegenteil, viele „linke“ NSDAP Mitglieder wechselten zur KPD.  1932 bot Reichskanzler Kurt von Schleicher Gregor Strasser die Vizekanzlerschaft und das Amt des preußischen Ministerpräsidenten an, um die NSDAP zu spalten. Gregor Strasser konnte sich nicht zum Bruch mit Hitler durchringen, obwohl er wahrscheinlich mehr als die Hälfte der NSDAP Reichstagsabgeordneten hinter sich hätte vereinen können.  Über die „Schwarze Front“ der Strasser-Brüder schreibt Otto-Ernst Schüddekopf  in „Nationalbolschewismus in Deutschland 1918-1933: „Parallel zu diesem taktischen Zusammengehen untergeordneter Verbände ging der ideologische Kampf gegen die KDP. Sie habe vor den Aufgaben der deutschen Revolution versagt und sei Opfer der „kommunistischen Weltmisserfolge“. Die KPD als Organisation sei zu revolutionären Taten völlig unfähig. Für viele Kampfgenossen schien es allerdings verfänglich zu sein, die Wesensverschiedenheiten der KPD und der KGRNS „zugunsten der taktischen Gleichgerichtetheit zurücktreten zu lassen“, sei es wegen der Anziehungskraft der großen Zahl, sei es im Glauben an die „Nationalisierung“ der KPD.(…) Die von Strasser gegründete „Schwarze Garde“ sollte an der Spitze von SA, Stahlhelm, Reichsbanner und Rotfront den Kampf für die sozialistische Revolution und den nationalen Freiheitskrieg führen.“

Die nationale Politik der KPD, die in der SPD den Hauptfeind sah, endete mit der „Machtergreifung“ Hitlers. Kommunisten kamen nach dem Reichstagsbrand als erste in die Konzentrationslager. Auf Ernst Niekisch berufen sich aktuelle Nationalrevolutionäre, rechtsradikale Parteien und Strömungen. Diese verstehen sich keineswegs als antikommunistisch, sondern als antiwestlich, antiamerikanisch, antizionistisch und antiindividualistisch. Nationalrevolutionäre strebten und streben eine „Querfront“ an: auf nationaler Ebene arbeiten sie an einem Bündnis zwischen rechts- und linksradikalen Gruppierungen zur Abschaffung des liberalen Rechtsstaats und Ausmerzung des „Amerikanismus“. Weltweit unterstützen Nationalrevolutionäre nationalistische, regionalistische und islamistische Bewegungen und Regimes, besonders wenn diese sich offensiv gegen die Vereinigten Staaten von Amerika wenden. In der nationalbolschewistischen Tageszeitung „Junge Welt“ schreiben deren Autoren gegen Israel, gegen die USA und gegen das „Finanzkapital mit ihren Heuschrecken“. Jürgen Elsässer propagiert offensiv eine „Volksfront“ gegen das von den USA beherrschte Finanzkapital, bezeichnete die demonstrierenden Frauen und Männer im Iran, „Discomiezen“, „Drogenjunkies“ und „Strichjungen des Finanzkapitals“ und gratulierte Ahmadinejad zum Wahlsieg. Der „Kommunistische Bund“ schrieb 1973: „Der Konflikt im Nahen Osten kann nicht anders gelöst werden als durch die Zerschlagung des zionistischen Staates“. „Es sind aber nicht nur etablierte, konservative Kräfte Europas, die sich dem Zeitgeist der Islamophobie entgegensetzen. Nationalrevolutionäre Europäer haben seit je die Verbindung mit der arabischen (…) Welt gesucht (…), schreibt 2004 Martin Schwarz in der Neonazi-Zeitschrift „Junges Forum“. Johann Scheringer, Vorsitzender der PDS-Fraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, sagte im Interview mit der Nazizeitung „Junge Freiheit“ 1994: “Ich möchte mich nicht als Antinationalisten bezeichnen“. Im Untertitel des Interviews hieß es: “Überdenkt die Linke ihr stiefmütterliches Verhältnis zur Nation?“ Nach den Vorfällen auf der „Mavi Marmara“, wobei sich die Linksparteiabgeordneten Paech, Höger und Groth faktisch als Kombattanten der Hamas betätigten, forderte im sächsischen Landtag die NPD Fraktion: „“Keine Zusammenarbeit mit ‚Schurkenstaaten’ – Sächsisch-israelische Partnerschaft beenden”. Die linke „Antifa“-Gruppe B5 verhinderte in Hamburg mit Gewalt und Parolen wie „Ihr Judenschweine“ im Jahre 2009 den Film von Claude Lanzmann „Warum Israel“. Der „Israelkritiker“ und gern gesehene „Vorzeigejude“ Ilan Pappé, der in seinen Publikationen, ohne jeden Beweis, von „systematischer  Vertreibungspolitik gegen die Palästinenser“ schreibt, gab der „National-Zeitung“ am 21.03.2008, der „Jungen Welt“  am 05.12.2009 und dem „Freitag“ am 16.01.2011 ein Interview. Im Gespräch mit Erhard Düvel von der „National-Zeitung“ meinte Ilan Pappé, neben anderen unfassbaren Aussagen, dass der 14. Mai 1948 für die Völkergemeinschaft kein Grund zum Feiern sei. Auf Demonstrationen gegen den Staat Israel marschieren rechte und linke „Friedenskämpfer“ vereint gegen die „US-israelische Weltherrschaft“. Ihr kollektives antisemitisches Weltbild demonstrieren sie mit gemeinsamen „Uniformen“, dem islamfaschistischen Palästinensertuch. Ihre verkürzte Kapitalismuskritik, die sich ausschließlich auf das Finanzkapital bezieht, ist kompatibel mit dem Parteiprogramm, dem 25-Punkteprogramm, der NSDAP.

In diversen „linken“ Online-Foren werben, teilweise unter dem Schutz der Moderation, BloggerInnen mit  völkischer, verkürzter antikapitalistischer und antiimperialistischer Rhetorik für die sozialdarwinistischen Theorien Silvio Gesells. Gesells Menschenzuchttheorien, inklusive seiner „Verteufelung des Zinses“, wurden in diesen „linken“ Foren im Jahre 2010 als „emanzipatorisch“ idealisiert. Boykottaufrufe gegen Israel, nach dem Motto, „Deutsche wehrt euch, kauft nicht bei Juden“, Vergleiche von Israel mit dem Apartheitsstaat Südafrika, Forderungen nach teilweiser Einführung der Scharia, sprich „Scharia-konformer Finanzprodukte“, sind täglich in den Userforen  „irgendwie linker“ Wochenzeitungen zu lesen. Antisemitismus, Antizionismus, gepaart mit großem Verständnis für den menschenverachtenden Terror von Hamas und Hisbollah, blindem Hass gegen die USA und verkürzter, personalisierter Kapitalismuskritik sind nicht nur auf den rechtsradikalen Seiten von NPD und „Nationalen Sozialisten“ zu finden, sondern auch in den Online-Foren irgendwie linker Zeitungen. Die biologisierte Kapitalismuskritik, das antimoderne, vernunftfeindliche und gegenaufklärerische Weltbild, Marke NSDAP oder Niekisch hat, spätestens seit der „deutschen Wiedervereinigung“ Einzug gehalten in vielen „linken  Meinungsmedien“. An dem Querfrontdenken der antiwestlichen, antiamerikanischen, antizionistischen, antisemitischen und antiindividualistischen „Betonköpfe“ einer „Berliner Online-Community“ hätte Ernst Niekisch mutmaßlich viel Freude gehabt. Der KPD um Karl Radek  kann zugute gehalten werden, dass sie nichts über die Zeit von 1933 bis 1945 wissen konnte und das es in den angesprochenen Phasen auch Gegenkräfte zum nationalbolschewistischen Kurs gab. Den „Bonus der Unwissenheit“ können „Linke“, im 21. Jahrhundert, nach zwei Weltkriegen, Auschwitz und dem Nationalsozialismus nicht für sich beanspruchen. Von degenerierten, geschichtslosen und nationalbolschewistischen „Linken“ dürfte auch in der nächsten Wirtschaftskrise nicht viel Positives zu erwarten sein, wiewohl in Krisenzeiten eine humanistische, weitsichtige und emanzipatorische Linke besonders nötig wäre.

Quellen: Otto-Ernst Schüddekopf – Nationalbolschewismus in Deutschland 1918-1933
Zeev Sternhell –  Die Entstehung der faschistischen Ideologie
Thomas Haury – Antisemitismus von links
Reinhard Kühnl  – Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten
Hans Mommsen – Die verspielte Freiheit

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