Archiv für Dezember 2012

Theodor Herzl und der „ehrbare“ Antizionismus

israelIm Jahre 1895 begann Theodor Herzl (1860-1904) mit den Vorarbeiten zu seiner programmatischen Schrift „Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“. Die Dreyfus-Affäre in Frankreich und der dadurch sichtbar werdende Antisemitismus, die Wahl des offenen Antisemiten Karl Lueger zum Wiener Bürgermeister und die Entwicklungen in Deutschland gelten als entscheidende Gründe dafür, dass Theodor Herzl den Zionismus entwickelte. In einem Brief an Albert Rothschild schreibt Herzl: „Ich versuche dem Antisemitismus dort beizukommen, wo er entstanden ist und wo er noch seinen Hauptsitz hat: in Deutschland. Ich halte die Judenfrage für äußerst ernst. Wer glaubt, dass die Judenhetze eine vorübergehende Mode sei, irrt schwer.“ Die Judenpogrome in Russland zwischen 1903 und 1906 mit mehr als zweitausend ermordeter russische Juden, die vielen weltweiten antisemitischen Schriften, die Judenverfolgung in Deutschland und der Holocaust betätigten die Weitsicht Theodor Herzls. Der Zionismus ist deshalb zweifellos die Reaktion auf den seit Jahrhunderten bis zu unserer Zeit herrschenden Antisemitismus.

1897 versammelten sich die jüdischen Delegierten der unterschiedlichen zionistischen Strömungen zu einem Kongress in Basel und verabschiedeten ihr Programm, einleitend mit dem Satz: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlichen Heimstätte in Palästina.“ Innerhalb der zionistischen Bewegung gab es verschiedene Strömungen und Richtungsstreitigkeiten. Ab 1900 entwickelte sich vor allem von Russland aus ein sozialistischer Zionismus, der später die Gründerjahre Israels mit seiner Kibbuz- und Arbeiterbewegung prägte. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten knapp 300.000 Menschen, inklusive dem alten jüdischen Jischuw  im unterbevölkerten und wirtschaftlich stagnierenden Palästina. Nach antijüdischen Pogromen in Russland kam es ab 1881 zur ersten Alijah mit circa 70.000 jüdischen Immigranten nach Palästina. 1923 teilten die Briten das Land „Palästina“ in zwei administrative Zonen. Der arabisch-palästinensische Staat Transjordanien, knapp 80 Prozent der Landfläche Palästinas, das heutige Jordanien, wurde abgetrennt. In Jordanien dürfen sich bis heute keine Juden niederlassen. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts waren antisemitische Übergriffe in Palästina keine Seltenheit. Nach arabischen antijüdischen Pogromen wurde die Hagana, eine zionistische Organisation zum Schutz für die jüdische Zivilbevölkerung gegründet. Wegen ihrer moderaten Haltung spaltete sich 1931 die rechte Gruppe Irgun ab und beantwortete Terror mit Gegenterror. Beispielsweise während des „Hebron-Massakers“ am 23. August 1929, das unter dem Zeichen des muslimischen  Schlachtrufs, „das Gesetz Mohammads wird mit dem Schwert durchgesetzt“ stand, kamen 67 jüdische Zivilisten ums Leben.  In Safed wurden zur selben Zeit 45 Juden ermordet, insgesamt wurde durch das vom Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, dem unumschränkten Führer der „Palästinenser“,  inszenierte Blutvergießen in diesen Tagen 133 Juden ermordet und 339 verletzt. Während Hagana, Irgun, Palmach, die jüdische Brigade und alle anderen zionistischen Organisationen auf der Seite der Alliierten gegen Nazideutschland kämpften, kollaborierten der Mufti von Jerusalem und seine Kämpfer mit Hitler und seiner Ideologie.

1948 war das Ziel Theodor Herzls erreicht, der Judenstaat Israel war gegründet. Endlich existierte ein Land in dem Jüdinnen und Juden nicht länger der Verfolgung ausgesetzt waren. Für die meisten Juden kam diese Rettung allerdings zu spät. Millionen Menschen konnten dem europäischen Antisemitismus, den der deutsche Nationalsozialismus in Auschwitz in ein Vernichtungsprogramm umwandelte, nicht entkommen. Die arabischen antizionistischen Nachbarn akzeptierten freilich  das Existenzrecht Israels nicht und überfielen, vereinigt mit ehemaligen, geflohenen deutschen Nazis den neugegründeten Staat der Juden. Dieser vom Antisemitismus geprägte Krieg gegen Israel hält bis heute an. Für jeden Juden in der Welt, so Jean Améry,  ist der Bestand des kleinen Judenstaates eine existentielle Frage, denn in Israel haben die Juden, den „aufrechten Gang“ gelernt und wenn es einen Staat gibt der ein Existenzrecht besitzt, dann heißt dieser Staat Israel.  Jean Améry war in  den 1970er Jahren einer der ersten der linken Antisemitismus, also Antizionismus entschieden bekämpfte.

Nach 1945 konnte Antisemitismus, zumindest in Europa nicht mehr offen artikuliert werden, so brach sich ein vermeintlich ehrbarer Antizionismus die Bahn. „Die Definition des Antizionismus ist ziemlich einfach. Antizionismus ist die Überzeugung, dass jedes Volk der Welt das Recht auf einen eigenen und souveränen Nationalstaat hat, mit Ausnahme des jüdischen. Der Antizionismus ist kein Antinationalismus, sondern eben allein und ausschließlich gegen den jüdischen Nationalismus gerichtet“, schreibt Felix Bartels in seinem lesenswerten Artikel „Nahost! Nahost! oder Zur Romantik des Weltfriedens. Antizionisten engagieren sich selbstverständlich nicht für die Abschaffung der Nationalstaaten Deutschlands, Frankreichs der Türkei oder gar Irans oder Syriens. Andererseits und des Weiteren sehr inkonsequent ist den meisten Antizionisten der antisemitische Nationalismus der palästinensischen Blut und Boden-Bewegungen von Hamas bis Fatah eine Herzensangelegenheit. Antizionisten macht es fassungslos, dass den zweiundzwanzig bestehenden arabischen Nationalstaaten ein jüdischer von der Größe Hessens, also 1,5 Promille der Fläche der Staaten der Arabischen Liga hinzugefügt wurde. Während es für die meisten Antizionisten feststeht, dass Juden weder ein Volk noch eine Nation sind, reden sie von den Palästinensern beinahe ausschließlich und pathetisch vom „Recht auf Boden“ für das „palästinensische Volk“. In der antizionistischen Propaganda sind es nicht die Menschen die befreit werden müssen, sondern vielmehr der palästinensische Boden, der von den ungläubigen Juden „gereinigt“ werden müsse.

Antizionismus richtet sich von daher nicht im Allgemeinen gegen Rassismus, Nationalismus, Faschismus, Militarismus und Imperialismus, sondern ausdrücklich und exklusiv gegen Zionismus. Antizionisten verurteilen in ihrem Ressentiment den Zionismus als Rassismus. Hingegen ist der Umstand, dass in Jordanien laut jordanischer Verfassung bis heute keine Juden leben dürfen, für sie kein Grund verbal zu intervenieren. Der antizionistisch, islamisch dominierte Menschenrechtsrat der UN lässt beispielsweise keine Kritik an der menschenverachtenden Gesetzgebung der Scharia zu, denn Kritik an der Scharia ist Kritik an der islamischen Religion und damit Rassismus.

Viele Antizionisten haben ein verkürztes und oberflächliches Verständnis von  Imperialismus und Kapitalismus. Der Nationalsozialismus wird in diesen Kreisen meist darauf reduziert eine besonders abscheuliche, von den aggressivsten Fraktionen der Bourgeoisie dominierte Form von Klassenherrschaft zu sein. Die Frage an Antizionisten ob ihre Kollaboration mit diversen Diktatoren, völkischen Nationalisten und Antisemiten nicht irgendwie ein ungutes Gefühl bei ihnen hervorrufe, wird so gut wie nie von ihnen beantwortet.

Einer der eifrigsten Antizionisten war der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg. In  seinen Büchern „Der staatsfeindliche Zionismus“ (1922), „Der Weltverschwörerprozeß zu Basel“ (1927) oder „Die Protokole der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitk“ legte er größtenteils die Grundlagen für den aktuellen Antizionismus. Bekanntlich exportierte Nazideutschland seinen speziellen Antisemitismus ab 1935 in die arabische Welt. Der sogenannte arabische Aufstand in Palästina wurde von Nazideutschland finanziert. Die palästinensische Nationalbewegung hat von daher seine Wurzeln im Antizionismus der deutschen Nationalsozialisten. Die antisemitische Weltanschauung der palästinensischen Nationalbewegung begründet sich auf Amin al-Husaini. Spätestens seit 1929 war  der Großmufti von Jerusalem der „politische Führer der Palästinenser“ und damit Gründervater der palästinensischen Nationalbewegung.  „Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet […]“ rief der Mufti über die deutsche Sendeanstalt in Berlin am 1.3.1944 nicht zum ersten und einzigen Male seinen muslimischen Glaubensbrüdern zu.

Die meisten deutschen Antizionisten leugnen freilich jede ideologische Gemeinsamkeit mit Alfred Rosenberg oder Amin al-Husaini, wie Antizionisten sich auch nicht oder kaum mit dem arabischen Antisemitismus auseinandersetzen möchten. Deutsche Antizionisten sind anfällig für die spezifischen Zwänge des deutschen Nationalismus, ihre Weigerung sich mit der belasteten Vergangenheit auseinanderzusetzen ist ebenso sprichwörtlich wie ihr manichäisches Weltbild des Antiimperialismus. Antizionisten sind zumeist außerstande ihr eigenes Bedürfnis nach kollektiver und damit potentiell nationaler Identität zu reflektieren. Sie haben gelernt, von wem und aus welchen Gründen auch immer, dass die USA und Israel für alles Unheil dieser Welt verantwortlich und dass selbstverständlich die Juden selbst schuld am Antisemitismus in ihrer Region sind.

So gut wie alle Antizionisten fordern die „Einstaatenlösung“ für Palästina, weil sie wissen, dass die Juden durch den demographischen Faktor in wenigen Jahren, sollten sie bis dahin überlebt haben, zu Dhimmis degradiert werden würden, weshalb es auch nicht weiter verwundert, dass Antizionisten ein „Rückkehrrecht“ für Palästinenser nach Israel fordern obwohl die nie in Israel gelebt haben. Der deutsche Antizionist Wilfried Böse selektierte, nachdem er mit anderen Antizionisten ein französisches Flugzeug entführte,  1976 in Entebbe Juden von Nichtjuden. Wilfried Böse war der Auffassung, „er sei kein Nazi, er sei Idealist, er bereite die Weltrevolution vor“. Für Antizionisten ist eine Welt ohne Israel das erstrebenswerteste  Ziel aller Ziele.

Groteskerweise gibt es auch antizionistische Juden. Für einige ultra-orthodoxe Juden ist die gegen den Willen Gottes vollzogene Staatsgründung Israels eine Gotteslästerung.  Diese jüdischen Antizionisten pflegen am israelischen Unabhängigkeitstag schwarze Fahnen als Zeichen der Trauer aus ihren Fenstern zu hängen, obwohl es auch immer wieder in ihren Vierteln zu arabischen Anschlägen gegen Juden kam. In Beit Yisrael einem Stadtviertel von Jerusalem leben beinahe ausschließlich strenggläubige jüdische Antizionisten. Am 2. März 2002 verübten die Al Aksa-Brigaden der Fatah ganz bewusst einen Selbstmordanschlag gegen antizionistische Juden in Beit Yisrael, wobei zehn Juden, darunter Kinder und Säuglinge getötet und weitere dreißig teilweise schwer verletzt wurden. In Ramallah zogen daraufhin hunderte von Palästinensern feiernd und siegestrunken auf die Straßen. Die Angriffe und antisemitischen Morde von Beit Yisrael belegen die feindliche Haltung dieser Palästinenser gegenüber allen Juden, egal ob sie nun Antizionisten oder Zionisten sind.

Antizionisten sind erschüttert wenn in Hebron einem palästinensischen Steinewerfer ein Arm gebrochen wird oder die israelische Armee auf tausendfachen Raketenbeschuss der Hamas militärisch reagiert. Als letzte Woche das syrische Militär ein palästinensisches Flüchtlingslager bombardierte und 25 Tote Palästinenser hinterließ oder als 1982 Assad in der syrischen Stadt Hama einen Aufstand der Muslimbrüder durch Artellerie und Bomben mit fünfzehntausend Toten niederschlug war von fassungslosen Protesten der Antizionisten nichts zu hören, denn wie der Name schon sagt, Antizionisten sind auf Israel fokussiert.Inwieweit sekundärer Antisemitismus bei deutschen Antizionisten mit eine Rolle spielt ist nicht einfach zu beweisen, außer wenn sie wie Norman Paech  es ausdrückte „wegen dem Leid der Palästinenser  aus dem ‚Schatten Hitlers‘ heraustreten dürfen“.

Felix Bartels meint nicht zu Unrecht: „Ein vernunftbegabter Mensch redet mit Antizionisten wie der Arzt mit seinen Patienten. Es ist mehr ein Reden zum Zwecke der Anschauung. Die eigentliche Überlegung findet später statt. Übrigens ist es ethisch durchaus vertretbar, Antizionisten, wenn man schon mit ihnen redet, auf eine Couch zu setzen und Geld nach Stunden zu nehmen.“

Das Problem dabei ist nur, dass der antizionistische Wahnsinn nicht in kleinen Zirkeln stattfindet,  sondern längst in der Mehrheitsgesellschaft angekommen ist, wie folgende Umfrageergebnisse zeigen: Das Meinungsforschungsinstitut EOS Gallup Europe hatte im Auftrag der EU-Kommission 2003 eine Umfrage durchgeführt. In Deutschland hielten 65 Prozent der Befragten Israel für „die größte Gefahr für den Weltfrieden“.  In einer weiteren EU-Umfrage 2004 erklärten über die Hälfte der Bundesbürger: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.“ 2007 positionierten sich laut einer BBC-Umfrage 77 % der Deutschen eindeutig negativ gegenüber Israel das jeden Deutschen und Österreicher alleine durch seine Existenz an Auschwitz und Majdanek, an Treblinka und Sobibor erinnert.  Laut einer Studie aus dem Jahre 2011 der Fakultät für Erziehungswissenschaft am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung ärgerten sich 63 % der Deutschen im Jahre 2008 darüber, dass ihnen die Verbrechen der Nazis noch heute vorgehalten würden und 57.3 % der Deutschen waren im Jahr 2010 der Meinung, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führe. Die Mehrheit der Deutschen steht hinter dem „Gedicht von Grass. Laut FTD-Umfrage halten 57% der Deutschen die Israel-Thesen von Günter Grass für richtig und 27% für diskutabel. 84 % ist eine klare Mehrheit.

Israel ist ein kapitalistischer Staat, mit allen Fehlern die kapitalistische Staaten nur haben können, angefangen von sozialer Ungerechtigkeit bis zu dem zu großen Einfluss der Religion auf die Politik. Trotz alledem ist Israel die Insel der Aufklärung im Nahen Osten. Israel ist das Land das den verfolgten Juden dieser Welt Zuflucht gewährt. Nach der riskanten aber erfolgreichen Geiselbefreiung von Entebbe sagte einer der Organisatoren Moshe “Muki” Betser: „Ich sehe in Entebbe das Wesen des Zionismus“, hätten wir vor dem Zweiten Weltkrieg einen Staat und eine Armee gehabt, hätte es den Holocaust in Deutschland so nicht gegeben.“ Seit seiner Gründung sammeln sich die feindlichen Armeen und Terroristen um Israel und selbst die zügellosesten Stimmen aus den arabischen Ländern werden von der Weltgemeinschaft ignoriert.

Eines steht fest: Der Antizionismus ist ein von Grund auf reaktionäres Phänomen, er ist die eine Seite einer irrationalen Medaille, die andere Seite heißt Antisemitismus. Es scheint aktuell so zu sein als ob die Welt vorbereitet werden müsse, weil die Welt es so will, auf das zu bereitende Auschwitz II am Mittelmeer.

Quellen: Felix Bartels -Nahost! Nahost! oder Zur Romantik des Weltfriedens | Alexandra Kurth –  Insel der Aufklärung, Israel im Kontext | Karl Selent – Ein Gläschen Yarden-Wein auf den israelischen Golan | Jean Amèry – Zwischen Vietnam und Israel | Leon Poliakov – Vom Antizionismus zum Antisemitismus

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Die Gruppe 47, Günter Grass und die Todesfuge

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ 

aus der Todesfuge von  Paul Celan

47Im Jahre 2003 veröffentlichte der Hamburger Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb sein vielbeachtetes Buch „Mißachtung und Tabu – Wie antisemitisch war die Gruppe 47?“.   Klaus Briegleb untersucht in diesem Buch den deutschen Antisemitismus nach der Shoah und das Phänomen, dass die Gruppe 47 sich nicht um ihn gekümmert hat. Die Gruppe 47 hat am Gedeihen des besonderen deutschen Antisemitismus nach 1945 aus der Position einer angemaßten moralischen Unbescholtenheit durch Missachtung, Desinteresse und Verdrängung mitgewirkt, so die Kernthese des Buches. Vor allem die Antworten auf die Frage welche Funktion heute jene erfüllen, die einst zur Gruppe zählten, sind gewinnbringend zu lesen und lassen den aktuellen Antisemitismus besser begreifen.

Als Gruppe 47 werden die Teilnehmer an den deutschsprachigen Schriftstellertreffen bezeichnet, zu denen Hans Werner Richter von 1947 bis 1967 einlud. Der Kreis um Richter war eine einflussreiche Institution im Kulturbetrieb der Bundesrepublik Deutschland.  Hans Werner Richter setzte eine Art Corpsgeist unter den Schriftstellern der Gruppe 47 durch, Schriftsteller jüdischer Abstammung, sowie Emigranten wurden an den Rand gedrängt, seine „Einladungspolitik“ war sehr schnell umstritten. Die jüdisch-deutsche Differenz nach der Shoah wurde von der Gruppe 47 nicht thematisiert. Der Widerwillen und die Ignoranz, die Verbrechen der Deutschen zur Kenntnis zu nehmen, und sie zu thematisieren was vor allem den Juden geschah, waren offensichtlich. Die Kriegsheimkehrer und Flakhelfer, die sich nun  „jungdeutsch“ nannten wollten sich etwas von der Seele schreiben und vor allem mit der Vergangenheit abschließen.  Die ehemaligen Flakhelfer, Soldaten und wie wir heute wissen SS-Angehörigen proklamierten in der Gruppe 47 die „Stunde Null“ und beanspruchten zugleich, für die deutsche Literatur zu stehen. Richter und viele seiner Mitstreiter suchten die einebnende Gemeinsamkeit, die Juden und die Christen, die Deutschen und die Sowjetrussen waren für sie die Opfer „des Krieges“, als sei der Nationalsozialismus „vom Himmel“ gefallen, eine Naturkatastrophe für welche die Deutschen kaum etwas konnten.

Obwohl Hans Werner Richter nichts von Paul Celans Gedichten hielt wurde der Lyriker eingeladen. Im Mai 1952 trug Paul Celan in Niendorf seine noch unbekannte Todesfuge vor. Nach dem Auftritt kam es zu unübersehbarer Missachtung gegenüber dem Juden Celan: „Das kann doch kaum jemand hören!“ oder  „Er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht“ waren die unmittelbaren Reaktionen innerhalb der Gruppe. Walter Jens meinte gar, „der liest ja wie Goebbels!“ und Richter machte sich über Celan lustig, in dem er sagte Celan habe „in einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge“. Schwer gekränkt nahm Celan an keinem Treffen der Gruppe 47 mehr teil. Die Aggression der Gruppe gegen Paul Celan und die „Emigrantendeutsch“ schreibenden geflohenen Dichter wurde nun überdeutlich. Ingeborg Bachmann schrieb in ihr Tagebuch zu Niendorf: „Am zweiten Abend wollte ich abreisen, weil ein Gespräch, dessen Voraussetzungen ich nicht kannte, mich plötzlich denken ließ, ich sei unter deutsche Nazis gefallen (..) Am zweiten Tag wollte ich abreisen, am dritten Tag las ich ein paar Gedichte vor, vor Aufregung am Ersticken…“

Trotz eines Apelles  von Marcel Reich-Ranicki blieb der harte Kern der Gruppe dem Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 fern. Die Isolierung von Peter Weiss innerhalb der Gruppe 47 verstärkte sich wegen seines Interesses am Prozess und unter Federführung von Günter Grass wurden die Auschwitz-Texte von Peter Weiss „geschmäht“. So wurde Peter Weiss 1966 vorgehalten, er habe nicht das Recht, über Deutschland zu sprechen. Peter Weiss hielt die zynische Begründung fest: „Wo ich denn während des Kriegs gewesen wäre?“ Obwohl das antisemitische Ressentiment nur selten so offen zu Tage trat, wie es sich im Falle Celans zutrug, gab es mittlerweile vermehrt diesbezügliche Kritik von außerhalb der Gruppe. Nachdem Hermann Kesten der Gruppe vorwarf, sie würde antisemitischen Vorbildern nacheifern schreibt der Gruppenchef Hans Werner Richter am 25. Januar 1961 in einem Brief: „Kesten ist Jude und wo kommen wir hin, wenn wir jetzt die Vergangenheit untereinander austragen, d.h. ich rechne Kesten nicht zu uns zugehörig, aber er empfindet es so. Wie aber soll man diesem eitlen und so von sich überzeugten Mann beibringen, welches Unheil er anrichtet?“

Günter Grass und Martin Walser prägten die Gruppe 47 mit ihrer Verdrängungsliteratur, ihre „Flegeljahre“ aus der Hitlerjugend dauern scheinbar bis heute an. Die Flakhelfer-Generation um Grass und Walser ist bis heute der Stichwortgeber für die scheinbare Legitimation des antisemitischen deutschen  Stammtisches. Der „irgendwie linke“ Martin Walser wollte 1998 nichts mehr von der angeblichen „Dauerpräsentation unserer Schande“ hören und sprach von einer Moralkeule“ im Zusammenhang mit Auschwitz. Nach der Kritik an Walsers  Rede in der Paulskirche, nach der Kritik an seinem Buch „Tod eines Kritikers“, reagierte Walser wie sein Ziehvater Richter es ihm lehrte: „Es geht um den Kritiker nicht um den Juden“. Der Kritiker, Marcel Reich-Ranicki,  den man immer loswerden wollte, den man zum Schweigen bringen wollte, kam aus dem Osten, der Region, die im literarischen Gedächtnis der Gruppe 47 von ihren Anfängen keinen Platz hatte. Zur Erinnerungsabwehr-Rede Martin Walsers in der Paulskirche sagte Ignaz Bubis das Nötige, wobei die Massen viel lieber der Worten Walsers lauschten.

Wie kaum ein anderer ist Günter Grass ein Produkt der Gruppe 47. Bereits in seiner „Blechtrommel“ deutet Grass an was er unter der Aufarbeitung des Nationalsozialismus versteht. Am Ende des Buches werden die Deutschen in Danzig mit Viehwaggons zurück ins Reich deportiert, eine offensichtliche Anspielung auf die Deportation der Juden in Richtung Osten. Außerdem kommt ein Herr Fajngold aus Treblinka in der „Blechtrommel“ nach Danzig, Fajngold eine Karikatur eines Juden, wie sie die Nazis nicht besser im „Stürmer“ hätten erscheinen lassen können. Grass betrieb bereits damals eine Täter-Opfer-Umkehr. Am offensichtlichsten wird die Schuldabwehr von Günter Grass in seinem 2002 erschienenen Roman „Im Krebsgang“. Während Grass, „ermüdet vom Kampf um die Vergangenheitsbewältigung in seiner Danziger Trilogie“, über die „eigene Schuld“ spricht,  betrauert er wieder einmal viel zu lange darüber geschwiegen zu haben, dass auch die Deutschen Opfer waren. Im „Krebsgang“ macht Grass seine Opferbilanz auf und begräbt mit der Umkehrung der Opferrollen sein eigenes Schweigen. Günter Grass in „Krebsgang“: Als die „Gustloff“ untergeht, ertönt „ein nie gehörter, ein kollektiver Endschrei“. Ein Schrei, der sich in den Lagern der Shoah seit Buchenwald millionenfach erhoben hat. Der Ex-Waffen-SS-Soldat schreibt scheinbar entlastend, dass er in seinem Panzer auf dem Weg nach Osten keinen einzigen Schuss abgegeben hat. Mit „Krebsgang“ versucht Grass eine deutsche Opfernation, eine entschuldete Täternation zu erschaffen. Mit der Metapher des „Endschreis“ beim Untergang des deutschen Flüchtlingsschiffs „Gustloff“ am 30. Januar 1945 ist die „Endlösung der Judenfrage“ literarisch pervertiert, meint nicht nur Klaus Briegleb.

Im Jahre 2011 behauptet Günter Grass in einem Interview in Israel, dass die Sowjetunion sechs Millionen deutsche Kriegsgefangene liquidiert hätte. Tatsächlich gerieten etwa drei Millionen deutsche Soldaten in sowjetische Kriegsgefangenschaft, von denen etwa 1,1 Millionen nicht überlebten, was angesichts der von den Deutschen verursachten Hungersnot in der Sowjetunion nicht sehr verwunderlich war. Was Günter Grass mit der Zahl “sechs Millionen” bezwecken wollte, lag auf der Hand. Der ehemalige Wehrmachts-Freiwillige, der den reibungslosen Betrieb von Auschwitz ermöglichte versuchte wieder einmal zu entlasten. Nachdem Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS bis zum Jahre 2006 verschwiegen hatte, während er Bundeskanzler Kohl massiv kritisierte, weil dieser Hand in Hand mit einem amerikanischen Präsidenten einen Soldaten-Friedhof besuchte, auf dem auch vierzig SS-Gefallene liegen, wollte er 2012 mit seinem antisemitischen Gedicht „Was gesagt werden muss“ wieder einmal nicht mehr schweigen. Wieso der Literatur-Nobelpreisträger sein Gedicht nicht mit „Die Juden sind unser Unglück!“ überschrieb, bleibt sein Geheimnis.

Anfang August 1990 überfiel der Irak das Ölscheichtum Kuwait. Der Sicherheitsrat der UN stellte ein Ultimatum für einen Rückzug der irakischen Streitkräfte. Saddam Hussein drohte daraufhin Israel, das in diesem Konflikt bis dahin nicht beteiligt war, im Falle eines alliierten Militärschlages mit Giftgas-Raketen anzugreifen und den jüdischen Staat zu zerstören. Mit Hilfe deutscher Firmen war es dem Irak gelungen ein Giftgasarsenal aufzubauen. Nach Ablauf des Ultimatums, griffen alliierte Streitkräfte unter amerikanischer Führung den Irak an, worauf  irakische Truppen Scud-Raketen auf Israel abfeuerten. Die israelische Bevölkerung verbrachte die Nächte mit Gasmasken in abgedichteten Räumen. Obwohl dreizehn Israelis getötet und hunderte verletzt wurden, hielt sich die israelische Regierung an die Absprachen nicht in den Konflikt einzugreifen. In der deutschen Öffentlichkeit sorgte weder der Einmarsch des Iraks, noch die Ankündigung Husseins Israel unter anderem mit Giftgas auszulöschen für besondere Aufmerksamkeit. Erst im Januar 1991 kurz vor dem Ablauf des Ultimatums kam es zu Massendemonstrationen der „Friedensbewegung“, die sich  mehr oder weniger mit Saddam Hussein solidarisierte und Israel die Schuld für den Konflikt gab.  Zu dieser Zeit trat Günter Grass in einer Podiumsdiskussion gemeinsam mit dem israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk auf. „Kein Blut für Öl“ und „Es gibt keinen gerechten Krieg“ waren die Parolen des „Friedensfreundes“ Grass. Das deutsche Gas für den Irak interessierte Günter Grass nicht weiter. Wieder einmal, nun während des zweiten Golfkrieges solidarisierte sich die deutsche „Massenseele“ mit der moralischen Autorität eines ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS. Die Entlastungserzählungen von Günter Grass mit der Entsorgung der eigenen Geschichte und die Forderungen Martin Walsers wieder ganz „unverkrampft“ zur Nation Deutschland zu stehen waren und sind Teil der neuen Rahmenbedingungen in welchen die Mehrheit der Deutschen ihren Antisemitismus, der nach 1945 nicht einfach verschwand, wieder ausleben durfte.

grassYoram Kaniuk schreibt in seinem Buch “Der letzte Berliner“ über Günter Grass und die damalige Diskussion: „Er trieb mich mit seinen politischen Argumenten immer mehr in die Enge, um den Streit über den Golfkrieg mit dem Leiden der Palästinenser und nicht mit dem deutschen Gas für den Irak zu verknüpfen. Etwas von dem Ton, der in seinen Worten anklang, konnte man auch in Hannah Arendts Buch über den Eichmann-Prozess spüren, in dem die Juden und die Deutschen sich gleichen, obwohl die Juden die Opfer und die Deutschen die Täter sind. Unser gerechtes Anliegen, das Anliegen der Juden und ihrer Kinder, die aus Deutschland fliehen mussten oder vertrieben wurden, hätte einen Teil der Debatte ausmachen sollen, doch Grass mit seinem geschliffenen Verstand und seiner rhetorischen Begabung wehrte jeden Versuch ab, aus der engen politischen Ecke herauszukommen und eine allgemeine Diskussion über das Wesen des Bösen zu beginnen, und der Beifall des Publikums bewies, dass es auf seiner Seite stand. Die Diskussion hinterließ bei mir einen bitteren Geschmack. Das ganze Gerede über die Unmoral aller Kriege ärgerte mich damals und ärgert mich heute noch. Es gibt alle möglichen Kriege. Gott sei Dank haben die Alliierten gegen die Nazis gekämpft, und Gott sei Dank haben sie gesiegt. Gott sei Dank haben wir im Unabhängigkeitskrieg gesiegt und einen Staat für die Juden gegründet, die niemand aufnehmen wollte. (…) Es fiel mir schwer, mich damit abzufinden, dass ein Humanist wie Grass die Unvernunft der deutschen Linken verteidigt, die mit dem Mörder und Diktator Saddam sympathisierte. Ich hatte gehofft, er würde es als schweren Fehler bezeichnen, dass Deutsche nicht gegen die Lieferung von Giftgas und dessen Verwendung für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen demonstrierten und stattdessen lauthals den Krieg gegen einen grausamen Diktator anprangerten, doch er sagte nichts dergleichen. Das Argument, dass alle Kriege unmoralisch sind, macht mir mehr Angst als hundert Haiders in Wien oder hundert Aufmärsche von Skinheads mit auftätowierten Hakenkreuzen. „

Quellen: Klaus Briegleb – Mißachtung und Tabu –  Philo-Verlag 2003 | Yoram Kaniuk – Der letzte Berliner – List-Verlag 2002 | Vaterland, Muttersprache: Deutsche Schriftsteller und ihr Staat seit 1945 – Wagenbach-Verlag 1980

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