Ariel Scharon ist tot

„… was sollen wir tun? Kapitulieren? Ich bin ein Jude. Zum ersten Mal seit 2000 Jahren haben die Juden eine winzig kleines Land, 15-mal kleiner als Deutschland. Israel ist das einzige Land in der Welt, wo die Juden das Recht haben, sich selbst zu verteidigen. Und dieses Recht werden wir nie aufgeben.“

Ariel Scharon 2002 in einem Interview mit der „Zeit“

arikAriel Scharon war einer der einflussreichsten und zugleich umstrittensten Weltpolitiker, der von der israelischen Bevölkerung geliebt und geehrt und von seinen Gegnern als Kriegsverbrecher angeklagt wurde. Scharons Leben ist untrennbar mit der Gründung und dem Aufstieg des Staates Israel verbunden, und sein höchstes Ziel, dem er alles andere unterordnete, war die größtmögliche Sicherheit für die jüdische Bevölkerung.

Ariel Scharon wurde 1928 als Ariel Scheinerman nahe Tel Aviv in einem landwirtschaftlichen Kollektivdorf geboren. Seine Familie war 1922 aus Brest-Litowsk gekommen. Mit  siebzehn Jahren trat er der  jüdischen Selbstverteidigungsmiliz Haganah bei, die eng mit der Gewerkschaft Histadrut verbunden war. Von 1936 bis 1939, während der profaschistische Erhebung der Araber unter dem Großmufti von Jerusalem, dem SS-Mitglied Amin al-Hussaini, schützte die Hagana soweit es möglich war die Kibbuzim und die Moshavs vor den Übergriffen der entsprechenden Araber. Scharon kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg, wurde verwundet, für todgeweiht gehalten und liegen gelassen und dann doch noch gerettet. Im diesem Abnutzungskrieg stellte er Israels erste Spezialtruppe, die Einheit 101 zusammen. Im Sechstagekrieg von 1967 befehligte er den Angriff auf die Festung Abu Ageila, eine Schlacht, die heute noch in Militärakademien rund um den Erdball studiert wird. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 überquerte er den Suezkanal und änderte damit den Verlauf des Krieges. Später gründete er den Likudblock und leitete den Rückzug der israelischen Bürger aus dem Sinai ein, wie er im Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel vereinbart war. Weil Scharon in seiner Laufbahn sehr oft eigenmächtig handelte, ihn im Zweifel Befehl und Gehorsam nicht interessierte und er auch krasse Fehlentscheidungen traf, musste sich Scharon öfters wegen Befehlsverweigerung verantworten und verbaute sich so nach dem Sechstagekrieg die Beförderung zum Generalstabschef.

Arik, wie sie ihn in Israel nannten wurde von vielen persönlichen Tragödien heimgesucht. So kam seine erste Frau und Jugendliebe Margalit bei einem Autounfall um Leben. Sein ältester Sohn Gur wurde bei einem Schießunfall verletzt und starb in seinen Armen. Jahre später starb seine zweite Frau Lily, Margalits jüngere Schwester, nach langem Kampf an Krebs.

1981 wurde Scharon unter Menachem Begins trotz seiner Befehlsverweigerungen Verteidigungsminister. Nachdem sich die PLO im Libanon zu einem Staat im Staate entwickelt hatte und von dort aus den Kleinkrieg gegen Israel führte, intervenierte 6. Juni 1982 die Tsahal. Es sollte eine Sicherheitszone von  40 Kilometern geschaffen werden. Der seit Jahren tobende libanesische Bürgerkrieg mit komplizierten Koalitionsverhältnissen wuchs durch die PLO zu einer sich steigernden Bedrohung Israels. Nachdem  der christliche Politiker Baschir Gemayel, der drei Wochen zuvor zum Präsidenten des Libanon gewählt worden war, mit vielen seiner Begleiter durch ein Bombenattentat in seinem Hauptquartier ermordet wurde, nahmen maronitische, libanesische und phalangistische  Milizionäre Rache in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila, in dem sie mindestens 800 Palästinenser umgebrachten. Weil die israelische Armee in unmittelbarer Nähe war und das Massaker der verbündeten christliche Milizen nicht verhinderte, protestierten in Tel Aviv 400.000 Menschen. Die Untersuchungskommission des Höchsten Gerichts sprach Scharon eine „persönliche Verantwortung“ für Sabra und Schatila zu, weil das Massaker vorhersehbar gewesen sei und er es zugelassen habe. Scharon musste als Verteidigungsminister zurücktreten.  Trotz seines Rücktritts als Verteidigungsminister blieb Scharon Minister ohne Geschäftsbereich und wurde später Infrastrukturminister und  unter Premier Netanjahu  Außenminister. „Bemerkenswert am Libanon-Krieg ist die selektive Erinnerung in der westlichen, vor allem in der deutschen Öffentlichkeit. Von einem fast zehnjährigen bizarren Bürgerkrieg mit Dutzenden von Klein- und Kleinstfehden, an denen lange Zeit Israel gar nicht beteiligt war, wo vielmehr christliche Milizen gegen palästinensische und drusische kämpften, die verschiedenen palästinensischen Fraktionen sich untereinander attackierten, sich schließlich auch noch syrische Truppen einmischten, wo bis zuletzt auf allen Seiten zig Massaker verübt wurden – von all dem ist im kollektiven Gedächtnis nur ein einziges Verbrechen geblieben: Sabra und Schatila. Wer erinnert sich heute noch an die anderen Massenmorde des libanesischen Bürgerkrieges? Das Massaker von Sabra und Schatila steht in Verbindung mit einem anderen, begangen 1975 von PLO-Truppen an der christlichen Bevölkerung des Küstenstädtchens Damur. Aus den Überlebenden rekrutierten sich die Kommandotruppen, die später die Massaker von Sabra und Schatila begingen“, schrieb dazu Karl Selent in Konkret 3/2001.

In jeder seiner Positionen forcierte Ariel Scharon den jüdischen Siedlungsbau in den Palästinensergebieten, aus Sicherheitsüberlegungen, wie er betonte, was ihm immer wieder zum Vorwurf gemacht wurde. Trotzdem oder gerade deshalb gewann 2001 Ariel Scharon seine erste Wahl mit dem größten Vorsprung, den es in der israelischen Geschichte je gab. 2003 ging er wieder als klarer Sieger aus den Wahlen hervor.  Für  viele seiner Wähler war Scharons Versprechen, dem Sicherheitsbedürfnis der israelischen Bevölkerung höchste Priorität einzuräumen und den Terror zu bekämpfen die wahlentscheidende Aussage. Seitdem gehen aus den israelischen Parlamentswahlen die säkular-konservativen und rechten Parteien gestärkt hervor, während die linken jedes Mal ein regelrechtes Desaster erlebten. Ohne den palästinensischen Terror wären  solche Ergebnisse in Israel freilich undenkbar.

Als Scharon am 28. September 2000 in Begleitung von rund 1000 Journalisten, Militärs und Politikern den Tempelberg in Jerusalem in Jerusalem besuchte sagte er: „Ich bin überzeugt, dass wir mit den Palästinensern zusammenleben können.“ Obwohl der Besuch mit der moslemischen Verwaltung des Tempelbergs abgestimmt war, kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Palästinenser bezeichneten den Besuch Scharons als Provokation starteten ihre seit langem vorbereitete „Al-Aqsa“-Intifada und in vielen westlichen Medien wird seitdem groteskerweise Ariel Scharon für den Ausbruch der Intifada verantwortlich gemacht.

Der größte historische  Schachzug von „Arik“ Scharon war freilich die Räumung aller Siedlungen im Gazastreifen und vier isolierter Siedlungen im Westjordanland, die er als Ministerpräsident durchsetzte. Da ihm der Likud dafür die Unterstützung verweigerte gründete er eine eigene Partei, nämlich Kadima.  Die Entfernung von 6.500 Menschen aus ihren Häusern und die Zerstörung von 24 Siedlungen spaltete die israelische Bevölkerung. Im August 2005 war das Straßenbild Israels geprägt von zwei Farben. Kleidungsstücke, Plakatwänden, die Schilder von Demonstranten oder Autoantennen waren entweder blau oder orange. Orange für die Gegner des Abzugs und Blau für die Befürworter. Was die linken Parteien Israels immer forderten, eine Zweistaatenlösung, die auf dem Prinzip „Land gegen Frieden“ beruht, die stets von der palästinensischen Führung und palästinensischen Terrororganisationen wie der Hamas immer wieder desavouiert wurden und werden, setzte ausgerechtet der als Hardliner verrufene Ariel Scharon durch. Die Palästinenser „bedankten“ sich für den einseitigen Abzug mit tausendfachem Raketenhagel auf israelische Zivileinrichtungen und bewiesen dadurch, dass die (auch von vielen deutschen „Friedensfreunden“ kolportierte) Aussage Israels Siedlungspolitik sei ein Friedenshindernis eine an den Haaren herbeigezogene Behauptung ist.

In den deutschen Massenmedien und erst recht in nationalbolschewistischen und antizionistischen Wochenzeitungen wurde die Politik Scharons stets negativ dargestellt und seine Person dämonisiert. Ariel Scharon wurde in diesen deutschen „Qualitätsmedien“ mit Hitler verglichen oder gleichgesetzt. Der deutsche sekundäre Antisemitismus macht aus Juden Nazis und unterschreibt mit „Friedensgrüßen“. Der Sieg Ariel Scharons sei ein „politisches Desaster“, klagte die „Frankfurter Allgemeine“ im Jahre 2001 und der damalige Bundestagspräsident Thierse  meinte: „Wir sind in Deutschland sehr besorgt über Scharon und darüber, was passieren könnte, wenn er an die Macht käme“. Die „Süddeutsche Zeitung“ bezeichnete  Scharon  im selben Jahr als „Israels Milosevic“, die „Junge Welt“ nannte ihn ein „Trampeltier“, das „Neue Deutschland“ einen „berüchtigten Kriegstreiber“ und die „FAZ“ meinte, dass an Scharons „Händen seit der Libanonintervention palästinensisches Blut“ klebe. So wurde in hunderten deutschen „israelkritischen“ Artikeln gegen Ariel Scharon der spezifische deutsche Antisemitismus nach 1945 offen zur Schau gestellt.

Im Januar 2005 fiel Ariel Scharon nach einem Schlaganfall in ein Koma. Im Jahr 2006 wurde Ariel Scharon als Wachkoma-Patient auf die Rehabilitationsstation des Chaim Sheba Medical Center verlegt, wo er schließlich gestern im Alter von 85 Jahren am 11. Januar 2014 an multiplem Organversagen starb.

Der konservativ-säkulare „Bulldozer“ Ariel Scharon war einer der populärsten Ministerpräsidenten in der Geschichte Israels. Das Kind, das in einem spartanischen Elternhaus aufwuchs, entwickelte eine fast unnatürliche Immunität gegen Angst. Soldaten und Offiziere, die mit ihm in der Schlacht standen, bezeugen übereinstimmend, dass das feindliche Feuer Scharon nicht beeindruckte. Arik Scharon war hartnäckig, wie schlimm seine Lage auch war, er hisste nie die weiße Flagge. Arik war der geborene Realpolitiker, der außerhalb vorgeschriebener Bahnen dachte und handelte, soweit er es mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Scharons zahlreiche Widersprüche sind auf verschiedene Aspekte seines Charakters zurückzuführen. Er war nie von einer festgefügten Ideologie motiviert und schon gar nicht von einer religiös geprägten. Seine Richtschnur war stets die Sicherheit. Sein Glaubensbekenntnis lautete: „Maximale Sicherheit für die Juden.“ Dieser Glaube erforderte verschiedene Maßnahmen zu verschiedenen Zeiten.

Das Leben Ariel Scharons transportiert was Samuel Scheinerman zu seinem kleinen Sohn sagte, wenn der Junge bei der Sisyphusarbeit auf dem Feld unter der glühenden Sonne müde wurde: „Schau zurück„, sagte Samuel zu dem jungen Arik, „und sieh, was du schon geschafft hast.“

Quellen: Gadi Blum, Nir Hefez: Ariel Scharon. Die Biografie. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2006 | Karl Selent: Milosevic in Israel? – Konkret 03/01 | Yaacov Lozowick: Das andere Universum  – Konkret 09/06

Erstveröffentlichung in Mission Impossible

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