Der einarmige im Gehölz und die Freitags Community

DER EINARMIGE IM GEHÖLZ

Schweißtriefend bückt er sich

Nach dem dürren Reisig. Die Stechmücken

Verjagt er durch Kopfschütteln. Zwischen den Knieen

Bündelt er mühsam das Brennholz. Ächzend

Richtet er sich auf, streckt die Hand hoch, zu spüren

Ob es regnet. Die Hand hoch

Der gefürchtete S. S. Mann.

Dieses Gedicht stammt von Bertolt Brecht, geschrieben hat er es 1953 mit seinen Buckower Elegien.Der Philologe Jan Knopf hat Brechts Elegie folgender maßen interpretiert: „Die DDR verstand sich von Beginn an als antifaschistischer Staat, als „Bollwerk gegen den Kapitalismus“, der im Westen Deutschlands restauriert wurde, und er verstand sich dadurch auch als das „bessere“ Staatswesen, das die Konsequenzen aus Faschismus und Krieg wirklich gezogen hatte. Dieser „moralische Vorsprung“, die Überzeugung, den humaneren Weg in die Zukunft eingeschlagen zu haben, wirkte noch bis zum Ende des „real-existierenden“ Sozialismus als verbindende und staatstragende Klammer, auch wenn von den Realitäten des Sozialismus ansonsten nicht viel zu spüren war. Die Regierenden des neuen „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ auf deutschem Boden waren durchweg als Antifaschisten ausgewiesen, und vor allem waren die Nazis aus allen wichtigen öffentlichen Ämtern vertrieben worden. Einer von denen, denen angeblich jeglicher Einfluss genommen war, ist der ehemals gefürchtete SS-Mann, von dem die Elegie berichtet. Er ist versehrt, hat nur noch einen Arm. Mühsam, unter schweißtreibenden Anstrengungen muss er sich nun seinen Lebensunterhalt zusammenraffen, Brennholz, dürres Reisig für den kommenden Winter. Ungeschützt ist er der Natur ausgesetzt, den Mücken, dem Regen, in gedemütigter, bückender Haltung. Sein Arm taugt nur noch zur Prüfung ihn bedrängender Unbilden. Die erhobene Hand zeigt ihn hilflos und ungefährlich. So hatte der neue Staat die alten Nazis ausgeschaltet. Diese Interpretation, die ich in Kurzform referiert habe, entstammt der Brecht-Forschung der siebziger Jahre, als die Buckower Elegien mit einer Flut von neuen Deutungen überschüttet wurden. Sie wurde vertreten von jüngeren Wissenschaftlern, die aus der Studentenrevolte von 68 hervorgegangen waren. Der Sozialismus in der DDR, auch wenn er mit skeptischen Augen betrachtet wurde, war als mögliche Alternative anerkannt – jede Wiedervereinigung schien auf Generationen hin suspendiert – und ließ sich zur Kritik am herrschenden und sich stetig ausbreitenden Kapitalismus in der Bundesrepublik gut gebrauchen. So konnte denn die Elegie über den gefürchteten SS-Mann dazu herhalten, die „bewältigte“ Vergangenheit in der DDR zum Gegensatz zum Neonazismus in der BRD hochzuhalten. Das Gedicht lässt sich jedoch auch ganz anders lesen. Ein nur scheinbar alltäglicher Vorgang wird in der Elegie angesprochen. Der Mann sammelt im Sommer und in der Hitze Reisig und Holz. Sein mühsames und ächzendes Aufrichten, scheinbar im Kontext seiner alltäglichen Bemühungen um Unterhalt formuliert, kann auch als ein bedrohliches Erstarken, die ausgestreckte eine Hand als das alte Zeichen des Hitlergrußes verstanden werden. Beschrieben ist ein Vorgang des Erhebens; am Ende steht – gleichsam erstarrt, weil verblos – die alte Geste, die durch die Geschichte mit blutrünstiger Wirklichkeit gefüllt ist. Durch sie wird der Mann buchstäblich kenntlich. Seine Abwehr der Stechmücken – nur Stechmücken sind es – wird zum ignoranten Kopfschütteln, Lästiges abschüttelnd, die prüfende Geste, ob der Regen ihn womöglich stören könnte, zum Geheimplan. Der Mann sammelt kein Holz für die Feuerung seines Ofens, er sammelt Holz für die nächste Brandschatzung, so wie Brecht in seinem Brief an Peter Suhrkamp die Ereignisse des 17. Juni in der DDR eingeschätzt hatte. „Gegen Mittag, als auch in der DDR, in Leipzig, Halle, Dresden, sich Demonstrationen in Unruhen verwandelt hatten, begann das Feuer seine alte Rolle wieder aufzunehmen. Von den Linden aus konnte man die Rauchwolke des Columbushauses, an der Sektorengrenze des Potsdamer Platzes liegend, sehen, wie an einem vergangenen Unglückstag einmal die Rauchwolke des Reichstagsgebäudes. Heute wie damals hatten nicht Arbeiter das Feuer gelegt: es ist nicht die Waffe derer, die bauen. Dann wurden – hier wie in anderen Städten – Buchhandlungen gestürmt und Bücher hinausgeworfen und verbrannt, und die Marx- und Engels-Bände, die in Flammen aufgingen, waren so wenig arbeiterfeindlich wie die roten Fahnen, die öffentlich zerrissen wurden.“ Ausdrücklich erinnert Brecht mit der Szenerie, die er im Brief entwirft, an die des Jahres 1933, der sogenannten Machtergreifung des Hitlerfaschismus. Brandstiftung und Bücherverbrennung waren die untrüglichen Zeichen für einen faschistischen Putsch – und sogar die Judenverfolgung setzte wieder ein. Aber dieser Putsch kam nicht nur, wenn überhaupt, in der Hauptsache von außen. Er war im Innern produziert und fand eben nicht nur in Berlin statt. Der 17. Juni brachte die verdrängten Tatsachen plötzlich ans Tageslicht. Den Aufstand der Arbeiter nutzend, griffen faschistische Kräfte zu den alten verwerflichen Mitteln der Menschenverachtung. Wo Bücher brennen, so sagte es schon Heine, werden auch Menschen brennen. Die Zeichen waren sichtbar, aber niemand wollte sie sehen, wenn sie nicht gar – wie z. T. im Westen – beklatscht und durch anfeuernde Reden im Radio (RIAS), wie Brecht mit Bedacht formulierte, unterstützt wurden. Die Elegie lässt eine noch verschärftere Lesart zu. Die Einarmigkeit muss nicht nur Zeichen der Versehrtheit des alten Nazi-Schergen sein, sie kann auch auf die prinzipielle Einarmigkeit der angemaßten National-Arbeiter verweisen. Diese Leute haben nur den einen Arm, der zur Arbeit nicht taugt, aber zur Brandstiftung immer noch ausreicht, während den wirklichen Arbeitern im DDR-Staat die Hände „zerarbeitet“ und „zerbrochen“ wurden, wie es in der Elegie „Böser Morgen“ heißt. Das Gedicht meint nicht den im westlichen Gehölz verborgenen Nazi, sondern den des eigenen Landes. Diese Handlanger werkelten weiter und bedrohten den Aufbau des Sozialismus, an dem Brecht zeitlebens als notwendige Alternative zum Kapitalismus festhielt.“ Quelle

Das Blog wurde unter http://www.freitag.de/community/blogs/fidelche/-der-einarmige-im-gehoelz-und-die-interpretation-von-jan-knopf mit folgenden Kommentaren veröffentlicht. Der Grund war die Sperrung des Vorgängerblogs. Ich wollte weiterdiskutieren.

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