Jenseits von Schuld und Sühne

In seinem Vorwort zur Neuausgabe von „Jenseits von Schuld und Sühne“ schreibt Jean Améry 1976 in Brüssel: “… Was geschah, geschah. Aber dass es geschah, ist so einfach nicht hinzunehmen. Ich rebelliere:  gegen meine Vergangenheit, gegen die Geschichte, gegen meine Gegenwart, die das Unbegreifliche geschichtlich einfrieren lässt und es damit auf empörende Weise verfälscht. Nichts ist vernarbt, und was vielleicht 1964 schon im Begriff stand zu heilen, das bricht als infizierte Wunde wieder auf. Emotionen? Meinetwegen. Wo steht geschrieben, dass Aufklärung emotionslos zu sein hat? Das Gegenteil scheint mir wahr zu sein. Aufklärung kann ihrer Aufgabe nur dann Gerecht werden, wenn sie sich mit Leidenschaft ans Werk macht.

Geboren wurde Jean Améry als Hans Mayer am 31. Oktober 1912 in Wien. Er war der Sohn eines jüdischen Vaters,  welcher nie in einer Synagoge war und im ersten Weltkrieg fiel. Seine Mutter war katholisch.  Bis zum „Anschluss“ Österreichs an das „Dritte Reich“ 1938, lebte Améry, der sich bis dahin nicht als Jude fühlte, als intellektueller Agnostiker und Bohemien. Die „Nürnberger Gesetze“ machten ihn zum Juden. Als seine Mutter wieder heiratete hätte er seinen jüdischen Vorfahren verheimlichen können, da sein neuer katholischer Stiefvater im „Amt“ arbeitete. Zu dem Zeitpunkt hatte er allerdings eine jüdische Freundin. Er entschied sich für die Freundin und die Flucht aus Österreich, schloss sich dem kommunistischen Widerstand in Frankreich und Belgien an. Am 23. Juli 1943 wurde Jean Améry beim Verteilen von antinazistischen Flugblättern verhaftet. Im belgischen Festungslager Breendonk entdeckte die Gestapo seine jüdische Abstammung. Er wird  bestialisch gefoltert.  Im  Januar 1944 kam er nach Auschwitz.  Jean Améry überlebte als Schreiber in einem Werk der I. G. Farben. Im Februar 1945 wurde er in das unterirdische Arbeitslager Mittelbau-Dora nach Thüringen verlegt.  Im April kam er nach Bergen-Belsen, wo er zwei Wochen später befreit wurde. Jean Améry war 642 Tage in deutschen Lagern gewesen. Seine Auschwitznummer 172 364, schrieb er einst, lese sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gebe zudem gründlicher als diese Auskunft über eine jüdische Existenz. Am 17. Oktober 1978 wählt er den Freitod mittels Schlaftabletten in Salzburg.  Auf dem  Wiener Zentralfriedhof ist sein Grab.

„Jenseits von Schuld und Sühne“, „Unmeisterliche Wanderjahre“ und „Örtlichkeiten“ gehören zu den autobiografischen Büchern von Jean Améry. Mit seinem Werk „Jenseits von Schuld und Sühne“ , dass er 1966 veröffentlichte, wurde Jean Améry weltbekannt. Das Buch mit den „Bewältigungsversuchen eines Überwältigten“ besteht aus sechs Essays. „An den Grenzen des Geistes“ beschreibt die Unterschiede der Gefangenen in Auschwitz. In der Hierarchie der Gefangenen kamen erst die Schwerverbrecher, Kommunisten  und so fort,  an absolut letzter Stelle waren die Juden.  Kommunisten und religiöse Gefangene konnten, laut Améry,  Folter und Grausamkeit „besser“ ertragen als er, der Atheist. Sie glaubten an „etwas“,  dass ihnen Kraft gab. Den Glauben an „Gott“ oder die „Gewissheit“, dass der Kommunismus auch nach den KZs noch bestehen wird und die Kameraden einen  rächen werden, hatte Améry   nicht.  Er, der Humanist und Atheist,  konnte dies nicht. Gedichte und philosophische Betrachtungen sind im KZ wertlos. Améry  wusste,  dass seine Mithäftlinge einer Illusion erlagen, aber zumindest einer sehr beruhigenden und hilfreichen. Über das System der Tortur schreibt Améry: „Wenn man von der Tortur spricht muss man sich hüten, den Mund zu voll zu nehmen. Was mir in Breendonk zugefügt wurde, war bei weitem nicht die schlimmste Form der Folter. Man hat mir keine glühenden Nadeln unter die Fingernägel getrieben, noch hat man auf meiner nackten Brust brennende Zigarren ausgedrückt. […] Staunen über die Existenz des grenzenlos in der Tortur sich behauptenden anderen und Staunen über das, was man selber werden kann: Fleisch und Tod. Der Gefolterte hört nicht wieder auf, sich zu wundern, dass alles was man je nach Neigung seine Seele oder seinen Geist oder sein Bewusstsein oder seine Identität nennen mag, zunichte wird, wenn es in den Schultergelenken kracht und splittert. Dass das Leben fragil ist, diese Binsenwahrheit hat er immer gekannt, und dass man es enden kann, wie es bei Shakespeare heißt, „ mit einer Nadel bloß“. Dass man aber den lebenden Menschen so sehr verfleischlichen und damit im Leben schon halb und halb zum Raub des Todes machen kann, dies hat er erst durch die Tortur erfahren. Wer der Folter erlag kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. Das zum Teil schon mit dem ersten Schlag, in vollem Umfang aber schließlich in der Tortur eingestürzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen.“ Im letzten Kapitel, „Über den Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“ schreibt Jean Améry: „Ist es so, das ich, der einstige Auschwitzhäftling, dem er wahrhaftig nicht an Gelegenheit gefehlt hat, zu erkennen, was er ist, was er sein muss – ist es denkbar, dass ich immer noch kein Jude sein wollte, wie vor Jahrzenten, als ich weiße Wadenstrümpfe trug, eine lederne Kniehose und unruhig mein Spiegelbild beäugte, ob es mir wohl einen ansehnlichen deutschen Jüngling zeige? […]  Ich war, als ich die „Nürnberger Gesetze“ gelesen habe, nicht jüdischer als eine halbe Stunde zuvor. Meine Gesichtszüge waren nicht mediterran-semitischer geworden, mein Assoziationsbereich war nicht plötzlich durch Zauberkraft aufgefüllt mit hebräischen Referenzen, der Weihnachtsbaum hatte sich nicht magisch verwandelt in den siebenarmigen Leuchter. Wenn das von der Gesellschaft über mich verhängte Urteil einen greifbaren Sinn hatte, konnte es nur bedeuten, ich sei fürderhin dem Tode ausgesetzt. […] In meinem unablässigen Bemühen, die Grundkondition des Opferseins auszuforschen, im Zusammenstoß mit Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein, glaube ich erfahren zu haben, dass die äußersten Zumutungen und Anforderungen, die an uns gestellt werden, psychischen und sozialer Natur sind. Dass mich solche Erfahrung untauglich gemacht hat zu tiefsinniger und hochfliegender Spekulation, weiß ich. Dass sie mich besser ausgerüstet haben möge zu Erkenntnis der Wirklichkeit, ist meine Hoffnung.“

„Jenseits von Schuld und Sühne“ ist zudem als Hörbuch erschienen, gelesen von Peter Matic. Amérys Texte sollten zur Pflichtlektüre für „gefährdete“ Linke werden. Der Améry Essay „ Der ehrbare Antisemitismus“, sowie neuere Améry-Texte zwangen viele „Freitagsblogger“ zur Offenbarung ihrer Ressentiments. Bis zu seinem Freitod, 1978 schrieb Améry gegen linken Antisemitismus an. „Die Allianz des antisemitischen Spießer-Stammtisches mit den Barrikaden ist wider die Natur, Sünde wider den Geist, um in der vom Thema erzwungenen Terminologie zu bleiben. [..] Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus.“ Eine Linke, die sich ernst nimmt, muss Israel verteidigen. Angesprochen ist jedoch nicht nur die Linke. Die Palästina-Frage war das gemeinsame Band für die einstimmige Resolution zur Lage in Gaza. Für die Protagonisten der nationalen Selbstfindung im Bundestag, von der FDP bis zur Linkspartei, könnte sich die Lektüre Jean Amérys sicherlich auch lohnen.

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  1. #1 von rainerkuehn am Juli 29, 2010 - 00:02

    Ein schöner Text, und eindrücklich gewählte Zitate. Gegen die Spießer-Stammtische; für sich selbst, immer genau zuzuhören. Und dieses empfinde ich auch: "Nichts ist vernarbt, und was vielleicht 1964 schon im Begriff stand zu heilen, das bricht als infizierte Wunde wieder auf." Ja, Geschichte ist kein Fortschritt zum Glück, nicht einmal heilende-vernarbende Zeit, wie noch bei Sophokles."Emotionen? Meinetwegen. Wo steht geschrieben, dass Aufklärung emotionslos zu sein hat? Das Gegenteil scheint mir wahr zu sein. Aufklärung kann ihrer Aufgabe nur dann Gerecht werden, wenn sie sich mit Leidenschaft ans Werk macht."Ich denke, das ist so.Dank für die Erinnerung und den Beitrag.

  2. #2 von boxer am Juli 30, 2010 - 15:43

    Das Weltvertrauen kann sehr leicht verlorengehen in diesen finsteren Zeiten. Danke für das Erinnern an Jean Améry

  3. #3 von pi4sam am August 4, 2010 - 16:31

    Danke für den Text

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