Archiv für November 2010

Der tendenzielle Fall der Profitrate

Für Karl Marx ist das „Gesetz“ des „tendenziellen Falls der Profitrate“ (3. Band – Das Kapital) eine Grundlage für die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus. Diese These gilt ebenfalls als Grundlage für die Erkenntnis, dass lohnabhängig Beschäftigte  immer größerer Konkurrenz bei immer schlechteren Bedingungen ausgesetzt sind. Aufgrund von Eigenschaften der kapitalistischen Wirtschaft besteht also laut Marx eine Tendenz zur Verringerung der Profitrate im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt.

In der kapitalistischen Gesellschaft treten sich Lohnarbeiter und Kapitalist als Warenbesitzer gegenüber. Der Kapitalist besitzt die Produktionsmittel und kauft mit Geld (G) die Arbeitskraft der Lohnarbeiter. Dieser Warenaustausch (W=Ware)  wird in folgender Formel zum Ausdruck gebracht: G – W – G‘.  Der Profit des Unternehmers errechnet sich, laut Marx, aus dem Mehrwert. Lohnarbeiter verkaufen ihre Arbeitskraft, zu ihrem Wert an die Kapitalisten. Für den Unternehmer lohnt sich dieses Geschäft nur, wenn die Lohnarbeiter länger arbeiten, mehr Produkte herstellen, als zu ihrer eigenen Selbsterhaltung notwendig ist. Die geleistete unbezahlte Mehrarbeit, das Mehrprodukt, ist eine Gratisleistung an die Kapitalisten, dies ist laut Marx der Mehrwert.  Mehrwert ist also das Ergebnis der unbezahlten Mehrarbeit. Marx erläutert, dass man den Arbeitstag in zwei Bestandteile zerlegen kann. Ein Teil umfasst die Zeit, während der der Arbeiter den Wert seiner eigenen Arbeitskraft reproduziert (notwendige Arbeit), der Rest des Arbeitstages – die darüber hinaus gehende Zeit ist die überschüssige Arbeit oder der Mehrarbeit. Das Verhältnis der Mehrarbeit zu notwendigen Arbeit wird in der sogenannten Mehrwertrate ausgedrückt. Mehrwertrate = Mehrarbeit / notwendige Arbeit. Wenn beispielsweise ein achtstündiger Arbeitstag in vier Stunden notwendige und weitere vier Stunden Mehrarbeit aufgeteilt wird, dann beträgt die Mehrwertrate 4/4 bzw. 100 Prozent. Beträgt die Mehrwertrate  3/5 Stunden, entspricht dies 60 %.  Produktion des relativen Mehrwerts bezeichnet die Verringerung der notwendigen Arbeit durch die Verbesserung der Produktionsmethoden. Es verringert sich die zur Produktion notwendige Arbeitszeit, die in den Wert der Arbeitskraft eingehenden Waren können in kürzerer Zeit hergestellt werden, obwohl die absolute Länge des Arbeitstages gleich bleibt. Mit der Produktion des relativen Mehrwerts verringert sich nicht nur der Anteil der notwendigen Arbeit, sondern auch die Anzahl der zur Herstellung einer Ware notwendigen Arbeiter.

Die Profitrate errechnet sich aus dem Verhältnis des Mehrwerts zum gesamten Kapital, das im Produktionsprozess zum Einsatz kommt. Das Gesamtkapital andererseits zerfällt in zwei Bestandteile: das konstante Kapital, das heißt die Produktionsmittel (Rohstoffe und Maschinen) und jenes Kapital, das zum Erwerb der Arbeitskraft ausgelegt wird. Die Profitrate ergibt sich also aus dem Verhältnis des Mehrwerts zu dem im Produktionsprozess eingesetzten Gesamtkapital. Stellen die Arbeiter eines Unternehmers  im Vergleich zu den Arbeitern eines anderen Unternehmers überdurchschnittlich viel Mehrwert, erhält der Unternehmer einen Extraprofit. Es besteht deshalb ein unvermeidlicher Anreiz, wenn auch unter Beachtung der zusätzlichen Kosten, mehr in Maschinen zu investieren als in den Kauf von Arbeitskraft, wenn dies die Produktivität der Arbeiter so ausreichend erhöht, dass der Mehraufwand für zusätzliche oder bessere Maschinen wieder hereingeholt wird. Wenn dann aber so mit dem technischen Fortschritt, mit der Automatisierung usw. immer mehr Lohnarbeit, die doch allein Mehrwert schaffen kann, durch immer mehr Maschinerie (konstantes Kapital) ersetzt wird, wird damit auch das allein ausbeutbare, also allein Profite schaffende Element relativ immer kleiner. Also sinkt langfristig die Profitrate als Verhältnis der Profite zum für den Kauf von Maschinerie usw. eingesetzten Kapital. Die Profitrate ist also Mehrwert durch (konstantes Kapital + variables Kapital). Durch die Konkurrenzsituation wird dem Unternehmer ein ständiges Produzieren und eine ständige Verbesserung der Produktionsmethoden aufgezwungen. Bei der einfachen Produktion widerholt sich der Produktionsprozess auf gleichem Niveau, das vorgeschossene Kapital bleibt gleich hoch und wird in der selben Größe immer wieder in die Produktion gesteckt. Bei der erweiterten Produktion wird der erwirtschaftete Mehrwert zusätzlich in die Produktion gesteckt, Marx spricht von der Akkumulation des Kapitals. Die Akkumulation des Kapitals bedeutet, dass die vorgeschossene Kapitalsumme um den Mehrwert (den Teil des Mehrwerts der vom Unternehmer nicht individuell konsumiert wird), vergrößert wird und somit auf höherer Stufenleiter produziert wird.

Der tendenzielle Fall der Profitrate ergibt sich also daraus, dass mit steigender Arbeitsproduktivität der Anteil des konstanten Kapitals am Produktionsprozess wächst. Abgetrieben durch den Wettbewerb des Marktes ist das Unternehmen gezwungen auf „höherer Stufenleiter“ zu produzieren. Es kommt also zu einer Veränderung des organischen Kapitals. Wird also die Produktivität durch technische Verbesserungen erhöht, so entfallen auf einen Arbeiter wertmäßig mehr Produktionsmittel als vorher. In hochtechnisierten Bereichen ist der Anteil von c hoch, der von v niedrig. Das konstante Kapital nimmt zu, das variable Kapital wird tendenziell weniger. Höherer Technikeinsatz, Rationalisierung usw. führen zu einer Abnahme des Mehrwertes, da menschliche Arbeitskraft eingespart wird. Laut Marx bezieht der Unternehmer seinen Profit ausschließlich durch den Mehrwert. Da dieser Mehrwert zurückgeht, sinkt ebenso tendenziell die Profitrate.  Michel Heinrich schreibt: „Die Produktivkraftsteigerung mittels Maschinerie hat zur Folge, dass sowohl die Mehrwertrate m/v als auch die Wertzusammensetzung des Kapitals c/v zunehmen. Die quantitative Entwicklung dieser beiden Größen ist entscheidend für die Bewegung der Profitrate. Dividiert man in der Profitratenformel Zähler und Nenner durch v, dann erhalten wir für die Profitrate den Ausdruck: m/(c+v) = (m/v) / (c/v + v/v)  = (m/v) /  (c/v +1). Hier werden Mehrwertrate und Wertzusammensetzung als Determinanten der Profitrate sichtbar. Marx stützt seine Begründung für den tendenziellen Fall der Profitrate auf das steigen von c/v. Würde m/v unverändert bleiben, dann würde das steigen von c/v automatisch zu einem sinken der Profitrate führen (der Zähler unseres Bruches bliebe konstant, der Nenner wächst, damit vermindert sich der Wert des Bruches)“ Im 13. Kapitel eines 3. Bandes des Kapitals schreibt Marx: Bei gegebenem Arbeitslohn und Arbeitstag stellt ein variables Kapital, z.B. von 100, eine bestimmte Anzahl in Bewegung gesetzter Arbeiter vor; es ist der Index dieser Anzahl. Z.B. 100 Pfd.St. sei der Arbeitslohn für 100 Arbeiter, sage für eine Woche. Verrichten diese 100 Arbeiter ebenso viel notwendige Arbeit wie Mehrarbeit, arbeiten sie also täglich ebenso viel Zeit für sich selbst, d.h. für die Reproduktion ihres Arbeitslohns, wie für den Kapitalisten, d.h. für die Produktion von Mehrwert, so wäre ihr Gesamtwertprodukt = 200 Pfd.St. und der von ihnen erzeugte Mehrwert betrüge 100 Pfd.St. Die Rate des Mehrwerts m/v wäre = 100%. Diese Rate des Mehrwerts würde sich jedoch, wie wir gesehen, in sehr verschiedenen Profitraten ausdrücken, je nach dem verschiedenen Umfang des konstanten Kapitals c und damit des Gesamtkapitals C, da die Profitrate = m/C. Ist die Mehrwertsrate 100%: Wenn c =    50,    v = 100, so ist p´ = 100/150 = 662/3%. –  Wenn c =    100,    v = 100, so ist p´ = 100/200 = 50%.  – W enn c =    200,    v = 100, so ist p´ = 100/300 = 331/3%. –  Wenn c =    300,    v = 100, so ist p´ = 100/400 = 25%.  –   Wenn c =    400,    v = 100, so ist p´ = 100/500 = 20%.  Marx räumte ein, dass die Wertzusammensetzung des Kapitals schwächer wächst als die technische Zusammensetzung, da im Zuge des technischen Fortschritts Waren in kürzerer Arbeitszeit hergestellt werden können, so dass gemäß Arbeitswertlehre der Wert der Waren sinkt, auch der Waren, die das konstante Kapital bilden. Darüber hinaus räumt Marx ein, dass „abstrakt betrachtet“ der Anstieg der technischen Zusammensetzung durch die Wertminderung des konstanten Kapitals gerade ausgeglichen werden kann. Deshalb spricht er sinnvollerweise von dem tendenziellen Fall der Profitrate. Der tendenzielle Fall der Profitrate ist die Triebkraft hinter jeder  Entwicklung neuer Technologien und der Revolutionierung der Produktivkräfte, die Marx als Charakteristikum der kapitalistischen Produktionsweise bezeichnete. Natürlich sprechen auch einige Umstände gegen das Gesetz über den tendenziellen Fall der Profitrate. Wenn beispielsweise weniger Arbeiter bezahlt werden müssen, fallen auch die Lohnkosten. Bei gleich bleibendem Wert der Arbeitskraft würde sich das variable Kapital um den entsprechenden Anteil vermindern. Ob die Profitrate fällt hängt auch davon ab, was schneller fällt, die Mehrwertmasse oder das vorgeschossene Kapital. Gesamtwirtschaftlich besteht ein Zielkonflikt. Die Arbeitsproduktivität wird am stärksten dadurch gesteigert, dass ein immer größerer Teil des verfügbaren Kapitals in Form von konstantem Kapital c, ein immer geringerer Teil in Form von variablem Kapital v investiert wird. Dies bedeutet aber, dass immer weniger zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Der Nachkriegsboom wurde durch die Ausdehnung des Kapitals erzeugt. Der tendenzielle Fall der Profitrate wurde Ende der sechziger Jahre erkennbar und schlug sich 1974/75 in einer der tiefsten Rezessionen nieder. Das Kapital reagierte mit einer Offensive gegen den Lebensstandard, mit der Reorganisation der Produktion und der Flucht ins Finanzkapital, auf die fallenden Profitraten. Die fallenden Profitraten sind eine Ursache für die aktuelle Überproduktionskrise. Um denselben Profit zu erzielen, mussten eine immer größere Menge von Autos produziert werden. Einerseits wurde das Problem durch Kreditfinanzierung und Leasing in der Produktion und später im Konsum hinausgeschoben. Die panikartigen staatlichen Rettungsmaßnahmen bezogen sich daher neben den Banken vor allem auf die Autokonzerne, die ähnlich den Banken als  „systemrelevant“ gelten. Aber das Problem dieser Überproduktionskrise wird so nicht beseitigt. Einige Autokonzerne werden in der nächsten Zeit die Tore schließen. Die fallenden Profite in der Autoindustrie werden fallende Kaufkraft zur Folge haben. Die Überakkumulationskrise wirkt seit ungefähr 35 Jahren. Hintergrund war eben das Auslaufen des Nachkriegsbooms. Mit dem Rationalisierungsschub der aufkommenden Mikroelektronik war es  jedoch mit dem realwirtschaftlichen Aufschwung vorbei. Die Menge der Waren explodierte, die der benötigten Arbeit implodierte. Die fallende Profitrate, die Realwirtschaft hatte keine rentable Anlagemöglichkeit mehr, trieb das  Kapital in die Spekulation, in fiktives Kapital. Mit Erfolg, die Krise wurde aufgeschoben.

Quellen: Karl Marx – Das Kapital – Band 1 und Band 3
Alfred Müller –  Die Marxsche Konjunkturtheorie: Eine überakkumulationstheoretische Interpretation
Michael Heinrich –  Kritik der politischen Ökonomie

, , , ,

3 Kommentare

Was ist (heute) „links“?

Nach der französischen Revolution wählte sich Frankreich eine Gesetzgebende Versammlung, in der ganz rechts die Monarchisten saßen, während die republikanischen Jakobiner  mit diesen nichts zu tun haben wollten  und deshalb die Plätze ganz links einnahmen. Die Politik der Jakobiner  war für das einfache Volk,  für Arbeiter und Kleinbürger, sie waren gegen den Krieg und forderten den Verkauf der Nationalgüter, wollten ein geeintes, zentralistisches Frankreich und Planwirtschaft. Seit der Zeit kümmern sich „Linke“ um Dinge, die sie nichts angehen. Viele „Linke“, so auch ich, sind der Meinung, dass Menschen die dies nicht tun, die Achtung vor sich selbst verlieren müssten, dass sie moralisch Selbstmord begehen.  „Links“ ist deshalb, wo das Herz ist. Das Eintreten für eine  sozial gerechtere Gesellschaft, gegen die Herrschaft von Menschen über Menschen, für die Gleichberechtigung der Geschlechter, für die Gleichberechtigung der Nationen inklusive einer gerechteren Verteilung  des Reichtums, gegen Krieg, gegen  Diskriminierung von Minderheiten, gegen den Aberglauben der Religionen und gegen Antisemitismus stand  damals und steht  heute auf der Agenda der „Linken“. Die Geschichte der“ Linken“ weist einige „dunkle Schatten“ auf. Die Spaltung der Arbeiterklasse in SPD und KPD wegen der „Burgfriedenspolitik“, das Querfrontdenken der KPD in den 30er Jahren, die stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion bis in die 50er Jahre, die Fehler der Regierenden in der DDR bis zum heutigen linken Antisemitismus sind trauriger Beleg für die vielen Irrtümer und Verbrechen von „Linken“. Die Fehler müssen teilweise, im Kontext ihrer Zeit gesehen, sollten trotzdem nicht entschuldigt werden. Die rote Armee befreite das KZ  Auschwitz, die Überlebenden der NS- Konzentrationslager waren die ersten Regierenden der neu entstandenen Staaten Israel und  DDR. Das Blockdenken des „Kalten Krieges“ brachte unheimliche Allianzen, die aus rein pragmatischen Gründen geboten waren. Seit der Zeit der Jakobiner spaltete sich die „Linke“ mehrfach in reformistische, radikalere und esoterische Gruppierungen, so gab und gibt es innerhalb und außerhalb der parteipolitischen und gewerkschaftlichen Gruppierungen viele abstruse Ansichten, angefangen von kleinbürgerlichen Rassisten, nationalen Stalinisten, Eugenikern, Sozialdarwinisten, Esoterikern, Anthroposophen, religiös motivierten Antisemiten bis zu den „linken“ Antizionisten. Diese Kräfte befinden sich im Wettstreit mit ihren aufgeklärten, humanistischen, antinationalistischen Gegenspielern. Im Folgenden versuche ich, fragmentarisch darzulegen, was für mich linke Positionen sind und welche Positionen mit „linkem Denken“ unvereinbar sind:

1) „Links“ ist – sich jederzeit selbst hinterfragend der Aufklärung, verpflichtet zu fühlen, dabei für den nachhaltigen Fortschritt seiner Umgebung/Gesellschaft einzutreten. Die Aufklärung richtete sich zuerst gegen die christliche Religion, denn Wissen sollte Glauben ablösen. Karl Marx schreibt: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“. Gott wurde vom Menschen erschaffen und nicht umgekehrt. Religion ist Ideologie, sie ist falsches Bewusstsein, sie lenkt als „Opium des Volks“ die Menschen von ihren existenziellen Problemen ab, mit ihrer Hilfe werden Menschen von herrschenden Despoten unterdrückt. Die Menschen sind also keinem Gott verantwortlich, der Mensch ist nach „linkem“ Weltbild dem Menschen verantwortlich, nicht nur für seine  Individualität, sondern  er ist verantwortlich  für alle Menschen.  Eine „Linke“ kann daher niemals strategisch, gemeinsam mit christlichen Kirchen oder islamischen Gruppierungen gegen fundamentale Missstände vorgehen. Die Trennung von Staat und Kirche ist eine unveränderliche „linke“ Forderung.  Frauenunterdrückung, mit ihren sichtbaren Symbolen wie die erzwungene Verschleierung von Frauen durch Burka, Niqab oder Kopftuch,  wie sie in islamischen Gesellschaften am extremsten zu Ausdruck kommt, kann von „Linken“, die sich der Emanzipation verschreiben, nicht toleriert werden. “Jedes Stückchen Emanzipation der Menschheit, noch das bescheidenste, ist nicht mit, sondern gegen Religion und Kirche erkämpft worden. Und schlichtester Anstand müßte es verbieten, einer religiösen Organisation, deren Geschichte eine einzige breite Blutspur zeichnet, den Gebrauch des Wortes »Menschenrecht« anders zu quittieren als mit Hohnlachen oder einem Schlag auf die Pappn. Geschieht das? Keineswegs: Nicht die Propheten und Mitläufer des Aberglaubens haben zu beweisen, daß sie, obwohl Christen, ansonsten einigermaßen anständige Leute sind. Entschuldigen müssen sich die andern, die Ketzer ”, schrieb einst Hermann L. Gremliza in „Konkret“. Wenn Religion öffentlich wird, wenn sie nicht mehr „Privatsache“ bleibt, wenn Religion missioniert, muss „linker Geist“ aktiv werden. Sigi Zimmerschieds „Kardinal daschlogn“ ist diesbezüglich sicherlich die „letzte“ Lösung.   2) „Links“ ist – Kapitalismuskritik, die zuerst den eigenen bürgerlichen Staat kritisiert, der den Reichtum von unten nach oben lenkt, ebenso zu erkennen, dass privater Produktionsmittelbesitz mit Ausbeutung verbunden ist. Redliche Kritik am Kapitalismus ist nicht zu verwechseln mit der Suche nach Sündenböcken, zumeist in kapitalistischen Krisenzeiten. Die „Heuschrecken-Kampagnen“ sowie die Unterscheidung zwischen „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital ist rechte Kapitalismuskritik, die von „Linken“ kritisiert werden muss. Die Kritik am Finanzkapital steht meist im Zentrum einer regressiven Kapitalismuskritik, die die Totalität des kapitalistischen Systems verkennt. Die Hetze gegen “Heuschrecken” läuft immer Gefahr, die Systemkritik zu personalisieren und dadurch die kapitalistische Vergesellschaftung nicht als „gesellschaftliches Verhältnis“ mit abstrakten Zwängen zu begreifen, sondern die konkreten Akteure als persönlich Verantwortliche für Elend, Armut und Ausbeutung auszumachen. Diese Kritik am Kapitalismus von „rechts“ muss aufs Schärfste kritisiert werden.  3) „Links“ ist – die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, Umweltschutz, „Gleichheit vor dem Gesetz“, internationaler Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit. 4) „Links“ ist, nicht zu Schweigen bei Diskriminierung von Migranten, Ausländern, wie aktuell bei den Aussagen des den bayerischen Ministerpräsidenten, oder anderen Minderheiten. Diese Solidarität darf nicht mit falscher Toleranz verwechselt werden. Toleranz oder Wegsehen bei religiös motivierter Frauenunterdrückung kann keine „linke“ Position sein.  Nicht zu Schweigen etwa über die Verbrechen des iranischen Regimes oder anderer islamfaschistischer Gruppierungen oder Regierungen ist ein entscheidender Grundpfeiler linker, humanistischer Gesinnung. Denn die Menschen im Nahen Osten benötigen dringend eine grundlegende Veränderung der Verhältnisse. Zu einer Demokratisierung und Liberalisierung in Ländern wie Iran, Pakistan oder Saudi Arabien gibt es keine Alternative. Aufgabe der „Linken“ ist daher die Unterstützung und Solidarität emanzipatorischer Bewegungen wie der Frauen- und der Studierendenbewegung in den arabischen und islamischen Ländern. „Linke“ verurteilen die iranischen Antiisrael-Konferenzen mit Holocaustleugnern, sie verurteilen den Terror der islamischen Sittenpolizei dem Schwule und Lesben unterliegen, die für ihre Lebensweise gehängt oder gesteinigt werden. 5)  „Links“ ist – sich für den Frieden einzusetzen. Bei militärischen Auseinandersetzungen zu Erkennen wer Aggressor und wer Angegriffener ist. Jedes Land hat das Recht sich zu verteidigen. Die entsprechenden Aggressoren, wie beispielsweise Hamas oder Hisbollah, müssen benannt und geächtet werden. 6) „Links“ ist – zu erkennen, dass Revolution kein Selbstzweck ist, da Revolution das äußerste Mittel zur Herstellung einer gerechten Gesellschaft ist. Sie ist die letzte Maßnahme zur Verwirklichung menschenwürdiger Zustände.  „Am Anfang aller Brüderlichkeit steht der Brudermord, am Anfang aller politischen Ordnung steht das Verbrechen. Für diese uralte, durch die Jahrhunderte getragene Überzeugung, von dem Beginn aller menschlichen Angelegenheiten ist die Annahme eines Naturzustandes nur eine letzte, theoretisch gereinigte Paraphrase, und sie klingt noch deutlich nach in Marx’ berühmten Ausspruch von der Gewalt als der mächtigen Geburtshelferin der Geschichte.“, schrieb Hannah Arendt bereits 1963. Revolutionäre Befreiungsbewegungen wie etwa die FMLN, FSLN oder der Vietcong, die gegen Militärdiktaturen oder imperialistische Aggression kämpften, verdienten die weltweite Solidarität der “Linken“. „Revolutionäre“  Bewegungen,  die einen Gottesstaat fordern, egal ob dieser fundamental christlich oder islamfaschistisch ist, sind nicht ansatzweise emanzipatorisch, sondern fanatisch reaktionär. Ein Gottesstaat wie der Iran mit seinen Ayatollahs, ist deshalb aufs Schärfste zu kritisieren. Die siegreiche sozialistische kubanische Revolution von 1959 ist dagegen ein gutes Beispiel für eine gelungene soziale, emanzipatorische Umwälzung.   7) „Links“ ist – ein klares Geschichtsbewusstsein, als Teil der Bildung, mit der Reflexion der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ohne das Verstehen der „Urkatastrophe“ des 1. Weltkrieges, der Fehler der Weimarer Republik, der Machtübernahme der Nationalsozialisten, den „einmaligen“ Verbrechen der NS-Diktatur, kann aktuelle Politik nicht begriffen werden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, nach dem 11. September haben sich die Welt-Koordinaten verschoben. Das überholte antiimperialistische Weltbild kann die Welt nicht mehr erklären. Aus diesem Antiimperialismus heraus bezeichnen „Betonlinke“  Israel als imperialistischen Brückenkopf der USA. Dieser  Antiimperialismus führt über den  Antizionismus zu linkem Antisemitismus. Die Mehrheit der heutigen Feinde Amerikas sind keine nationalen Befreiungsbewegungen mehr, die fortschrittliche Ziele verfolgen, sondern antimoderne, frauenfeindliche, antisemitische Bewegungen des politischen Islam. Deutsche Nazis haben die Anschläge am 11. September in New York City bejubelt, deutsche Nazis sind mit Palästinensertüchern auf Anti-Israeldemos unterwegs und erneuern ihren Hass auf Israel und ihre Solidaritätsaufrufe mit den Palästinensern. Wenn „Linke“ in „dasselbe Horn blasen“, entsteht eine neue, alte verhängnisvolle,  Querfront.  8)“Links“ ist – die Solidarität mit Israel, weil der arabische Antisemit, den Tod des Juden will. Die Liquidierung Israels steht auf dem Programm der PLO, der Hamas, des Dschihad und der Hisbollah. Wo es Stärkere gibt, steht  die „Linke“ auf der Seite der Schwächeren und stärker,  das sind die Araber,  stärker an Zahl, stärker an Öl, stärker an Dollars, stärker ganz gewiss, an Zukunftspotential. Deshalb ist, wie Jean Améry schreibt, die Allianz des antisemitischen Spießer-Stammtisches mit den Barrikaden wider die Natur, Sünde wider den Geist. Leute wie Horst Mahler oder Ahmadinejad  können sich die Umfälschung des kruden Antisemitismus zum aktuellen Anti-Israelismus gestatten: Die Linke muss redlicher sein. Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus.  Israel ist auch die Staat gewordene Konsequenz aus Auschwitz. Israel ist der erste und einzige Zufluchtsort für von Antisemiten verfolgte Juden. Eine Linke die sich ernst nimmt, muss solidarisch mit Israel, dem „Juden unter den Staaten“,  sein, dazu gehört auch die Solidarität mit den überlebensnotwendigen Verteidigungsmaßnahmen Israels. Deshalb stellen sich redliche Linke dem alten und neuen Antisemitismus oder Antizionismus entgegen, solange es diesen gibt. Dass die israelischen Regierungen seit der Staatsgründung auch Fehler machten ist unbestritten, aber welche Regierung machte keine Fehler? 9) „Links“ ist – internationalistisches Denken und die Kritik an der eigenen bürgerlichen Gesellschaft, weil der unsägliche, speziell der deutsche, Nationalismus mit seiner irrationalen Leidenschaft und seinen Vorurteilen, die Quelle für Mord und Totschlag war und ist. „Linke“ sind als  gesellschaftlich geprägte Individuen potentiell so nationalistisch und antisemitisch wie die sie umgebende Gesellschaft. Der deutsche Nationalismus, mit seiner fehlenden oder unzureichenden Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verdrängungsmechanismen in Form eines sekundären Antisemitismus und Antiamerikanismus ist leider auch innerhalb der Linken virulent. Die Aufgabe einer sich als radikal begreifenden und historisch reflektierenden politischen Linken wäre es, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen und den Antizionismus als das aufzuweisen und zu denunzieren, was er ist.  10)“Links“  ist – Widerstand gegen bornierte (vermeintliche) Mächtige, Betondeppen, Kadavergehorsam und gegen die „Gefangenschaft eindimensionalen Denkens“, weil dies zum einen, das Gebot der Stunde ist und außerdem auch mächtig Spaß machen kann. Der bayerische anarchistische „Paradelinke“ Oskar Maria Graf wollte während des ersten Weltkriegs, 1916 weg von der Front und weg vom Krieg. Er verweigerte einen Befehl, riskierte die standrechtliche Erschießung, gaukelte dabei Wahnsinn vor und kam dafür später in eine Irrenanstalt. Er sollte abgeurteilt werden, in seiner Zelle trat er in einen 10-tägigen Hungerstreik, nach einigen Tagen meinte der Leutnant: “ Warum essen sie denn nichts? Sind sie krank? “  Graf: „Nein, aber ich habe keinen Appetit.“ Leutnant: „So, so …  wissen Sie auch, dass man Sie zum Essen zwingen kann?“  Graf:“ Jawohl Herr Leutnant, aber nicht zum Appetit“

Wenn „Linke“ die DDR eventuell zu blauäugig, 20 Jahre nach dem Untergang der selbigen, beurteilen, ist dies zwar betrüblich, aus meiner Sicht jedoch nicht verwerflich. Wenn „Linke“ im Jahre 2010, dagegen ein islamfaschistisches Regime, wie den Iran und ihre Ausläufer wie Hamas und Hisbollah  huldigen,  Israel ihr legitimes Verteidigungsrecht absprechen, so halte ich dieses Verhalten dagegen, alleine wegen seiner Aktualität und der „deutschen Vergangenheit“,  für verwerflich. Wenn „Linke“ im Gleichklang mit  geschätzten 70 % der restlichen Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen wollen, müssen diese „Linken“, notfalls schmerzhaft, auf ihre Vorurteile hingewiesen werden. Wenn „Linke“ in der aktuellen Wirtschaftskrise, Sündenböcke im Finanzkapital suchen, ähnlich wie die  Nationalsozialisten um Gottfried Feder,  oder die Lösung der aktuellen Probleme in Esoterik, Biologismus, Schwundgeld, Anthroposophie oder in einer Volksfront mit Nationalsozialisten suchen, muss auf die Sackgasse dieses gefährlichen Denkens hingewiesen werden. Wenn scheinbar „linke“ Medien diese „Sackgasse“ in Print- und Onlineartikeln sowie Leser-Foren befördern, machen sie sich freiwillig zum Komplizen der jeweiligen obskuren Ansichten.  1974 schrieb Jean Améry : „Die Linke ist Wirklichkeit  in ihrer Praxis, nicht in ihrer Dogmatik. Ihr letzter Referenzpunkt ist ein Humanismus, den aus verqueren theoretischen Gründen in Frage zu stellen, im günstigsten Fall Spinnerei ist, im üblen Sabotage. Denn es ist der Humanismus keine bürgerliche Mystifikation, wenn auch sein Banner von der Bourgeoisie nur allzu oft zu Mystifikationszwecken rauschend geschwenkt wurde.“

, , , , , , , , , , , , , ,

14 Kommentare