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Die Eurokrise, national befreite Zonen und die “Alternative für Deutschland”

„Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum unser ganzes Geld nach Griechenland geht und nicht in unsere kaputten Straßen und Brücken? Haben Sie sich eigentlich schon einmal gefragt warum unsere Renten vorn und hinten nicht mehr reichen, während wir immer mehr Geld an bankrotte Länder überweisen?“

aus dem Wahlwerbespot der „Alternative für Deutschland“ (AFD)

eurokriseMit solcherlei braunen Statements kommt die AFD beim deutschen Wähler gut an. Deutschlands Straßen und Brücken haben Priorität für die „freie Fahrt“ der „freien Bürger„. Was interessiert den deutschen Citoyen schon die Not der Griechen?  Die Kernforderung der AFD ist die Auflösung des Euro-Währungsgebietes und die Wiedereinführung nationaler Währungen oder die Schaffung kleinerer und stabilerer Währungsverbünde, etwa den „Nord-Euro“ und den „Süd-Euro“. In vielen „national befreiten Zonen“ plakatierte die AFD gegen eine angebliche „Zuwanderung in die Sozialsysteme“ und am Wahlabend sprach Parteichef Lucke von „Entartungen von Demokratie„. Bemerkenswert sind die von Sarah Wagenknecht reklamierten Übereinstimmungen zwischen AFD und Linkspartei. Entsteht da gar eine neue Querfront? So meinte etwa die stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei über die neuen „Euro-Rebellen“: Die AFD hat in vielen Punkten recht. Den Einzug in den Bundestag verpasste die im Februar 2013 gegründete  „Euro-kritische“  AFD mit 4,7 Prozent denkbar knapp, was nichts an dem Umstand ändert, dass die anhaltende Krise in Europa nationalistischen und neonazisti­schen Tendenzen steigenden Auftrieb verschafft.

Um die aktuelle Euro- und Schuldenkrise zu begreifen ist ein kurzer Blick auf die letzten Jahrzehnte nötig. Mit dem Auslaufen des fordistischen Nachkriegsbooms Ende der siebziger Jahre und dem Rationalisierungsschub der Mikroelektronik war es mit dem realwirtschaftlichen Aufschwung endgültig vorbei. Die schnell entstehende Massenarbeitslosigkeit durch die Überakkumulationskrise Mitte der 1970er Jahre konnte durch keynesianische Regulation nicht gelindert werden. So führte die keynesianische Politik zu teilweise zweistelligen Inflationsraten. Die zunehmende Liberalisierung und die monetaristische Politik der Neoliberalen boten den scheinbaren Ausweg. Mit dem Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ fühlten sich die Protagonisten in ihrer neoliberalen Politik fulminant bestätigt.

Seit nun mehr als dreißig Jahren wird die Weltwirtschaft nur noch durch staatliches wie privates Schuldenmachen in Gang gehalten. In den führenden westlichen Industrienationen wurde die Staatsverschuldung massiv vorangetrieben, wie beispielsweise der exzessive Rüstungskeynesianismus des US-Präsidenten Reagan Mitte der 1980er Jahre belegt. Den USA droht nun die Staatspleite. In diesem Oktober werden die USA die Schuldengrenze von 16,7 Billionen Dollar, etwa 12,5 Billionen Euro erreichen, das sind 108 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) der USA. Zum Vergleich: Die Verschuldung von Spanien liegt bei 92 Prozent, von Griechenland bei 182 Prozent und die von Deutschland bei rund 83 Prozent des BIP. Die Deregulation des Finanzsektors, in Deutschland durch die rot-grüne Regierung, erweiterte zudem die Möglichkeiten zur kreditären Geldschöpfung. Durch die Verlagerung großer Geldmengen vom Massenkonsum und der Realwirtschaft in den Finanzsektor verschwand umgehend die Inflation.

Im Jahre 2008 markierte der Finanzcrash im Gefolge der Lehman-Pleite das Ende einer Immobilienblase in den USA und einigen europäischen Staaten wie Spanien und Irland. Alle Beteiligten versuchten ihre Außenstände einzutreiben um wieder liquide zu werden. Das führte bei mangelnder Kreditbereitschaft der Banken zu Zahlungsausfällen und zu einer Schuldenkrise, die in vielen Staaten die Wirtschaftsleistung einbrechen ließ. Nun kam es zu den berüchtigten Sparauflagen des internationalem Währungsfond und der Europäischer Zentralbank für die hoch verschuldeten Volkswirtschaften was sehr schnell zum Einbruch der jeweiligen Binnennachfrage führte, die wiederum eine Arbeitslosenquote um die 25 Prozent in Griechenland, Spanien und anderen Südländern zur Folge hatte.

Im „finanzgetriebenen Kapitalismus“ des 21. Jahrhunderts wird also die Realwirtschaft durch Schulden finanziert und in Gang gehalten. Dieser Defizitkreislauf funktioniert folgendermaßen: Deutschland beispielsweise gewährt Griechenland einen Kredit, den Griechenland dazu verwendet, die von Deutschland produzierten Waren zu kaufen, wodurch das Geld wieder an Deutschland zurückfließt, das Deutschland dann erneut an Griechenland verleihen kann. Dabei bilden Staaten wie Deutschland mit ihren Banken eine Art Syndikat über das Stefan Frank in „Kreditinferno: Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos“ schreibt: „Sie sind beide bankrott, aber sie tun so, als hätte einer von ihnen Geld, dass er dem anderen leihen kann – damit die Bürger nicht rebellieren. Immer wieder werden Euros nachgedruckt, immer mehr.“ Der „finanzgetriebene Kapitalismus“ kommt  zum Stillstand, sobald die Gläubiger den begründeten Verdacht haben, ihre Schuldner könnten ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen. Seit dem Crash von 2008 nimmt dieser „begründete“ Verdacht weltweite Ausmaße an. Um das System vor dem völligen Zusammenbruch zu retten, müssen Staaten und Banken die Schulden übernehmen und zudem  gigantische Konjunkturprogramme auflegen um eine Depression zu verhindern. Der vielfach gescholtene „finanzgetriebene Kapitalismus“ hat nun mehr als dreißig Jahre lang die Weltwirtschaft am Laufen gehalten. In der aktuellen kapitalistischen Krise stehen die Politiker Europas vor der Alternative: Kaputtsparen oder Staatsbankrott.

Was geschähe in dem von der AFD geforderten Szenario, der Wiedereinführung nationaler Währungen in Europa? Länder wie Griechenland hätten nicht die geringste Chance auch nur einen Bruchteil ihrer Schulden zurückzubezahlen und damit wären weitere dringende Kredite mittels Staatsanleihen utopisch. Die Folge wären soziale Verwerfungen, die in keiner Weise mit der derzeitigen sozialen Not in Griechenland und anderswo vergleichbar wären. Die neue deutsche Regierung, egal ob sie  schwarz-grün oder schwarz-rot aussieht, wird einen neuen gigantischen Rettungsschirm initiieren und durchsetzen. Die deutsche Wirtschaft gehört zu den Gewinnern der Krise, doch die Freude in diesen Kreisen ist getrübt, denn wer schließlich soll in den immer weniger und immer kleiner werdenden Inseln kapitalistischer Prosperität deren Produkte noch abkaufen? “ Dazu schrieb Claus Peter Ortlieb vor einigen Monaten in Konkret:  „Wenn alle denjenigen folgen, die zuletzt erfolgreich waren, ist der weitere Krisenverlauf vorgezeichnet: Da Erfolg in der Standortkonkurrenz heißt, zu den wenigen zu gehören, die ihre Produkte exportieren können, müssen vor Ort die Kosten gedrückt werden, insbesondere diejenigen für solchen Luxus wie die Versorgung von Kranken, Alten und anderen Kostgängern, die zum wirtschaftlichen Erfolg keinen Beitrag leisten. Der Kampf um Wettbewerbsfähigkeit kann so nur zu einer weiteren Abwärtsspirale führen, die übrigens längst in Gang gekommen ist.“ Deutschland ist innerhalb der EU das einzige Land in dem die Reallöhne zwischen 2000 und 2008 sanken, was ein wichtiger Grund für den Außenhandelsüberschuss Deutschlands ist.

Das Niederkonkurrieren im Euro-Raum, bisher die oberste deutsche Maxime, führte das Euro-Projekt an den Rand des Abgrunds. Die militärischen Varianten der keynsianischen Konjunkturpolitik scheinen nicht mehr finanzierbar zu sein.  Der Krieg im Irak von 2003 bis 2013 kostete die USA 812,6 Milliarden Dollar, der in Afghanistan 643,4 Milliarden. Die mit Billionen aufgeblasene Geldmenge, die hoffnungslos verschuldeten Staaten werden irgendwann eine Währungsreform „alternativlos“ werden lassen. Diese Währungsreform wird anders aussehen als  AFD inklusive Anhänger sich diese vorstellen. Die nächste Währungsreform wird vermutlich das gesamte nicht in Immobilien oder Produktionsmitteln steckende Kapital entwerten müssen. Alle Derivate, Zertifikate und die anderen Kettenbriefe werden im nächstgelegenen  Blockheizkraftwerk amortisiert und jeder Einwohner wird mit einem einmaligen Startgeld von sagen wir 1000 Reform-Euro an den Start gehen. Das Risiko, dass die Massen sich das nicht gefallen lassen wird eingegangen. Gewisse politische Entscheidungen sind alternativlos, wie einst eine „mächtige“ deutsche Politikerin, die Namensgeberin der AFD anmahnte. Die knapp an der Fünfprozenthürde gescheiterte AFD vermeldet übrigens Anfragen von arbeitslosen FDP-Mitgliedern bezüglich eines lukrativen Übertritts. Bewerbungen von Politikern der Linkspartei bei der AFD sind bislang nicht überliefert.

Erstveröffentlichung in Mission Impossible:

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Bachblüten für das IOC

bachAm 10. September wurde der FDP-Politiker, frühere Fecht-Olympiasieger und spätere Sportfunktionär Thomas Bach Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und somit “Mächtigster Mann des Weltsports“. 1991 wechselte Bach vom NOK ins IOC und wurde dort im Jahre 2000 ihr Vizepräsident. Im Mai 2006 wurde Thomas Bach Präsident der Arabisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (Ghorfa).

Die Ghorfa unter Thomas Bach unterstützt den Boykott israelischer Waren und lebt von der Ausstellung von Handels-Zertifikaten für deutsche Firmen in den  arabischen Raum. Für importwillige arabische Länder prüft und zertifiziert die Organisation, dass keine Bestandteile deutscher Produkte in Israel hergestellt wurden. Außerdem ist die Ghorfa bei der Vorbereitung von Warenimporten, wie Rüstungsgüter  für arabische Staaten zuständig.

Der kuwaitische Scheich Ahmed al-Sabah, ebenfalls IOC-Mitglied gilt als der” Strippenzieher“ im Hintergrund, dessen Unterstützung für Bach kein Geheimnis ist. Entgegen dem Ethikcode des IOC hat der Scheich öffentlich seine Unterstützung für Bach geäußert. Die engen Verflechtungen mit verschiedenen arabischen Staatsvertretern wurden Bach bereits im Vorfeld der Wahl zum Vorwurf gemacht.

Vor den olympischen Sommerspielen in London im Jahre 2012 war es der jetzige Präsident des IOC der sich gegen eine Schweigeminute zum 40. Jahrestag der Ermordung israelischer Athleten durch palästinensische Terroristen während der Olympiade in München 1972 aussprach. Seit den Spielen von Montreal 1976 bittet Ankie Spitzer, die Witwe des israelischen Fecht-Trainers Andre Spitzer, mit Ilana Romano, der Frau des getöteten Gewichthebers Josef Romano das IOC um eine Schweigeminute während der Eröffnungsfeier. Bereits damals wurde deutlich gemacht, dass die arabischen Delegationen die die Spiele verlassen würden, wenn den ermordeten israelischen Athleten gedacht werden würde. Nicht nur in vielen arabischen Staaten sind die Terroristen von München Helden. Im Übrigen wurden die drei überlebenden palästinensischen Mörder und Geiselnehmer von Deutschland vor kein Gericht gestellt. Sie wurden wenige Wochen nach der Geiselnahme  von der Deutschen Regierung, ohne Israel darüber zu informieren, gegen Passagiere und Besatzung der entführten Lufthansa-Maschine „Kiel“ ausgetauscht.

Am 10.09.2013 gratulierte Guido Westerwelle seinem Parteifreund in dem er meinte: “Die Wahl Thomas Bachs ist eine Anerkennung seiner Arbeit, aber auch eine Auszeichnung für unser Land. Ich beglückwünsche Thomas Bach und freue mich von Herzen über seine heutige Wahl zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees. Erstmals bekleidet nun ein Deutscher dieses herausragende Amt. Die Wahl Thomas Bachs zeigt die hohe Wertschätzung für seine Leistungen als Sportler und für sein jahrzehntelanges, unermüdliches Engagement für die olympische Idee. Sie ist auch eine große Ehre für unser Land. Ich bin Thomas Bach dankbar für seinen Einsatz für Deutschland und wünsche ihm bei seiner neuen großen Aufgabe viel Glück und Erfolg.”

Die hohe Wertschätzung für die deutschen Leistungen in den lupenreinen Demokratien des Nahen Ostens und das unermüdliche deutsche Engagement im arabischen Raum sind freilich seit über hundert Jahren legendär. Abschließend frägt sich der interessierte Beobachter: Finden nun demnächst die Winterspiele in Kuwait statt oder werden 2024 im Iran die olympischen Sommerspiele mit Burkini-Pflicht für alle Schwimmerinnen ausgetragen oder wird gar der Boykott jüdischer Waren olympische Disziplin? Vielleicht hilft eine Bachblütentherapie.

Erstveröffentlichung am 14. September 2013 in Mission Impossible

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Die Belagerung Leningrads

„Das Widerstreben, das Phänomen des Terrors in all seinen Implikationen rückhaltlos zu erforschen, ist in sich selbst ein unterschwelliges Symptom des Terrors.“ Leo Löwenthal: Individuum und Terror 1946

lgHeute vor 72 Jahren, am 22. Juni 1941 begann der deutsche Überfall auf die Sowjetunion, das „Unternehmen Barbarossa“. Dabei führte die deutsche Wehrmacht von 1941 bis 1944 einen rassebiologischen Vernichtungskrieg gegen Juden, Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung, dem Millionen zum Opfer fielen. Der Überfall auf die Sowjetunion wird von der deutschen Propaganda als europäischer Kreuzzug zur Verteidigung der europäischen Kultur gegen den „jüdischen Bolschewismus“ gefeiert.  Dieser Krieg verlange ein „rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden und die restlose Beseitigung jedes aktiven und passiven Widerstandes“.  Mit diesem Aufruf zum Massenmord, sowie dem sogenannten „Kommissarbefehl“ und dem „Kriegsgerichtsbarkeitserlass“ werden deutsche Offiziere und Mannschaften zur Ermordung aller verdächtigen sowjetischen Zivilisten ermächtigt. Im sogenannten „Generalplan Ost“ sollte eine deutsche Ordnung durchgesetzt werden. Zur Tötung vorgesehen waren vor allem die sowjetischen Kriegsgefangenen. Von den insgesamt 5,7 Millionen Gefangenen starben drei Millionen nach ihrer Gefangennahme indem sie verhungerten, erfroren, an Seuchen starben oder auf Todesmärschen erschossen wurden. 27 Millionen Sowjetbürger wurden durch den deutschen Überfall ermordet, mehr als die Hälfte davon hinter der Front, ehe es der Roten Armee gelang Auschwitz und die Sowjetunion zu befreien.  Die deutsche Wehrmacht ermöglichte nicht nur den Betrieb von Auschwitz, sie verübte darüber hinaus unzählige Massaker. Die größte einzelne Mordaktion im zweiten Weltkrieg geschah unter der Verantwortung der Wehrmacht in Babi Jar bei Kiew, bei der am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Juden ermordet wurden. Eines der eklatantesten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während des Krieges gegen die Sowjetunion war die „Blockade von Leningrad„.

Vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 wurde die sowjetische Stadt Leningrad von den deutschen Soldaten der Heeresgruppe Nord belagert, von seinen maritimen Nachschubwegen abgeschnitten und einer totalen Seeblockade unterworfen.  Am 8. September 1941 schloss sich der deutsche Belagerungsring um die Stadt. Das ab Oktober 1941 einsetzende Massensterben der Leningrader war erklärtes Hauptziel der Belagerung.  Das Ziel der Deutschen war die Leningrader Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen. Wer aus der belagerten Stadt auszubrechen versuchte, wurde erschossen. Es wurden Minengürtel gelegt. Die Bevölkerung sollte durch Bombenangriffe und Artilleriefeuer zermürbt werden. Gezielt schossen die Deutschen auf Lebensmittellager, Fabriken, Krankenhäuser, Versorgungsunternehmen und Wasserwerke.

Leningrad war für Hitler nicht nur das Symbol russischer Staatlichkeit und Großmacht sondern auch die „Wiege des jüdischen Bolschewismus“. Deshalb sollte die Stadt wie Moskau nach ihrer Eroberung gänzlich zerstört werden. Franz Halder, der Chef des Generalstabs notierte zwei Wochen nach Beginn des Krieges, in seinem Tagebuch nach einer Unterredung mit Hitler: „Der feststehende Entschluss des Führers ist es, Moskau und Leningrad dem Erdboden gleichzumachen, um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssten.“

Leningrad war neben Moskau die modernste und größte Stadt der Sowjetunion. Unmittelbar vor dem Krieg lebten dort knapp drei Millionen Menschen.  Die Leningrader waren während der Belagerung auf ständiger Nahrungssuche. Gegessen wurden beispielsweise  Klebstoff,  Tapetenkleister oder Lederwaren. Ab November 1941 gab es in Leningrad weder Katzen oder Hunde noch Ratten und Krähen. In der verhungernden Stadt brach die Strom- und Wasserversorgung zusammen. Die Wohnungen konnten mitten im Winter nicht mehr beheizt werden. Das System der Leichenabholung und Bestattung brach im Januar 1942 zusammen, Tausende von Toten blieben in den Wohnungen und Krankenhäusern liegen.   In den Milizunterlagen, die 2004 veröffentlicht wurden, wurden für das Jahr 1942 2.000 Verhaftungen wegen „Leichenfresserei“ und „Menschenfresserei“ bestätigt, schreibt Erich Später in „Der dritte Weltkrieg“. „Am 9. Dezember 1941 gelang es der Roten Armee, den Verkehrsknotenpunkt Tischwin zurückzuerobern. Damit verbesserten sich die Möglichkeiten, Leningrad über den Ladogasee zu versorgen. Als das Eis des Sees Anfang Januar endlich dick genug war, um LKWs zu tragen, konnte die Stadt allmählich besser versorgt werden. Die »Straße des Lebens« war 45 km lang, 30 km führten über den zugefrorenen See. Die deutsche Armee versuchte mit allen Mitteln, diese Lebensader zu zerstören und die Stadt weiter abzuschnüren“, so Später weiter.  Während der 900-tägigen Belagerung kamen etwa 1.100.000 LenigraderInnen ums Leben, die meisten starben an Unterernährung und Unterkühlung.  Über zwei Millionen sowjetische Soldaten starben in der längsten Schlacht des zweiten Weltkriegs und retteten Leningrad und seine Menschen vor der Vernichtung.

Weil Helmut Schmidt als Offizier an der Belagerung Lenigrads teilgenommen und sich wiederholt „kritisch“ gegenüber der israelischen Politik geäußert hat, ließ der israelische Premierminister Menachem Begin 1981 dem deutschen Kanzler ausrichten, „wer als Offizier am Vernichtungskrieg an der Ostfront teil­genommen hat, sollte zu den Problemen im Nahen Osten ein für allemal den Mund halten“. Das scheint beim ehemaligen Oberleutnant der Wehrmacht aber auf taube Ohren gestoßen zu sein, da der „beliebteste deutsche Politiker der jüngeren Geschichte“ mit  26 europäischen Ex-Politikern Ende 2010 mit einem Aufruf Israel diktieren wollte, wie es sich beim Siedlungsbau und bei der Verhin­derung der weiteren Aufrüstung im Gaza-Streifen zu verhalten habe. Helmut Schmidt, der gegen seine Partei den sogenannten Nato-Doppelbeschluss durchsetze, was in Deutschland die Stationierung atomar bestückter Mittelstreckenraketen gegen die Sowjetunion zur Folge hatte, war der Meinung, dass Deutschland keine Verantwortung für Israel habe und deshalb plädierte er mit seinem ehemaligen  Leningrad-Kameraden Richard von Weizsäcker sowie diversen SPD-Spitzenpolitikern für „Sanktionen“ und „konkrete Maßnahmen“ – nicht etwa gegen das iranische Regime oder seine Verbündeten Hamas und Hisbollah, die Israel vernichten wollen, sondern gegen den jüdischen Staat.

Kaum überraschend solidarisierten sich parteiübergreifend Politiker von Herbert Wehner bis Helmut Kohl und Medienvertreter von der FAZ bis zum Spiegel mit dem deutschen Kanzler. Als Deutscher hatte man es nicht leicht im Krieg, wie man bereits zur “Stunde Null” gerne zu sagen pflegte und vermutlich genau aus diesem Grund fühlen sich viele Deutsche zum Weltfriedensrichter verpflichtet. Antikommunismus, Judenfeindlichkeit und die Toleranz bei rechter Gewalt sind scheinbar wie Befehl, Gehorsam, Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein Bestandteile deutscher Sekundärtugenden. In den Zeiten der NSU Morde wird ein Zentralregister gegen Linke eingeführt und während der Iran seine Vernichtungsphantasien gegen Israel formuliert folgt die überwältigende Mehrheit der Deutschen ihrem „Lieblingskanzler“ Helmut Schmid, indem sie „Sanktionen“ und „konkrete Maßnahmen“ gegen den von antisemitischen Islamisten bedrohten Judenstaat einfordert.

Quellen:  Stephan Grigat – Postnazismus revisited: Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert – Mai 2012 | Erich Später – Der dritte Weltkrieg – Konkret 2011 | Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 – Katalog zur Ausstellung – Hamburger Edition – 1996

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Béla Guttmann und die Offensive

belaDer ungarische Jude, österreichische Fußballprofi und Tanzlehrer Béla Guttmann, geboren am 27. Januar 1899 in Budapest hat den modernen Offensivfußball mehr geprägt als alle anderen Fußballtrainer dieser Welt. In sechs Jahrzehnten als Fußballspieler und Trainer war Guttmann in 13 Ländern Europas, Nord- und Südamerikas für 24 verschiedene Vereine sowie drei Nationalteams tätig. Auf dem Höhepunkt seiner Trainerkarriere triumphierte der Entdecker von Eusébio mit Benfica Lissabon zweimal hintereinander in den Jahren 1961 und 1962 im Europapokal der Landesmeister. In den jeweiligen Endspielen wurden Barcelona und Real Madrid in mitreißenden Spielen mit begeisterndem Angriffsfußball besiegt und die Vorherrschaft des spanischen Fußballs insbesondere Real Madrids durchbrochen.

Fußballspielen lernte Béla Guttmann beim MTK Budapest, wo er von 1919 bis 1921 spielte. 1922 wechselte er zu Hakoah Wien. Mit Hakoah (Kraft) wurde er 1925 österreichischer Meister. Nachdem Guttmann in die USA wechselte, bei den New York Giants spielte, dort Hakoah Turniere organisierte kehrte er als Spielertrainer 1933 zu Hakoah Wien zurück. Auf Vermittlung von Hugo Meisl trat Guttmann seine erste Trainerstelle beim holländischen Club Twente Enschede an. Ab 1938 lebte Guttmann wieder in Österreich, er floh nach dem Anschluss an Nazideutschland nach Budapest und wurde 1939 Trainer bei Ujpest Dosza und gewann dort die Meisterschaft und den Pokal. Von 1939 bis zum Kriegsende, ständig auf der Flucht vor den Schergen Hitlers, tauchte er bis Kriegsende unter. Nach dem 2. Weltkrieg wurde er Trainer bei Vasas Budapest und wieder Ujpest Dosza. 1949 verließ Guttmann Ungarn und ging nach Italien. Erstes Engagement bei Padova Calcio, das er von einer kaum erstligareifen Mannschaft an die Spitze der Tabelle führt. Nach weiteren Trainerstationen, darunter der AC Mailand bei dem er kurz vor der Meisterschaft entlassen wurde, wechselte er 1959 zum FC Porto wo ihm auf Anhieb die portugiesische Meisterschaft gelang. In der darauffolgenden Saison wurde Béla Guttmann Trainer von Benfica Lissabon und abermals portugiesischer Meister. Am 31. Mai 1961 gewann Benfica das Europapokalfinale gegen den FC Barcelona mit 3:2. Am 2. Mai 1962 wiederholte Benfica Lissabon den Erfolg gegen den fünfmaligen Europacupsieger Real Madrid und siegte mit 5:3 Toren. Guttmann tritt zurück und wird Trainer von Penarol Montevideo, er scheitert mit dem Versuch, die Copa Libertadores gegen Peles FC Santos zu gewinnen. Die Zeit der Erfolge war nun vorbei. Erfolglose Engagements unter anderem bei Servette Genf, FC Porto, Austria Wien, der österreichischen Nationalmannschaft, Panathinaikos Athen und wiederum Benfica Lissabon nachfolgten. 1973 erklärte Béla Guttmann seine Trainerlaufbahn für beendet. Am 28. August 1981 stirbt die Trainerlegende und wird auf dem jüdischen Teil des Zentralfriedhofs in Wien begraben.

Nach dem ersten Weltkrieg entwickelte sich der Fußball zum attraktiveren Zuschauersport, gleichzeitig wurde das Amateurideal in Mitteleuropa großgehalten. Während der britische Fußball bereits vom Professionalismus geprägt war, bezahlten viele Vereine auf dem europäischen Festland ihre Spieler „unter der Hand“. Der Amateurstatus war vielfach ein  Scheinamateurismus.  Die Auslandsreisen vieler Vereine waren Teil einer komplizierten Finanzierungsstrategie. Alles in einer Zeit in der die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse sehr unübersichtlich waren. Die Fußballbürokratien mit den verschiedenen Amateurstatuten und Spielberechtigungen waren dem Chaos nach dem Krieg noch weniger gewachsen als die staatlichen. In diese Zeit fällt der Wechsel von Béla Guttmann zu Hakoah Wien.

Hakoah war mehr als ein Verein, Hakoah war ein zionistisches, ein nationaljüdisches Projekt, das noch in der Vorkriegszeit von jüdischen Studenten gegründet wurde. Wien war eine Einwandererstadt vor allem für Juden. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie kam es in den neuen Nationalstaaten zu verschärften Nationalitätenkämpfen mit antijüdischen Pogromen und Vertreibungen. Das selbstbewusste politische Judentum organisierte sich zionistisch. Hugo Meisl, der fußballerische Stratege der österreichischen Amateure, verkörperte in seiner Mischung aus Anglophilie und Kosmopolitismus den liberalen bürgerlichen Geist, der sich am gesellschaftlichen Fortschritt orientierte. Wien hatte Mitte der zwanziger Jahre als Fußballstadt Prag und Budapest den Rang abgelaufen und um diese Stellung zu halten, musste man dem Scheinamateurismus ein Ende setzen. Unter der Federführung von Hugo Meisl hat Österreich als erstes kontinentaleuropäisches Land eine Profiliga eingeführt. Der aufstrebende jüdische Verein hatte sich die professionelle Fußballabteilung geleistet, um in der Wiener Gesellschaft auf die eigenständige jüdische Nationalkultur aufmerksam zu machen, was viele antisemitische Anfeindungen mit sich brachte. In der Meistermannschaft von Hakoah spielten neben Béla Guttmann fünf weitere jüdische Spieler, die in Budapest das Fußballspielen gelernt haben.  In der Hakoahmannschaft wurde der junge Guttmann zum unumstrittenen Star. Seine Mitspieler aus Budapest garantierten, dass sich die beim MTK gewohnte Spielweise weiterentwickeln konnte. Im 2-3-5-System, spielte Guttmann als Mittelläufer die zentrale Position. Er hielt die Verbindung zwischen Angriff und Abwehr, musste verteidigen und nach vorne verteilen. An ihn wurden universale fußballerische Ansprüche gestellt, hervorragende Technik, überlegene Spielübersicht und überragende Kondition. Béla Guttmann wurde 1924/25 mit Hakoah Wien und unter Kapitän Maxl Scheuer, der später von den Nationalsozialisten ermordet wurde, der erste Champion der Wiener Profiliga. Mit dem zionistischen Fußballverein Hakoah Wien erlebte Béla Guttmann seinen größten sportlichen Erfolg als Spieler.

Seine größten Erfolge als Trainer feierte der Tanzlehrer aus Budapest zweifellos bei Benfica Lissabon. Zuvor, im Jahre 1956, schloss sich Guttmann der Exil-Mannschaft von Honvéd Budapest an. Das Team um Ferenc Puskás war nach dem Ungarn-Aufstand im Oktober 1956 nicht mehr von einer Auslandsreise zurückgekehrt. Auf eine Südamerikatournee, die Guttmann als Trainer betreute, ging es auch nach Brasilien. Während das Team im Februar 1957 nach Europa zurückreiste und sich dort auflöste, blieb Guttmann in Brasilien und wurde Coach des FC São Paulo und führte dort sein neues 4:2:4 –System ein. Das angriffsbetonte und kreative Guttmann-System wurde sogleich von der brasilianischen Nationalelf übernommen, worauf Brasilien 1958 zum ersten Male in Schweden Fußballweltmeister wurde. 1959 wechselte Béla Guttmann nach Portugal, erst zum FC Porto und ein Jahr später zu Benfica Lissabon. Mit beiden Mannschaften errang er jeweils den portugiesischen Meistertitel mit seinem neuartigen Offensivfußball. Detlev Clausen schreibt in „Die Nerven nicht verlieren“: „Dreiundzwanzig Minuten alt war das Europapokalfinale von Amsterdam am 2. Mai 1962, und Trainer Béla Guttmann lag mit der jungen Mannschaft von Benfica Lissabon gegen Real Madrid mit 0:2 zurück, trotz hervorragenden Spiels. Denn nicht die Wundermannschaft der fünfziger Jahre, die fünfmal in Folge den Europacup gewonnen hatte, bestimmte das Tempo, sondern die ständig angreifenden Portugiesen. Aber Real-Star Ferenc Puskás hatte bei Kontern zweimal eiskalt seine Chance genutzt und den spanischen Meister in Führung gebracht. Wie sollte der Außenseiter aus Lissabon diesen Rückstand gegen eine solche Mannschaft jemals aufholen? Im Mittelfeld der Madrilenen dirigierte ruhig und gekonnt der argentinische Weltstar Alfredo di Stefano die Konterattacken; auf dem Flügel lauerte Gento, schnellster Außenstürmer der Welt, der schon mal einer ganzen Hintermannschaft einfach mit dem Ball am Fuß davonlaufen konnte. Doch Benfica griff unentwegt weiter an und schoss aus allen Lagen. Das war die Handschrift von Trainer Béla Guttmann — unerschrockene Offensive, unermüdlicher Einsatz, ständige Torgefährlichkeit. Eine Spielweise, die sich ein Trainer nicht kurzfristig als Konzept für ein beliebiges Spiel ausdenken kann, und schon gar nicht lässt sich eine solche Taktik unvorbereitet auf eine Mannschaft übertragen, in der man nicht selbst mitspielt. Dahinter steckt vielmehr die Summe einer fußballerischen Erfahrung, die ein Trainer einem Team, das er über längere Zeit geformt hat, vermitteln kann.“

Das Finale von 1962 in Amsterdam gilt bis heute als eines der besten in der Geschichte des europäischen Fußballs. Real Madrid wurde von Guttmanns Benfica förmlich überrollt. Benfica drehte in der zweiten Halbzeit das Spiel und wandelte den 0:2 und 2:3 Rückstand in einen 5:3 Sieg um. Auch im Berner Europacupfinale gegen den FC Barcelona von 1961 lag Béla Guttmann mit Benfica im Rückstand, bis Benfica am Ende mit 3:2 triumphierte. Barcelona galt als eine der wenigen europäischen Vereinsmannschaften, die sich mit Real Madrid vergleichen durften. Benfica Lissabon dagegen war 1961 eine Elf der Namenlosen. Ihr bekanntester Mann war bis dahin der Trainer Béla Guttmann. Den Afrikaner aus Mosambik, den besten Spieler in der Fußballgeschichte Portugals, Eusebio entdeckte Guttmann, der die „Schwarze Perle“ mit den langen Beine, hängenden Schultern und dem traurigen Blick förderte wo er konnte. Guttmann verließ Benfica Lissabon 1962 im Zorn noch vor dem stattfindenden Pokalfinale.

Die Faszination, die von einem Trainer wie Guttmann ausgeht, hängt mit der Vereinigung von Schönheit und Erfolg zusammen. Die Entscheidung für Offensive erfordert Mut, denn strukturell liegen Defensive und Erfolg im Fußball näher beieinander. Schwierig ist es, Tore zu erzielen, leichter ist es, sie zu verhindern. Die Defensive wird deshalb auch vom Außenseiter bevorzugt. Wenn aber der vermeintlich Schwächere die Offensive wählt und auch noch gewinnt, dann erringt er nicht nur Anerkennung, sondern auch die Herzen der Fußballfreunde. Das Trainerleben Béla Guttmanns liest sich wie ein wiederholter, systematisch geplanter Aufstand gegen die tödliche Herrschaft des Defensivfußballs. Diese Aufstände konnten nur gelingen, weil der Fußball selbst die Gegenkräfte gegen die Herrschaft der Defensive hervorbringt.

Die Spuren der gescheiterten Engagements von Béla Guttmann sind verwischt, im Gedächtnis bleiben die Ausnahmesituationen: Die einzigartige Meisterschaft der jüdischen Hakoah in Österreich, das Spiel Brasiliens 1958 und die beiden triumphalen Endspiele von Benfica Lissabon 1961 und 1962.

Detlev Claussen schreibt am Ende seines Buches: “Fußball lebt von der Gegenwart des gespielten Augenblicks. Mit jedem Anstoß keimt die Hoffnung auf, dass etwas anderes eintreten wird als das Erwartete. Deswegen zieht der Fußball auch Kräfte an, die vom Spiel etwas anderes erwarten als die Bestätigung der etablierten Ordnung. Die Professionalisierung des Spiels hat es ermöglicht, dass immer mehr mitspielen können, die am Anfang nicht dazugehörten — Arbeiter, Juden, Immigranten, Abkömmlinge von Sklaven. Für sie ist der Fußball mehr als die wichtigste Nebensache der Welt; er verspricht ein anderes Leben. Der lebenslange Emigrant Béla Guttmann hat einen geschärften Blick entwickelt für das Potential der Außenseiter, das Etablierte ins Wanken zu bringen.“

Quelle:
Detlev Claussen „Béla Guttmann – Weltgeschichte des Fußballs in einer Person“  – 2006

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Heinar Kipphardt und die Eichmann-Haltung

Der erste philosophische Gedanke, den ich erinnere, war am Zaun der Kohlenhandlung Herzog entlang gehend, daß Gott unmöglich sein könne, da er so massenhaft Abscheulichkeiten zulasse, z. B. daß der Kutscher H. sein altersschwaches gestürztes Pferd hoch-prügele oder mein Großvater mit nur 56 Jahren gestorben sei, der Präsident Hindenburg schon über 8o Jahre sei. Diese Erkenntnis unterzog ich einem Experiment: wenn Gott dennoch existiere, müsse er mich doch unbedingt strafen, wenn ich z. B. in ein Weihwasserbecken pinkelte oder ihn einen Halunken nennen würde. Beides tat ich, und da meine Handlungen folgenlos blieben, sah ich meine Erkenntnis als erwiesen an. Damals war ich fünf Jahre.

Heinar Kipphardt 1978 aus „Ruckediguh-Blut ist im Schuh“

Der Schriftsteller Heinar Mauritius Kipphardt, geboren 1922 in Heidersdorf, gestorben 1982 in München, Dr. med., Fachrichtung Psychiatrie, gilt als einer der bedeutendsten Repräsentanten des Dokumentartheaters und war zudem Autor von Gedichten, Prosa und Fernsehspielen. Mit seinem Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ erlangte er Weltruhm. Heinar Kipphardts Methode war es geschichtliches Material zu sammeln, zu reflektieren und anschließend zu montieren um damit den historischen Dokumenten eine allgemeine Bedeutung zu geben. Durch das gesamte Werk Heinar Kipphardts ziehen sich die Themen Gehorsam und Widerstand, Mitläufertum und Unabhängigkeit, Pflicht und Gewissen, Schuld, Mitschuld und Verantwortung. Mit seinen Kriegserzählungen und Dokumentarstücken hat sich Kipphardt gegen die Verdrängung des Nationalsozialismus gewandt, wobei die Figuren in den Kriegsstücken, Pfeiffer und Rudat, unübersehbar einige autobiographische Züge aufweisen. In den politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit war er sich stets sicher auf welcher Seite er zu stehen hatte, er brachte nicht nur seinen Kopf sondern seine gesamte Existenz ein.

Geboren und aufgewachsen ist Kipphardt in Schlesien. Sein Vater, ein Sozialdemokrat wurde nach der Machübernahme der Nazis mehrmals verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager verschleppt. Die Verhaftung des Vaters war die erste Zäsur in Kippardts Leben. Aus einer angesehenen Zahnarztfamilie wurden über Nacht politisch fragwürdige Existenzen. Nach dem Abitur 1949 wollte Heinar Kipphardt Arzt werden, sein Vater saß in Buchenwald im KZ, er studierte bis 1942 Medizin bis er eingezogen wurde und an die russische Front kam. Seine Kriegserlebnisse verarbeitet er in seinen Stücken, „Der Hund des Generals“, „Der Desserteuer“ und „Der Held des Tages“.

Im Januar 1945 setzte er sich von der Truppe ab, desertierte und versteckte sich bis zum Untergang der Hitlerei in Dahlbruch. Der Nationalsozialismus und die Erfahrungen des Krieges werden Kipphardt Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen. Nach Kriegsende zieht Kipphardt mit seiner Familie nach Krefeld und nimmt in Düsseldorf wieder sein Medizinstudium auf. Kipphardt war entsetzt wie in der Bundesrepublik mit der Vergangenheit umgegangen wurde: „Es gab keine Nazis mehr und niemand hat das mindeste gewusst“. Die restaurierenden Tendenzen in Westdeutschland gefielen im nicht, in Ostdeutschland vermutete er, sei ein gründlicheres Umdenken möglich. Obwohl sich der Assistenzarzt keine großen Illusionen machte, siedelte er mit Frau und Kind nach Ostberlin über, wo er Arzt an der Charite, später den weißen Kittel ablegte, Chefdramaturg am Deutschen Theater und 1953 Mitglied der SED wurde.  Für das Schauspiel „Shakespeare dringend gesucht“, eine Saitre gegen die stalinistische Kulturpolitik, erhält er den Nationalpreis der DDR. Später folgten weitere Auszeichnungen, darunter der Schiller-Gedächtnispreis, der Gerhart-Hauptmann-Preis und der Adolf-Grimme-Preis.

Nachdem sich die Kulturpolitik der SED verschärfte und sich seine Arbeitsbedingungen rapide verschlechterten, kündigt Kipphardt 1958 seinen Vertrag am Deutschen Theater und übersiedelt 1960 nach Düsseldorf, von wo er 1961 mit seiner Familie nach München zieht. Im Gegensatz zu anderen Republikflüchtlingen distanziert sich Kipphardt nicht von der DDR. „Ein Schriftsteller, der an seinem alten Wohnort keine Arbeitsmöglichkeit mehr sah, ohne zum Lügner zu werden, ist an einen anderen Ort gezogen, das ist alles“, so Heiner Kipphardt in einem Brief an Heinrich Kilger.

1962 war „Der Hund des Generals“ fertiggeschrieben, die Uraufführung fand im April statt. Das Stück handelt von einer Untersuchungskommission, eingesetzt von der Justizministerkonferenz um bislang ungeahndete Verbrechen deutscher Staatsbürger aufzuklären, die im Kriege begangen wurden. Siebzehn Jahre nach Kriegsende soll sich General Rampf für einen Vorgang während des Krieges rechtfertigen. Er wird beschuldigt, 60 Soldaten aus persönlichen Motiven in den Tod getrieben zu haben, weil der Soldat Pfeiffer den Hund des Generals erschossen hatte, der ihn angefallen und seine Hose zerfetzt hatte. Der ehemalige Soldat Pfeiffer beschuldigt den General, er habe mit dem mörderischen Einsatzbefehl, einem sinnlosen Himmelfahrtskommando nur seinen Hund rächen wollen. Doch kann im Laufe der Verhandlung vor der Untersuchungskommission kein kausaler Zusammenhang zwischen diesen beiden Vorfällen schlüssig nachgewiesen werden. Schon aus formaljuristischen Gründen wird General Rampf freigesprochen. Die Verhandlung endet mit den Worten des Oberstaatsanwalts: Das sind utopische Gerechtigkeitswünsche , leider, aber Rechtsnorm ist Rechtsnorm, während der Historiker Schweigeis antwortet: Und Mord Mord.

Der literarische Durchbruch im Westen gelang Heinar Kipphardt mit dem Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ im Jahre 1964. Das Stück hat die Verhandlung gegen den amerikanischen Physiker J. Robert Oppenheimer vor einem amerikanischen Untersuchungsausschuss zum Gegenstand. Unter der Leitung von Oppenheimer wurde 1943 im amerikanischen Los Alamos die erste Atombombe hergestellt. Von Anfang an gab es gegen Oppenheimer Sicherheitsvorbehalte, da sein Bruder Mitglied der Kommunistischen Partei war und er selbst mit den Kommunisten sympatisierte. Am 12. April 1954 begann die Verhandlung gegen Oppenheimer in welcher seine Loyalität gegenüber dem amerikanischen Staat in Frage gestellt wurde. Während der  McCarthy-Ära wurden, wie in vielen anderen westlichen Staaten, durch intensiven Antikommunismus und Gesinnungsschnüffelei, Andersdenkende stigmatisiert und verfolgt. Die Ermittlungen führten zur Verurteilung Oppenheimers. Heinar Kipphardts Stück hat den prinzipiellen Konflikt dieser Vorgänge zum Thema, das Verhältnis zwischen Moral und Macht, zwischen Gewissensentscheidung und der Loyalität dem Staat gegenüber. Am Fall Oppenheimer zeigt Kipphardt spiegelverkehrt, was er kurz zuvor in seinem Stück „Der Hund des Generals“ demonstriert hatte. Dort war das moralische Anliegen des Soldaten Pfeiffer juristisch nicht verhandelbar und den Fakten nicht mehr rekonstruierbar. Nun wird der umgekehrte Fall beschrieben. Im Dienste einer Ideologie, soll die Staatsmacht erhalten bleiben. In beiden Prozessen bleiben die Wahrheit und die Moral auf der Strecke. Wenn man beide Stücke, „Der Hund des Generals“ und „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ vergleicht kommt man zu dem Ergebniss, dass das formale Recht im Dienste der Mächtigen steht.

1970 wird Kipphardt Chefdramaturg an den Münchner Kammerspielen. Er ermöglichte die Aufführungen der ersten realistischen und gesellschaftskritischen Stücke von Franz Xaver Kroetz. Zum größten Theaterskandal in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands kommt es wegen eines Programmheftes zum Stück „Dra-Dra“ von Wolf Biermann. Auf zwei Seiten des Programmheftes sollten 24 Persönlichkeiten der Politik und der Wirtschaft abgebildet werden. Die Abbildungen erschienen nicht, die Seiten blieben leer, die Idee dazu stammte nicht von Heinar Kippardt und er hat sie auch nicht „abgesegnet“, doch der Skandal war perfekt.  Besonders Hans Jochen Vogel, der Oberbürgermeister von München fühlte sich angegriffen. Die Politiker der Stadt übten Zensur und Kipphardt verlor sein Amt. Begleitet wurde der Rauswurf von einer Kolumne des SS-Freiwilligen und SPD Mitgliedes Günter Grass, der in der SZ den linken Konkurrenten Kipphardt zum „Abschuss“ frei gab. 1971 schrieb Heinar Kipphardt in einem Brief an Peter Hacks: „ … Es war für mich wirklich überraschend, wie nervenschwach die hiesigen Machtidioten sind. Wie schnell sie nach der Pistole langen. Sie scheinen sich nicht so sicher zu fühlen, wie sie tun. Am Ende gibt sogar einige, die wissen, was sie tun. Die Farce war ziemlich folgenreich, und der dämliche Grass sieht sich neben Springer und Strauß allesamt verfolgt von den mächtigen roten Kadern, die Vogel in München gerade noch mit Polizeieinsätzen in Schranken hält. Wenigstens im Bereiche der Kunst hat München den Ehrgeiz, zur Olympiade an die Traditionen von 1936 anzuschließen. …“

Neben vielen weiteren Veröffentlichungen, beispielsweise „Joel Brand, die Geschichte eines Geschäfts“, in dem Eichmann eine Million Juden gegen hunderttausend Lastkraftwagen bietet, und „März“, dem Roman über einen schizophrenen Dichter, sorgte „Bruder Eichmann“, das posthum 1983 uraufgeführt wurde, für großes Aufsehen und viele kontroverse Diskussionen. Adolf Eichmann, der an seinem Schreibtisch den Genozid an den europäischen Juden organisierte, erweist sich in Heinar Kipphardts Bühnenstück als eine Figur von beunruhigender Aktualität. „Das Monster, es scheint, ist der gewöhnliche funktionale Mensch, der jede Maschine ölt und stark im Zunehmen begriffen ist“, lässt Kipphardt den israelischen Polizeihauptmann Chass sagen, der Eichmann im Gefängnis verhört. In einmontierten Analogie-Szenen werden Beispiele der „Eichmann-Haltung“ aus unserer Gegenwart vorgeführt. Kritiker haben Kipphardt vorgeworfen er verharmlose den Massenmörder Eichmann. Die gewöhnliche, menschliche Seite Eichmanns ist zweifellos eine Provokation, die allerdings im Zusammenhang mit Eichmanns Bereitschaft zu „funktionieren“ gesehen werden sollte. Die Bereitschaft im Rahmen einer gegebenen Ordnung unter Ausschluss moralischer Erwägungen zu funktionieren und dabei andere Menschen, auch gewaltsam auszugrenzen ist in Kipphardts letztem Stück die Definition der „Eichmann-Haltung“. Rolf Hochhuth kritisierte an „Bruder Eichmann“, nicht ganz zu Unrecht, Kipphardt habe in dem Stück zu wenig an die Opfer gedacht. Problematischer sind vor allem aus heutiger Sicht einige dem Ost-West-Konflikt geschuldeten so genannten „antiimperialistischen“ Analogieszenen, die bereits 1983 von verschiedenen Häusern nicht gespielt wurden. Für Kipphardt war die Denkungsart die den Faschismus ermöglichte nicht verschwunden. Die Eichmann-Haltung war für ihn die bürgerliche Haltung schlechthin. In den Materialien von „Bruder Eichmann“ ist nachzulesen:

„Als Eichmann während der Verhöre durch die politische Polizei in Jerusalem gefragt wurde, ob er besondere Wünsche habe, hat er den vernehmenden Offizier, seine tägliche Zigarettenration von sechs auf zehn Zigaretten erhöhen zu lassen. Auch solle man, wenn dies möglich wäre, ihm zum Frühstück nicht mehr als drei Scheiben Brot geben und das Häufchen geschnittene Zwiebel beiseite lassen. Er sei kein starker Esser, und da er zu Zahnfleischentzündungen neige, würden sich die Zwiebelstückchen leicht in den Taschen seines Zahnfleisches festsetzen. Bis dahin hatte er stets alles Brot und auch die Zwiebeln gegessen. Er hatte als Kind gelernt: Was auf dem Teller ist, wird gegessen.“

Demnächst, am 18. November 2012 jährt sich der Todestag von Heinar Kipphardt zum dreißigsten Mal.

Quellen: Heinar Kipphardt – Werkausgabe – 10 Bände – Rowohlt 1989

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