Jutta Ditfurth und die „Kampfesgrüße“

Zwei Jahre nach den Terroranschlägen von Palästinensern (AOLP-Kommandos) in München ermordeten während der Olympischen Sommerspiele im September 1972 in München palästinensische Terroristen vom „Schwarzer September“ elf Sportler der israelischen Mannschaft während einer Geiselnahme.

Der Dolmetscher von Ulrike Meinhof in ihrem Ausbildungslager in Jordanien, Ali Hassan Salameh war einer der Drahtzieher des Attentates. Deutsche Neonazis unterstützten die palästinensischen Terroristen bei der Vorbereitung für die Geiselnahme. Die israelischen Sportler wurden in München bestialisch misshandelt und gefoltert. Bei der dilettantisch angelegten deutschen Befreiungsaktion in Fürstenfeldbruck kamen alle israelischen Sportler überwiegend durch die Handgranaten der palästinensischen Terroristen ums Leben. Auf den antisemitischen Text von Ulrike Meinhof zum Olympia-Attentat der Palästinenser 1972 geht Jutta Ditfurth in ihrer Meinhof-Biographie nur minimal ein. Dabei wäre eine Analyse genau dieses Textes gewinnbringend für die Ideologie der RAF gewesen. In Ulrike Meinhofs Text „Rote Armee Fraktion –Die Aktion des Schwarzen September in München – Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes“ steht beispielsweise:

„Die Aktion des Schwarzen September hat das Wesen imperialistischer Herrschaft und des antiimperialistischen Kampfes auf eine Weise durchschaubar und erkennbar gemacht wie noch keine revolutionäre Aktion in Westdeutschland oder Westberlin. Sie war gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch. (..)

Sie hat einen Mut und eine Kraft dokumentiert, die immer nur das Volk hat (..)

…gegen dem seinen Wesen und seiner Tendenz nach durch und durch faschistischen Imperialismus- in welcher Charaktermaske auch immer er sich selbst am besten repräsentiert findet: Nixon, Brandt, Moshe Dayan oder Genscher, Golda Meir oder Mc Gouvern. (..)

Alle Aufschübe des Ultimatums, das sie mit Lügen und falschem versprechen erreicht haben, diente ihnen nur zu einem ausschließlichen Zweck: Für die Vorbereitung des Massakers Zeit zu gewinnen. Sie hatten nur ein Ziel, nur ja dem Moshe-Dayan-Faschismus – diesem Himmler Israels- in nichts nachzustehen. (..)

An der Aktion des Schwarzen September in München gibt es nichts mißzuverstehen. Sie haben Geiseln genommen von einem Volk, das ihnen gegenüber Ausrottungspolitik betreibt, Sie haben ihr Leben eingesetzt, um ihre Genossen zu befreien. Sie wollten nicht töten. Sie haben ihr Ultimatum mehr als aufgeschoben. Sie haben angesichts der unnachgiebigen Haltung Israels vorgeschlagen, die israelischen Geiseln als Gefangene zu behalten. Die israelischen Geiseln waren mit diesem Ausweg einverstanden. Sie sind von den deutschen Behörden genauso getäuscht worden wie die Revolutionäre. Die deutsche Polizei hat die Revolutionäre und die Geiseln massakriert. Die Aktion des Schwarzen September in München wird aus dem Gedächtnis des antiimperialistischen Kampfes nicht mehr zu verdrängen sein. Der Tod der arabischen Genossen wiegt schwerer als der Tai-Berg. (..) Solidarität mit dem Befreiungskampf des palästinensischen Volkes!“ (..)

Jutta Ditfurth schweigt sich mehr oder weniger über diesen Text in ihrer Biographie aus. In einer Konkret Diskussion aus dem Jahr 2008 (Heft 3) kritisiert Thomas Ebermann den Meinhof-Text heftig, bezeichnet die „apologetische Erklärung von Ulrike Meinhof im Namen der RAF“ als „grauenhaft.“ Darauf verteidigte Jutta Ditfurth, nachdem sie in einem Nebensatz zugab, dass Teile des Textes antisemitisch seien, ihr Vorbild, sie meint:

„Sie hatte die PLO und die El Fatah in Jordanien 1970 als Freunde und als Opfer des Nahostkriegs kennengelernt. Fast alle diese Leute starben in den Luftangriffen im Schwarzen September von 1970. Ulrike Meinhof saß, als sie den Text im November 1972 schrieb, seit fünf Monaten in absoluter Isolationshaft in der Männerpsychiatrie der Justizvollzugsanstalt Köln- Ossendorf und litt unter sensorischer Deprivation. Ulrikes Texte waren Kampfesgrüße und keine Vernichtungswünsche, dazu sollten sie heute nicht verdreht werden. Sie war keine Antisemitin. Es gab Streit unter den Gefangenen über diesen Text. Ulrike Meinhof hat sich danach zum xten Mal in ihrem Leben intensiv mit der Geschichte Israels und des Judentums befaßt.“

Die Lobeshymne von Ulrike Meinhof auf die Ermordung und Geiselnahme der jüdischen Sportler 1972 in München durch palästinensische Terroristen, die antisemitischen NS-Vergleiche über die „Ausrottungspolitik“ bis zum „Moshe-Dayan-Faschismus“ und ihre völkischen und gleichzeitig antiimperialistischen Auslassungen bezeichnet Jutta Ditfurth als „Kampfesgrüße.“   Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: „K a m p f e s g r ü ß e !“

In Konkret 2008/09 schreibt Lars Quadfasel über die Selbstentlarvung von Jutta Ditfurth: „In diesem Ungeheuer von Wort, diesem Bastard aus Kominternresolution und Weihnachtskarte, steckt mehr diagnostische Wahrheit, als Ditfurth lieb sein dürfte. Exakt jene Einheit aus Kraftmeierei und Sentiment, aus intimer Tuchfühlung zum Weltgeist und vornehmer Distanz zu dessen Erfüllungsgehilfen, hat den hiesigen Israelhass stets ausgezeichnet. Und vielleicht besteht darin das ganze Elend der neuen deutschen Linken: dass sie, spätestens seit ihrer antizionistischen Kehre, eigentlich nichts als Kampfesgrüße versandt hat.

 

Mehr über die Kampfesgrüße, das antiimperialistische Weltbild und den aktuellen „Kampf“ gegen den Antisemitismus von Jutta Ditfurth lesen sie in der Ditfurth-Trilogie auf Mission Impossible:

Teil 1 der Trilogie: Das Grass-Gedicht und die Befreiung „aus den sich selbst auferlegten Fesseln“

Teil 2 der Trilogie: Georg und Jutta: Die Geschichte einer Freundschaft

Teil 3 der Trilogie: Jutta Ditfurth und ihr antiimperialistischer Antisemitismus

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Die Judenkritiker der Linkspartei

linke2Antisemitismus innerhalb der Linken gibt es seit es Linke gibt. Bereits der Zinskritiker und Frühsozialist Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) schrieb 1847 in seinen Notizbüchern: „Der Jude ist der Feind der menschlichen Art. Man muss diese Rasse nach Asien verweisen oder vernichten.“ Das ZK-Mitglied der KPD Ruth Fischer forderte am 25. Juli 1923 auf einer Versammlung von kommunistischen StudentInnen:„Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie.“ Die stalinistischen „Säuberungen“ und Schauprozesse im sogenannten Realsozialismus trugen bereits in den 1930er Jahren antisemitische Züge. In der CSSR wurde Rudolf Slánský nach einem dieser Schauprozesse am 3. Dezember 1952 zusammen mit zehn weiteren fast ausschließlich jüdischen Mitangeklagten hingerichtet.

Albert Fichter von den Tupamaros Westberlin legte im Auftrag von Dieter Kunzelmann am 9. November 1969, dem Jahrestag der Reichspogromnacht eine Bombe im jüdischen Gemeindehaus, die er zuvor von Peter Urbach, einem V-Mann des Verfassungsschutzes bekam. Nach dem Anschlag erhält der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski eine auf Band aufgenommene Drohung, nach 15 Sekunden dauernden Ticken ertönt eine Frauenstimme: “Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus hat gezündet. Berlin dreht durch, die Linke stutzt … Springer, Senat und die Galinskis wollen uns ihren Judenknacks verkaufen. .. Bei uns ist Palästina, wir sind Fedajin. Heute Nachmittag kämpfen wir für die revolutionäre palästinensische Befreiungsfront Al-Fatah! Schlagt zu!” Fast vier Jahrzehnte später, im November 2008, kurz vor dem 70. Jahrestag der Reichspogromnacht, blieb Inge Höger von der Linkspartei einer Abstimmung des Bundestags, die eine verstärkte Bekämpfung des Antisemitismus zum Gegenstand hatte, demonstrativ fern.

Judenkritische Abgeordnete der Linkspartei um Inge Höger  und Annette Groth hatten für den 9. November 2014, dem Jahrestag der Reichspogromnacht die zwei „israelkritischen“ Publizisten Blumenthal und Sheen als „jüdische Kronzeugen“ in den Sitzungssaal der Linksfraktion eingeladen um über „Israels Kriegsverbrechen in Gaza“ zu sprechen. Max Blumenthal bezeichnet in seinen Büchern israelische Soldaten als „Judäo-Nazis“, setzt Israel mit dem »Islamischen Staat« auf eine Stufe und bewunderte den »echten Widerstand« der islamfaschistischen Hamas. Max Blumenthal wurde wegen seiner antisemitischen Äußerungen vom Simon Wiesenthal Center auf Platz 9 in die „Top Ten“ der schlimmsten antisemitischen und antiisraelischen Verunglimpfungen des Jahres 2013 aufgenommen, den selben Platz, den ein Jahr zuvor Jakob Augstein, Herausgeber des angeblich linksliberalen „Freitags“ inne hatte.

Nachdem der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei Gregor Gysi diese und eine geplante Veranstaltung in einem Berliner Theater verhinderte zog Höger mit ihren „Friedensfreunden“ in ein „Antikriegscafé“. Tags darauf lauerten Blumenthal und Sheen gemeinsam mit Inge Höger, Anette Groth, Heike Hänsel, Claudia Haydt und anderen judenkritischen Abgeordneten der Linkspartei Gysi vor dessen Büro auf. Gysi wurde massiv bedrängt und von Sheen bis zur Toilette verfolgt. Sheen und Blumenthal forderten im Brüllton, Gysi solle sich für den Vorwurf, sie seien Antisemiten, entschuldigen. Seinen Übergriff hielt Sheen persönlich mit dem Smartphone fest und stellte ihn anschließend online. Inge Höger, Annette Groth sowie Heike Hänsel sahen sich schließlich zu einer „persönlichen Erklärung“ genötigt und entschuldigten sich bei Gregor Gysi und der gesamten Fraktion und distanzierten sich „von dieser aggressiven Vorgehensweise und den Beleidigungen“, außerdem wären sie „persönlich enttäuscht von der Veröffentlichung dieses unwürdigen Vorgangs“.

Dieser „unwürdige Vorgang“ ist freilich nur ein weiterer Beleg für das Antisemitismus-Problem der Linkspartei. Bereits im Jahre 2010 beteiligten sich die Linksparteimitglieder Annette Groth, Inge Höger und Norman Paech an der israelfeindlichen „Hilfsaktion“ an Bord der “Mavi Marmara,   die von der radikal-islamistischen Organisation IHH organisiert und finanziert wurde. Beim Ablegen in Istanbul skandierten die Passagiere des „Friedensschiffes“ Parolen der Hamas, Loblieder auf das islamische Märtyrertum und „Tod allen Juden“. Von den gewalttätigen Ereignissen, als die israelische Armee die „Mavi Marmara“ stoppte, bekamen Annette Groth und Inge Höger nichts mit, da die beiden mit den übrigen Frauen im „Frauendeck“ eingeschlossen waren. Groth und Höger, die sich für die Emanzipation der Frau in Europa einsetzen akzeptierten brav und devot die Geschlechter-Separation der Islamisten. Das gemeinsame Ziel, der Kampf gegen Israel steht für JudenkritikerInnen über allem. Wenige Monate später trat die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei Inge Höger bei einer Konferenz von Hamas-Sympathisanten in Wuppertal mit einem Tuch um den Hals auf, das den Nahen Osten ohne den Staat Israel zeigte.

Erinnert sei beispielshalber noch an den 27. Januar 2010. An diesem Tag, 65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sprach Schimon Peres im Deutschen Bundestag. Sahra Wagenknecht verweigerte mit Christine Buchholz nach Peres Rede die stehenden Ovationen, blieb sitzen und begründete dies unter anderem damit sich nicht vor dem „kriegsverantwortlichen“ Peres verneigen zu wollen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren solcherlei Verweigerungsgesten im Parlament am Auschwitz-Gedenktag nur von der NPD bekannt.

Antizionisten wie sie in der Linkspartei im Übermaß zu finden sind machen den Judenstaat Israel für so gut wie alles verantwortlich. Inge Höger, Annette Groth Heike Hänsel, Sahra Wagenknecht, Christine Buchholz und Norman Paech gehören zu der „Creme de la Creme“ der „Israelkritiker“ in der Linkspartei, sie sind freilich nur die Spitze des antisemitischen Eisberges dieser Partei. Die Gründe für ihren Antisemitismus dürften vielfältig sein. Von einer debilen Friedensliebe, gepaart mit einem Schuldabwehrkomplex über eine paranoide Vorurteilsstruktur bis hin zu allen übrigen modernen Kriterien des Antisemitismus ist alles drin in ihrem reaktionären Angebot.  Wie es diese Judenkritiker zusammenbringen einerseits hierzulande für die Gleichberechtigung der Frau, gegen Diskriminierung von Homosexuellen und anderen Minderheiten einzutreten aber andererseits  im Nahen Osten die islamistischen Bewegungen und Regimes trotz ihrer Menschenverachtung zu unterstützen, kann nur mit einem unausrottbar tief sitzenden Judenhass zu erklären sein. Mit ihrem obsessiven antizionistischen Hass delegitimieren und dämonisieren Höger, Grote und Co. einerseits den Staat Israel und mit ihrer Verharmlosung oder ihrer Ignoranz gegenüber den Verbrechen von islamistischen Terrororganisationen und Staaten wie der Hamas oder des Irans machen sie, da ihnen aus den eigenen Reihen kaum Widerstand entgegenschlägt, die Linkpartei zu einer antisemitischen Partei. Der Linke-Abgeordnete Michael Leutert fordert nun Annette Groth und Inge Höger wegen ihrer Judenkritik zum Mandatsverzicht auf. Auf die längst überfälligen Parteiausschlüsse von Inge Höger, Annette Groth Heike Hänsel und wie sie sonst noch alle heißen wird man freilich unendlich lange warten müssen.

Die Versuche beispielsweise von Jean Améry oder Michael Landmann verblödete Linke davon zu überzeugen, dass es keinen „ehrbaren Antisemitismus“ gibt erreichten kaum ihr Ziel. Judenhass war und bleibt irrrational, mit Argumenten lassen sich weder bürgerliche noch linke Antizionisten überzeugen.

Im Nachwort von  „Léon Poliakov – Vom Antizionismus zum Antisemitismus“ schreibt Thomas Haury: „Die Kritik des Antizionismus trifft nicht nur den sektiererischen Kern der Palästina-Solidarität, sondern gilt generell dem manichäischen anti-imperialistischen Weltbild und dem Nationalismus von links, wie er nicht nur während des Golfkrieges sich zeigte. Antinationalismus stellt nicht nur eine Grundbedingung zum Begreifen und Erkennen des Antisemitismus, sondern auch eine Grundbedingung der Linken überhaupt dar. Als gesellschaftlich geprägte Individuen sind ‘Linke’ potentiell so nationalistisch und antisemitisch wie die sie umgebende Gesellschaft, als hierzulande aufgewachsene sind sie ebenso anfällig für die spezifischen Zwänge eines deutschen Nationalismus, die Verweigerung der Auseinandersetzung mit der belastenden Vergangenheit und die symptomatischen Wiederkehr des Verdrängten in Form eines ‘sekundären Antisemitismus’. Als radikal kritisch sich begreifende und historisch reflektierende politische ‘Linke’ ist es deshalb ihre unabdingliche Aufgabe, sich der (selbst)kritischen Auseinandersetzung zu stellen: Das eigene Bedürfnis nach kollektiver und damit potentiell nationaler Identität reflektieren, das die gesellschaftlichen Verhältnisse verdinglichende anti-imperialistische Weltbild als ideologisches und falsches zu kritisieren, den Antizionismus als das aufzuweisen und zu denunzieren, was er ist, ihn nicht weiter als ‘links’ gelten zu lassen – dies muss zum grundlegenden Selbstverständnis einer der Aufklärung und Kritik verpflichteten Linken zählen, will sie sich noch als solche bezeichnen.“ 

 

Erstveröffentlichung in Mission Impossible am 14. 11. 2014

 

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Die Ermordung von Eyal Yifrach, Gilad Shaer und Naftali Frenkel im Angesicht der deutschen Barmherzigkeit für die Palästinenser und deren Ideologie

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Eyal Yifrach, Gilad Shaer und Naftali Frenkel und die Freude palästinensischer Kinder und Karikaturisten über ihre Entführung

30  Kilometer nördlich von Hebron wurden am 12. Juni die drei israelischen Schüler Eyal Yifrach, Gilad Shaer und Naftali Frenkel von Mitgliedern der islamfaschistischen Hamas entführt. Einer der entführten Jugendlichen konnte noch per Handy einen Hilferuf absenden. Die beiden Hauptverdächtigen, die Hamasmitglieder Amer Abu Ayscha und Marwan Kawasme sind seit dem Tag der Entführung untergetaucht. Die Mutter von einem der beiden mutmaßlichen Entführer erklärte, sie „seit solz auf die Taten ihres Sohnes“ und das sie ihn „im Geiste des Jihads erzogen habe. Unmittelbar nach der Entführung feierten Palästinenser öffentlich mit Süßigkeiten die Entführung und verherrlichen die Gewalt gegen die wehrlosen Opfer. Drei Finger stehen symbolisch für die drei Entführten und diese Geste macht die Runde bei den Palästinensern. Bei der groß angelegten Suchaktion unter dem Namen „Brother’s Keeper“ im Westjordanland hatte die israelische Armee über 300 mutmaßliche Terroristen festgenommen und dabei über 1000 Häuser und Orte durchsucht, dabei Waffenlager und Geheimverstecke für Entführungsopfer gefunden. Nach 18 Tagen der Ungewissheit wurden gestern die Leichen der drei gekidnappten jüdischen Teenager in der Nähe der Stadt Halhul gefunden. Als die Leichen abtransportiert werden sollten wurde der Ambulanzwagen von einem palästinensischen Mob angegriffen und die Scheiben des Wagens eingeschlagen. Große Teile der palästinensischen Gesellschaft stehen offenbar geschlossen hinter den antisemitischen Enführern und Mördern.

Sollten die islamfaschistischen Terroristen lebend gefasst werden wird sich die palästinensische Gesellschaft rührend um sie kümmern. Gemäß den Gesetzen der Palästinensischen Autonomiebehörde erhält jeder Häftling, der wegen terroristischer Gewalt verurteilt worden ist, im Gegensatz zu gewöhnlichen Kriminellen, ein monatliches Mindestgehalt von etwa 300 Euro. Bis zu 3.000 Euro kann ein Häftling, wenn er genügend Juden ermordet hat, beziehen. Das Durchschnittseinkommen eines Palästinensers liegt etwa bei 470 Euro. Während der Haftzeit finanziert die Behörde auch den Lebensunterhalt der Angehörigen des Gefangenen. Sobald der Judenmörder freikommt kann er mit großzügigen Abfindungen und weiteren Monatsgehältern seiner palästinensischen Regierung rechnen.  Laut Angaben der Autonomiebehörde wurden allein im Jahr 2012 umgerechnet etwa 55 Millionen Euro an die Häftlinge und etwa die gleiche Summe an deren Angehörige überwiesen. Das entspricht etwa 16 Prozent der ausländischen Zuwendungen an die Palästinenser für den Aufbau ihres künftigen Staates. Weitere Summen werden vom Wohlfahrtsministerium und aus anderen Quellen an die Angehörigen von Selbstmordattentätern gezahlt. Mit ihren millionenschweren Hilfsgeldern an die palästinensische Autonomiebehörde finanzieren somit die westlichen Staaten wie Deutschland oder die USA den Terror gegen Israel.

In dem Staat in dem der Judenmord bisher am effektivsten organisiert und durchgeführt wurde, ist in den entsprechenden Massenmedien mit ihren Leserspalten so gut wie keine Solidarität mit den jüdischen Opfern zu erkennen. Im Gegenteil, die Opfer werden wieder einmal zu Tätern gemacht. Die israelische Regierung wird dafür verurteilt die Täter zu suchen. Susanne Kaul unterstellt (wie auch andere Lohnschreiber)  Israels Regierungschef Netanjahu in der TAZ die Entführung für seine Zwecke auszunutzen. Die Tagesschau erzeugte den Anschein, dass es sich nur “mutmaßlich” um eine Entführung handelt und dass die Jungen vielleicht nur “verschwunden” seien. Kein Wort in der Tagesschau über die öffentlich zur Schau gestellte Freude der palästinensischen Bevölkerung über die Entführung. Julia Amalia Heyer behauptet im Spiegel wahrheitswidrig dass „drei junge Sieder“ entführt worden wären und meint zudem: „Seit längerem befindet sich die Bewegung in einer derart unkomfortablen Lage, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich für die Entführung verantwortlich zeichnet, eher gering scheint. Denn damit würden die Islamisten nicht nur die so junge wie fragile Versöhnung mit den “Fatah-Brüdern” gefährden, sondern auch, und zwar massiv, die Bevölkerung im Gazastreifen, die bereits seit Monaten darbt.” Obwohl der Führer der Hamas Ismail Haniyya ständig die Entführung von Juden fordert um wie im Fall Gilad Schalit palästinensische Terroristen freizupressen kann Frau Heyer nicht glauben, dass die Hamas zu diesem Mittel greifen könnte. Nach langen Monaten der Abstinenz von „Israelkritik“ meldete sich der Herausgeber des „israelkritischen Freitags„, der vom Simon Wiesental Center ausgezeichnete Journalist Jakob Augstein in Spiegel Online zu Wort: “ Israels früherer Botschafter in Deutschland Schimon Stein hat darum in einem Zeitungsartikel geschrieben, seit der palästinensischen “Versöhnung” sei es “das Ziel Jerusalems, einen Keil in die palästinensische Regierung zu treiben und sie international zu diskreditieren”. Wie ginge das besser, als durch die Beschuldigung der Hamas, drei israelische Jugendliche entführt zu haben? Aber umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Es macht für die Hamas in Wahrheit gar keinen Sinn, ausgerechnet jetzt die Regierung zu destabilisieren, in die sie gerade eingetreten ist. Es sind nur die Hardliner auf beiden Seiten – palästinensische und israelische – die vom Verschwinden der drei Jugendlichen profitieren werden. Und der Nahe Osten kommt einem Frieden wieder einmal keinen Schritt näher.” Noch einen Schritt weiter geht eine besorgte Leserbriefschreiberin in der TAZ: „ich frag mal ganz ganz vorsichtig an, wie sich DIG verhalten wird, sollte sich herausstellen, dass die zwei jugendlichen und der eine erwachsene NICHT von palästinensern entführt wurden, sondern – unaussprechlich? – von radikalen siedlern. hält DIG dann mahnwachen für die getöteten, verletzten, verschleppten palästinenserinnen? startet es eine sammlung, um aufgesprengte haustüren und land/wirtschaftliche schäden ersetzen zu helfen?“

Es bleibt festzuhalten: Die Entführung und Ermordung von jüdischen Kindern, weil sie jüdische Kinder sind, geht dem deutschen Mainstream nicht an die Nieren. Es ist die „unangemessene“ Verfolgung von antisemitischen, menschenverachtenden, einen islamistischen Gottesstaat anstrebenden Terroristen, die sie fassungslos macht.  Mahnend meinte Außenminister Frank-Walter Steinmeier in einer Presseerklärung: „Wir hoffen, dass trotz des unendlichen Schmerzes über den Verlust dieser drei jungen Menschen das Streben nach Frieden das Handeln in den kommenden Tagen bestimmt“. Die Hamas entführt und ermordet drei Jugendliche, die “Palästinenser” feiern das Verbrechen und die Mörder, doch Steinmeiser erhebt seinen Zeigefinger gegen Israel. Parteichef Sigmar Gabriel, der einst Israel auf seiner Facebookseite ein „Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt“ nannte, dürfte mit seinem Parteifreund zufrieden sein.

Als Hans Martin Schleyer von der RAF entführt und anschließend ermordet wurde hörten sich die bundesdeutschen Presserklärungen, die Artikel der Mainstreampresse, sowie die Leserbriefe dergleichen anders an. Ob es daran gelegen haben mag, dass der damalige Arbeitgeberpräsident kein jüdisches Kind, sondern während des 2. Weltkrieges als SS-Untersturmführer in Böhmen und Mähren für die Arisierung der tschechischen Wirtschaft und die Beschaffung von Zwangsarbeitern für das Deutsche Reich zuständig war? Franz Josef Strauß wollte jedenfalls damals mit großen Teilen der deutschen Bevölkerung die Gefangenen der RAF an die Wand stellen und erschießen lassen und Bundeskanzler Helmut Schmidt zeigte kein Interesse über einen Frieden mit der RAF zu verhandeln und wurde weder von seinem Außenminister noch von irgendwelchen Journalisten dazu aufgefordert.

Am 27. Juni 1976 entführten die linksradikalen deutschen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann mit zwei palästinensischen Kämpfern, der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“, ein Flugzeug der Air France über Athen mit 250 Passagieren an Bord. In Entebbe selektierte Wilfried Böse in bekannter deutscher Tradition 107 Juden von 143 Nicht-Juden. Mit der „Operation Thunderbolt“ befreite Israel damals die entführten Juden, wobei alle Entführer ums Leben kamen. Deutsche „Israelkritiker“ kritisierten damals die israelische Befreiungsaktion als „flagrante Verletzung der Souveränität Ugandas“, vergleichbar wie heute die Suche nach den entführten Jugendlichen und der Versuch der Ergreifung der Terroristen von „ehrbaren Antisemiten“ und vermeintlichen „Friedensfreunden“ kritisiert wird.

Die islamistische Hamas nahm den Mord von radikalen Israelis an dem palästinensischen Jugendlichen Mohammed Abu Chder  zum Anlass Israel mit einem Raketenteppich zu übersähen. Weil die israelische Regierung nun zurückschießt und die Raketenabschussrampen versucht zu zerstören, sind die Antisemiten dieser Welt fassungslos und ihre „Israelkritik“ wird wieder einmal zu Obsession.

Wie sagte Sartre vor Jahr und Tag in seinen “Überlegungen zur Judenfrage”: “Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden.”

 

Erstveröffentlichung in Mission Impossible

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Johan Cruyff: El Salvador, Ajax Amsterdam und Voetbaltotaal

jocrVor dem Zweiten Weltkrieg und dem Einmarsch der Deutschen galt Amsterdam als das „Jerusalem Europas“. Für den Journalisten Egon Erwin Kisch war die niederländische Metropole die Stadt der „Fahrräder und Juden.“ Vor dem Einmarsch der Deutschen schien Amsterdam die Heimat der Juden schlechthin zu sein, wo sie sich mühelos assimilieren konnten. Die relative Toleranz, die Juden in den Niederlanden genossen wurde ihnen allerdings zum Verhängnis, da sie seit Jahrhunderten kein Pogrom gegen sie erlebten, fehlte ihnen das Vorstellungsvermögen für derartige Gräuel. Von den 140.000 Juden, die vor dem Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden gezählt wurden, endeten 107.000 in den NS-Vernichtungslagern, von den 80.000 Amsterdamer Juden überlebten nur 5.000 den antisemitischen Terror. Mit 75% war der Anteil der niederländischen Juden, die Opfer der „Endlösung“ wurden, höher als in jedem anderen westeuropäischen Land. 98 Deportationszüge mit gut 100.000 Juden konnten die Niederlande ohne nennenswerten Zwischenfall verlassen. Die Deportation der Juden lief „wie am Schnürchen“, erklärte Adolf Eichmann stolz. Nach der Befreiung wurde fast eine halbe Millionen Niederländer registriert, die in irgendeiner Weise mit den Besatzern kollaboriert hatten. 120.000 von ihnen wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt und 34 wurden exekutiert.

Juden lebten vor allem im Südosten Amsterdams und genau dort war das Fußballstadion von Ajax Amsterdam. Die einzigen Institutionen im Amsterdamer Osten, in denen man vor dem Zweiten Weltkrieg keine jüdische Kultur vorfand, waren die holländische Nazi-Partei NSR und die Kirchen. Ajax wurde zwar von der starken jüdischen Kultur erfasst, war aber kein jüdischer Klub, gleichwohl verschiedene Juden den Klub geprägt haben. Von Anfang an hatte Ajax eine große jüdische Fanbasis. Der jüdische Künstler Rebbe Meyer de Hond, der 1943 in Sobibor ums Leben kam, beschwerte sich 1926 darüber, dass sich die Juden zu sehr um Ajax und zu wenig der Synagoge widmen würden. Rekordspieler von Ajax, wie Sjaak Swart, Bennie Muller und Johan Neeskens waren jüdischer Herkunft wie die Präsidenten Jaap van Praag oder Uri Coronel. Der milliardenschwere Immobilienmagnat Maup Caransa, der fast seine gesamte Familie im Holocaust verloren hatte war ein wichtiger Mäzen in den goldenen 1970er Jahren. Nicht Ajax als Klub, wohl aber ein informelles Netzwerk von Ajax-Mitgliedern und Anhängern, rettete viele Juden vor der Deportation in die Vernichtungslager. Einer dieser „rettenden Engel“ war Kuki Krol, Vater des späteren Ajax-Stars Ruud Krol, Kapitän der niederländischen Nationalmannschaft und Vize-Weltmeister 1978. Ruud Krol wuchs in der Nicuwinarket-Gegend auf und war mit Juden seit frühester Jugend bekannt. Kuki Krol, Mitglied einer Amsterdamer Widerstandsgruppe, versteckte während der Besatzung 14 Juden und rettete ihnen das Leben. Darunter auch George Horn, Bruder von Leo Horn, dem berühmtesten Schiedsrichter der niederländischen Fußballgeschichte.

Der Club gilt vielen Fußballfans aufgrund seiner Vergangenheit von daher als „Juden-Club“ und ist infolgedessen  der am massivsten mit Antisemitismus konfrontierte Spitzenklub des internationalen Fußballs. „Ajax ist ein Judenklub!“, „Hamas, Hamas – alle Juden ab ins Gas!“, „Wir jagen die Juden!“, „Der Ajax-Zug nach Auschwitz ist abfahrbereit!“ – solche und ähnliche Schmährufe begegnen den Fans und Spielern von Ajax Amsterdam bei ihren Auftritten in fremden Stadien. Eine lange Tradition haben die durchdringenden Zischlaute, mit denen die Ajax-Gegner auf den Rängen das Geräusch ausströmenden Gases imitieren. Tausende von Feyenoord-Fans hüpfen im Takt zum Schlachtruf „Wer nicht mit springt, ist ein Jude“. Ein großer Teil der Ajax-Fans beantwortet den Antisemitismus mit „Juden! Juden! Wir sind Super-Juden!“ und ähnlichen Sprechchören. Die Nationalflagge Israels und der Davidstern sind längst ein fester Bestandteile der Ajax-Folklore. Die Fans von Ajax lassen sich Davidsterne tätowieren und nennen sich selbst „Juden“, ohne welche zu sein. Die niederländische Fan-Gruppe „F-Side“ bezeichnet sich selbst als „geselliges Chaos“ und „kreativste und anarchistischste“ Fangruppe. Das Logo der „F-Side“ ist ein Davidstern mit einem „F“ in seiner Mitte, auch Ajax-Stern genannt. Ajax und Juden sowie Davidstern und Ajax-Stern werden in den Niederlanden häufig wie Synonyme behandelt. So beklagte sich ein Rabbi schon einmal darüber, dass Menschen auf der Straße bei seinem Anblick „Ajax“ gerufen hätten. Mit der Zeit wurden die prosemitischen Demonstrationen der »F-Side« mehr und mehr auch von den Mainstream-Fans getragen. Eine bestimmte Verbundenheit besteht im Verhältnis zwischen Israel und den Niederlanden, was speziell im Fußball seinen Ausdruck findet. Als Ex-Ajax-Star und Nationalspieler Ronald de Boer einmal die Äußerung tätigte: „Mein Schwiegervater heißt Cohen und sein Schwiegervater Polak. Es muss irgendeine Form von Bande zwischen mir und Israel geben“, füllte diese Bemerkung eine komplette Seite der israelischen Zeitung „Jediot Achronot“, schreibt Dietrich Schulze-Marmeling in „Davidstern und Lederball“.

Ajax Amsterdam ist neben dieser Historie vor allem mit einem Namen verbunden, mit Johan Cruyff, dem „Fußballer des Jahrhunderts“. Johan Cruyff war ein Kind des Amsterdamer Ostens, er wurde unweit vom Ajax-Stadion am 25. April 1947  in Akkerstraat geboren. Cruyffs Vater war ein kleiner Gemüsehändler, der starb als Sohn Johan zwölf Jahre alt war. Seine Mutter verdiente nach dem Tod ihres Mannes mit Putz- und Kantinenarbeiten bei Ajax das nötige Geld zum Leben. Johan Cruyff besaß mehr jüdische Freunde und jüdische Verwandte als so mancher niederländische Jude. Seine Tante war mit einem jüdischen Diamantenhändler verheiratet. Seine Schwägerin hatte ebenfalls einen Juden zum Mann. Ihr Sohn, zu dem Cruyff eine enge Beziehung unterhält, wurde ein Orthodoxer und ging nach Jerusalem. Am 15. November 1964 debütierte der 18-jährige Cruyff in der ersten Liga für Ajax Amsterdam, wo er in den folgenden neun Jahren in 364 Spielen 266 Tore schoss. 1965 übernahm der „General“ Rinus Michels Ajax Amsterdam und legte mit seiner offensiven Spielweise und der Auflösung der starren Positionen die Grundlagen für den „Totalen Fußball“. Johan Cruyff wurde neunmal niederländischer Meister, sechsmal niederländischer Pokalsieger, von 1971 bis 1973 dreimal Europapokalsieger der Landesmeister, spanischer Meister und Pokalsieger, Europas Fußballer des Jahres 1971,72 und 1973. Für Niederländer seiner Generation war Johan Cruyff mehr als nur ein Fußballer. Flubert Smeets, Politik- und Kulturkommentator des NRC Handelsblad, sieht in ihm den hauptsächlichen Vertreter jener kulturellen, politischen und sozialen Revolution, die die Niederlande in den 1960ern von einem rückständigen Land zu einer der progressivsten Adressen in Europa transformiert habe. Wie keinem anderen seiner Generation sei es Cruyff gelungen, eine Verbindung von Kollektivismus und Individualismus zu realisieren.

1973 wechselte der „unangepasste Mittelstürmer“ von Ajax Amsterdam nach Barcelona, wo er sofort zum Publikumsliebling wurde. Der Trainer der Katalanen hieß bereits seit 1971 Rinus Michels. Es war die Zeit als die Katalanen anfingen, sich gegen das Regime des „Generalissimo“  zur Wehr zu setzen. Johan Cruyff sagte zu seinem Wechsel, „ er habe sich für Barcelona und gegen Madrid entschieden, weil er nicht für einen Club spielen könne, der mit einem Diktator assoziiert wird“. Obwohl in Franco-Spanien der Vorname Jordi (Schutzpatron Kataloniens) seinerzeit verboten war, bekam Cruyffs Sohn diesen Namen. Die Eltern umgingen das Verbot, indem sie den Namen in den Niederlanden eintragen ließen. Diese offene Auflehnung gegen Franco trug zu Johan Cruyffs Kultstatus in Katalonien und zur Verehrung als „El Salvador“ bei.  85 Tore in 227 Spielen und der erste Meistertitel für Barcelona seit 1960 waren die stolze Bilanz. Johan Cruyff war einer der besten Spielmacher der Fußballgeschichte, er war der Star des „totalen Fußballs“.  Ähnlich erfolgreich arbeitete er nach seiner Spielerkarriere als Trainer für Ajax Amsterdam und den FC Barcelona. 1988 wird „El Salvador“ der Trainer des FC Barcelona. Die Demokratie hat sich etabliert und die Stadt erlebt eine kulturelle und soziale Renaissance. Cruyff reformierte die Nachwuchsarbeit in La Masia, der Jugendakademie des FC Barcelona. Es wird fast ausschließlich mit dem Ball trainiert. Spielkontrolle, Kurzpässe, stetes Rotieren sind die Aufgaben in allen Altersklassen. „Tiki Taka“ und der moderne „Sechser“ wurden von Cruyff erfunden. Pep Guardiola, der jetzige Bayern-Trainer übernahm die Rolle als „Sechser“ und wurde der Spielgestalter aus der Tiefe und Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff. Mit Pep Guardiola verbindet Johann Cruyff bis heute eine große Freundschaft. In seiner Zeit als Barca-Trainer musste sich der Kettenraucher Cruyff einer komplizierten Herzoperation unterziehen, seitdem stellte er das Rauchen ein und beteiligt sich an Anti-Raucher-Kampagnen. Die größte sportliche Niederlage der „Nummer 14“ bleibt freilich das verlorene WM-Finale 1974 in München. Beckenbauer sagte später: „Johan war der bessere Spieler, aber ich bin Weltmeister.

Johan Cruyff, des Hebräischen mächtig, gegenüber jüdischen Angelegenheiten aufgeschlossen und an den Problemen des jüdischen Staates stets interessiert, genießt in Israel große Popularität. Der israelische Fußballanalytiker und Philosoph Saggie Cohen ist davon überzeugt: „Würde Cruyff in Israel eine politische Partei gründen, wären ihm in der Knesset zwei bis drei Sitze garantiert. Johan Cruyff würde von vielen Israelis wie ein Ehrenbürger ihres Staates betrachtet.“ Während der großen Fußballturniere hat Cruyff oft Kolumnen für Israels großen Tageszeitungen geschrieben und manchmal stand darunter: „Speziell für Israel“. Im letzten Jahr ehrte Johan Cruyff in Yad Vashem Familienangehörige, die während der Schoa ermordet wurden. Bei seiner Reise nach Israel besuchte er außerdem Sohn Jordi, der seit vergangenem Sommer als Sportdirektor bei Maccabi Tel Aviv arbeitet, um ihm zu gratulieren, denn der Club ist neuer israelischer Fußballmeister.

Wie sehr die „Nummer 14“ in Israel verehrt wird belegt eine Begebenheit während des Golfkrieges. Als Israels Bevölkerung während des Golfkrieges 1991, vor dem Fernseher saß, in ständiger Furcht vor irakischen Raketenangriffen mit Scud-Raketen und der Drohung diese Raketen seien mit Giftgas bestückt, wurden die Nachrichten unterbrochen, um das Fernsehpublikum über die Herzoperation von Johan Cruyff zu informieren.

Quelle: Dietrich Schulze-Marmeling – Davidstern und Lederball: Fahrräder, Juden, Fußball: Ajax Amsterdam – Verlag: Die Werkstatt (10. April 2003)

Erstveröffentlichung in Mission Impossible

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Die Lebensreformbewegung und die Wutbürger von gestern

„So fruchtbar auch die Übernahme des Freudschen Regressionsbegriffes für die Sozialpsychologie sich erweist, er hat seinen Stellenwert lediglich im dialektischen Zusammenhang der Verdrängung; nicht als eine Art von autonomem, wenn auch durch die „Krise“ vorgezeichnetem Rückgriff. Echt regressiv und eben darum unbewußt sind jene anal-sadistischen Motive, die von der Kontrolle der Kochtöpfe an Sonntagen über Rasse-Denunziationen und Sumpfentwässerungen zu Säuberungsaktionen und dem Schlimmsten führen. Dagegen ist die Romantik der Beschwörung alter Gesellschafts- und Bewußtseinsformen als „manifester Trauminhalt“, wie Deutschglaube, Sippe, Allodialverfassung, germanisches Recht bloß verhüllend: sie sollen die sonst unerträgliche Verdinglichung durch ein freilich unbewußt gespeistes Zeremonial in den Zustand der Unmittelbarkeit umdeuten und damit psychologisch das Leiden unter dem Kapitalismus paralysieren, ohne am gesellschaftlichen Zustand etwas zu ändern.“ Theodor W. Adorno: Vermischte Schriften I/II: Neue wertfreie Soziologie

lebensreform

Seit Jahrhunderten lechzen Menschen inmitten wirtschaftlicher Krisen oder gesellschaftlichen Umbrüchen nach einfachen Erklärungen und rettenden Auswegen. So entstand in Reaktion auf Industrialisierung, Materialismus und Urbanisierung Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland  die sogenannte Lebensreformbewegung. Die Entwicklungen der Moderne wurden in dieser Bewegung als Verfallserscheinungen angesehen und eine “Erlösung” versprachen sich die überwiegend völkischen, antisemitischen und eugenischen Esoteriker mit ihren “Reformen”.  Die Lebensreformbewegung propagierte ein einfaches, natürliches Leben mit gesunder Ernährung, frischer Luft und Bewegung, statt Erotik eine nordische Freikörperkultur plus Rassenhygiene und Eugenik, einer Menschenzucht, die sich am Ideal blond, groß, muskulös orientierte. Ihr angeblicher dritter Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus beinhaltete einen agrarisch-handwerk­lichen “fairen” Kleinkapitalismus, vor­zugsweise in ländlichen Siedlungen und mit zinsfreiem Geld.

Im Jahr 1883 wurde der “Deutsche Verein für Naturheilkunde und für volksverständliche Gesundheitspflege” gegründet und gleichzeitig erfuhr die “alternativmedizinische Methode” der Homöopathie verstärkten Zulauf. Der Maler und Kulturreformer Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913) gilt mit Heinrich Pudor (1865-1943) als Pionier der völkisch-nationalen Freikörperkultur, die Teil der Lebensreformbewegung war. Nacktheit war das Gegenmittel gegen die angebliche Degeneration der Menschen als Folge der Zivilisation. Der völkische Antisemit Richard Ungewitter (1869-1958) gründete 1910 die Loge für “aufsteigendes Leben” und warb für „strenge Leibeszucht“ und „nackte Gattenwahl“ mit dem Ziel, gesunde und „rassereine“ Nachkommen zu zeugen. Ungewitter meinte: „Würde jedes deutsche Weib öfter einen nackten germanischen Mann sehen, so würden nicht so viele exotischen fremden Rassen nachlaufen. Aus Gründen der gesunden Zuchtwahl fordere ich deshalb die Nacktkultur, damit Starke und Gesunde sich paaren, Schwächlinge aber nicht zur Vermehrung kommen.“ Die Werte der FKK Bewegung, die von der Wandervogelbewegung unterstützt wurde, waren kompatibel mit der NS-Ideologie.

Die Ernährungsreform, Landkommunen, die Gartenstadtbewegung, die Anthroposophie von Rudolf Steiner (1861-1925), Silvio Gesells Freiland- und Freigeldlehre sowie die Reformpädagogik  waren weitere wichtige Bereiche der Lebensreform. Rudolf Steiners “völkische Revolution”, war durchtränkt von Antihumanismus, Irrationalität, Rassismus und Antisemitismus. Er gab einflussreiche Anregungen für die Waldorfpädagogik, die anthroposophische Architektur,  Medizin,  sowie für die biologisch-dynamische Landwirtschaft. In Silvio Gesells (1862-1930)   Hauptwerk “Die natürliche Wirtschaftsordnung”  versprach der Zinskritiker, der in „gutes schaffendes“ und „böses raffendes Kapital“ unterschied,  die Lösung der kapitalistischen Widersprüche. Mit Einführung eines “Schwundgeldes” wollte Gesell verhindern, dass Geld gehortet und Zins abgeschöpft wird. Einer der engsten Mitarbeiter Gesells war der Ernährungsreformer Gustav Simons, ein Mitglied des „Ordens des Neuen Tempels“ von Lanz von Liebenfels (1874-1954), der Antisemitismus, Arierwahn und Germanenmythen verknüpfte und die Hakenkreuzfahne führte. 1895 war Simons auch Gründungsmitglied der Lebensreformer-Obstbaugenossenschaft Oranienburg-Eden bei Berlin. In einem Programmheft von Eden heißt es 1917: „Zum „natürlichen“ Leben in der Siedlung sei vegetarische Ernährung und „deutschvölkische Gesinnung Voraussetzung. Und dazu befähigt nur deutsches Ariertum“.  Ein enger Mitarbeiter Gesells, Rolf Engert (1889-1962) formulierte 1919 eindeutig: „Völkisches Empfinden duldet keine Zinsknechtschaft.“ Ebenso kooperierte Gesell mit Theodor Fritsch, der den Hammer Verlag gründete und dort zahlreiche antisemitische Propagandaschriften, darunter die deutsche Übersetzung der Protokolle der Weisen von Zion sowie seinen Antisemiten-Katechismus „Handbuch der Judenfrage“ herausgab. Gesell zog 1911 erstmals nach Eden, wo er auch seine letzten Jahre verbrachte. 1918 beteiligte sich Gesell mit einem Text an dem Buch „Deutschlands Wiedergeburt durch Blut und Eisen“, das Richard Ungewitter herausgab. Gesell lehnte Frauenemanzipation ab und behauptete, die natürliche Berufung einer Frau sei die Mutterschaft. Seine Mutterrente sollte Frauen sowohl von der Erwerbsarbeit als auch von der Versorgungsehe befreien. Sie sollten sich voll und ganz auf eine „Hochzucht“ der Menschheit konzentrieren und nur erbbiologisch wertvolle Männer als Partner akzeptieren.

Die Lebensreformbewegung lieferte den Nazis nicht nur Ideen sondern auch Personal. Der führende NS-Rassenhygieniker Alfred Ploetz kam aus der Lebensreformbewegung, der Eugeniker und Antisemit Theodor Fritsch engagierte sich in der Gartenstadt-Bewegung. Der Landschaftsarchitekt Alwin Seifert  sorgte als „Reichslandschaftsanwalt“ dafür, dass die Seitenstreifen der neuen Autobahnen mit heimischen Bäumen bepflanzt wurden. Steppenlandschaften bezeichnete er als „undeutsch“ und forderte, von der Wehrmacht die im Osten eroberten Gebiete mittels Feldhecken „einzudeutschen“. Außerdem war Seifert für den Kräutergarten der SS im KZ Dachau beteiligt, in dem biologisch-dynamische Anbaumethoden getestet wurden. Seifert wurde nach dem Krieg Ehrenvorsitzender des Bundes Naturschutz. Der „grüne Flügel“ in der NSDAP  um Walther Darré und Alwin Seifert  schwärmte für regenerative Energien, alternative Heilkunst und biologische Landwirtschaft. Landwirtschaftsminister Walther Darré kooperierte mit Demeter, Weleda und den anthroposophischen, biologisch-dynamischen Landwirten. Die Artamanen innerhalb der NSDAP verbanden den völkischen Okkultismus der Ariosophie mit der Naturschwärmerei der Lebensreform, den Ideen der Naturschutzbewegung und dem Kulturpessimismus Oswald Spenglers. Sie verherrlichten die Bauern als die einzigen “organischen Menschen” und predigten die Abkehr von der “internationalen Asphaltkultur der Großstädte”.

Mit der NSDAP erlebte die verkürzte Kapitalismuskritik einen zwischenzeitlichen Höhepunkt. Gottfried Feder schrieb im 25 Punkte-Programm der NSDAP ab Seite 22: „Die Wirtschaft, ob groß oder klein, Schwerindustrie oder Kleingewerbetreibender, kennen nur ein Ziel: “Profit”, sie haben nur eine Sehnsucht: “Kredit”, nur eine Aufwallung: die “gegen die Steuern”, nur eine Furcht und namenlose Hochachtung: die “vor den Banken” und nur ein überlegenes Achselzucken über die nationalsozialistischen Forderung der “Brechung der Zinsknechtschaft”. Alle drängen sich danach, “Schulden zu machen”. Die maßlosen Wuchergewinne der Banken, die ohne Müh und Arbeit, als Tribut vom Leihkapital erpreßt werden, findet man durchaus in der Ordnung. Man gründet eigene “Wirtschaftsparteien” und stimmt für die Dawesgesetze, die die Grundursache für die maßlosen Steuerlasten sind. Man stürzt sich in tiefe Zinsknechtschaft, schimpft über Steuern und Zinsen und erstirbt vor Hochachtung vor jedem Bankier und Börsenpriaten. Verwirrt sind die Hirne! Die Ganze Wirtschaft ist entedelt, entpersönlicht, in Aktiengesellschaften umgewandelt worden. Die Schaffenden haben sich selbst ihren größten Feinden in die Hände gegeben, dem Finanzkapital. Tief verschuldet, bleibt den Werteschaffenden in Werkstatt, Fabrik und Kontor nur karger Lohn, jeder Gewinn der Arbeit fließt in die Taschen der anonymen Geldmacht als Zins und Dividende. Die Leute, die die wirtschaftliche Vernunft in Pacht genommen haben, wissen das entstandene Chaos nicht zu bändigen. Von oben ausgepreßt durch Steuern und Zinsen, von unten bedroht durch das unterirdische Grollen der betrogenen Arbeitermassen, haben sie sich in wahnwitziger Verblendung dem Finanzkapital und seinem “Staat” an den Hals geworfen und werden von den Nutznießern und Ausbeutern des heutigen Chaos doch nur als Sklavenhalter über die Massen des arbeitenden Volkes geduldet. […] Das Volk in allen seinen Berufsständen bekommt die Zinspeitsche zu schmecken, jeder Bevölkerungsschicht sitzt der Steuereintreiber im Nacken, – aber wer wagt der Allmacht des Bank- und Börsenkapitals entgegenzutreten? Diese Allmacht des Leihkapitals zeigt sich darin, daß es, entgegen allen sonstigen irdischen Erfahrungen, ohne Mühe und Arbeit durch Zins, Dividende und Rente aus sich selbst heraus gewissermaßen wächst, immer größer und gewaltiger wird. Der teuflische Grundsatz der Lüge siegt über den Ordnungsgrundsatz der schaffenden Arbeit. Brechung der Zinsknechtschaft heißt hier unser Feldgeschrei. […] Der Kampf gegen das internationale Finanz- und Leihkapital ist zum wichtigsten Programmpunkte des Kampfes der deutschen Nation um ihre Unabhängigkeit und Freiheit geworden.”

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der anschließenden wirtschaftlichen  Globalisierung veränderte sich das politische Koordinatensystem. Es folgten die Anschläge vom 11. September und eine Weltwirtschaftskrise mit schwerwiegenden gesellschaftlichen Umbrüchen, weshalb sich viele Menschen wieder nach einfachen Erklärungen und rettenden Auswegen sehnten. Die Wutbürger von gestern kämpfen heute, oftmals mit antiwestlichem Furor, den Juchtenkäfer beschützend, gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 oder mit einem Faible für Irrationalität gegen das die “Welt aussaugende Finanzkapital”. Die Zinskritiker und Freiwirte sind bei Attac oder der sogenannten Occupy-Bewegung angekommen. Mit ihrer regressiven Kapitalismuskritk docken die Wutbürger bei Antiglobalisierungs-Vordenker Silvio Gesell und dem NSDAP “Wirtschaftsexperten” Gottfried Feder an. Bei den Wutbürgern gegen den Zins wird die Aversion gegen das Abstrakte überdeutlich. Das auch die Ware Geld ihren Preis hat, verdrängen die neuen Revolutionäre, ihr Hass gegen die Spekulanten ist zu groß. Das große Idol vieler Wutbürger ist der Kabarettist Georg Schramm, seines Zeichens „zorniger Bürger“, Kleinkünstler, Zinskritiker und Freund von Silvio Gesells Regionalgeld.

Georg Schramm bewies sein Gespür für den Zeitgeist, als er am 12. November 2011 vor dem Frankfurter Sitz der europäischen Zentralbank im zinskritischen Zeltlager von “Blockupy Frankfurt” eine Rede hielt, in der er unter anderem meinte: „Wenn Gott seine Welt liebt und die Menschen auch und wenn er ein alttestamentarischer, zorniger Gott ist, dann war sein Timing für die Katastrophe perfekt […]. Wenn die Kernschmelze [im Finanzbereich] solche Folgen hätte wie Fukushima, her mit der Kernschmelze! […] Ich habe übrigens den Begriff des zornigen Gottes gewählt, weil es ein Klassiker ist [!], die jungen Leute hier können das nicht wissen. […]  Das ist lange her, das war zu den Zeiten, wo die Päpste noch nicht mit der Macht liiert waren und noch gegen den Zinswucher [!] gepredigt haben. Papst Gregor hat damals gesagt, die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht. […] Für alle, die missmutig sind, dass ich hier Päpste zitiere, das kann ich im Prinzip verstehen, sei darauf hingewiesen: Das bis zu Beginn der Mittelalters nicht nur die katholische Kirche, sondern das überhaupt alle Weltreligionen immer über viele Jahrhunderte den Zinswucher als einer der größten Sünden bezeichnet haben. Die katholische Kirche ist erst dann davon abgerückt, als sie mit den ersten Banken die es  gab, nämlich mit den katholischen Banken, angefangen hat, damit Geld zu verdienen. Erst dann ist es schief gegangen. Früher war der Banker noch Geldverleiher, diesen Ruf, diesen gesellschaftlichen Status […] sollten wir ihm wieder besorgen! Es war ein unehrenhafter Beruf, den ein ehrbarer Mensch nicht ausüben wollte und die Nonnenmacher und Ackermänner dieser Erde mussten den  Dienstboteneingang nehmen um ins Schloss der Mächtigen zu kommen.“

Dominique Goubelle schreibt über diese Rede in “Bohème und Brettl revisited” treffend: “Georg Schramm, der mit seinem autoritären Parteisoldatenimage im neuen Deutschland gar nicht so recht für diese Rolle prädestiniert erscheint, gar schon anachronistisch wirkt, repräsentiert in seiner Funktion als Kabarettist und deutscher Kleinkünstler doch auch exemplarisch ein Milieu, eine Melange aus Künstlerimage und politischem Engagement, das meist zielsicher beim Antisemitismus landet. (..) Hinzugefügt sei noch mit Blick auf die heutige (klein)künstlerisch verbrämte Politikmacherei, wie man sie bei Schramm oder diversen Occupy-Aktivitäten findet, dass sie auf Eso-Kitsch und Lebensreform zugunsten eines sich militant gebenden Antikapitalismus ganz gut verzichten kann, den Hass auf die Agenten der Zirkulation und die mit ihnen als westlich gebrandmarkte Zivilisation aber als einendes Moment und Welterklärung beerbt, wie es auch im Verhältnis vieler Nazis zur Lebensreformbewegung der Fall war.”

Im Jahre 2008 schwamm Georg Schramm in der „Anstalt“ des ZDF wieder einmal mit dem Strom indem er die antiisraelischen Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad wahrheitswidrig, aber zum Gefallen rechter und linker „Israelkritiker“ negierte: „Israel muß von der Landkarte getilgt werden – falsch!!“ – „Das Besatzungsregime Israels muß Geschichte werden – richtig“. Der beliebte „Wutbürger“ spricht von einem Übersetzungsfehler und vom „israelischen Besatzungsregime“ und damit seinen Anhängern aus der Seele.

Anstatt sich dieser „Ontologie der Reklame“ zu erwehren , anstatt sich wegen der stetig steigenden Arbeitsproduktivität um eine Arbeitszeitverkürzung zu bemühen, anstatt sich für eine Verkürzung des Renteneitrittalters einzusetzen, anstatt für höhere Löhne zu demonstrieren, anstatt sich mit den Regeln der Kapitalverwertung auseinanderzusetzen, träumen die Wutbürger von gelynchten „Gierigen“ und erwählen wieder einmal einen Sündenbock für die Krisen und Konflikte dieser Welt.  Die selbsternannten „99 Prozent“ interessieren sich kaum für die Überwindung der Kapitalverhältnisse,  ihren ist vermutlich nicht bewußt wie regressive Kapitalismuskritik und reaktionäre, antisemitische Ideologie die Menschheit schon einmal an den Abgrund führte.

Obwohl Theodor W. Adorno den „Oberstleutnant Sanftleben“, bzw. „Lothar Dombrowski“ nicht kannte schrieb er in „Spengler nach dem Untergang“: “Unterdessen gilt bereits an Auschwitz zu erinnern für langweiliges Ressentiment. Keiner gibt mehr etwas fürs Vergangene. Was auf das von Spengler so genannte Zeitalter der kämpfenden Staaten folgt, ist seiner Konstruktion zufolge eine im dämonischen Sinne geschichtslose Zeit: die Tendenz der gegenwärtigen Wirtschaft, unter Eliminierung des Marktes und der Dynamik der Konkurrenz einen statischen und im eigentlich ökonomischen Sinn „krisenlosen“ Zustand unmittelbarer Verfügung herbeizuführen, kommt mit Spenglers Prognose deutlich genug überein. Mehr und sinnfälliger noch erfüllt sie sich in der Statik der »Kultur«, deren avancierten Versuchen seit dem neunzehnten Jahrhundert schon die Gesellschaft Verständnis und eigentliche Rezeption verweigert, die unablässige und tödliche Wiederholung des einmal Akzeptierten erzwingend, während die standardisierte Massenkunst vermöge ihrer „gefrorenen“ Modelle Geschichte ausschließt. „

Erstveröffentlichung in Mission Impossible

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