Archiv für die Kategorie Israel

Was endlich kapiert werden muss

mullahsJeder einigermaßen vernünftige Mensch studiert, bevor er urteilt und sich positioniert, beide Seiten in einem Konflikt.

Ein Staat der per Strafgesetz Menschen eingraben lässt um sie dann mit Steinen hinzurichten, dabei penibel die Größe der Steine und die Reihenfolge der Werfer festlegt, ein Staat der Menschen mit  Peitschenhieben öffentlich wegen Vergehen gegen die Kleiderordnung bestraft, ein Staat der Dieben die Hände oder Finger abhacken lässt, ein Staat der den Holocaust leugnet und die Vernichtung der Juden ankündigt ist ein faschistischer Staat.

Wer hierzulande den faschistischen Staat Iran mit seinen Terrorgruppen von der Hamas bis zur Hisbollah auf eine Stufe mit dem demokratischen Staat Israel stellt, wer die Verbrechen und die Ideologie dieses faschistischen Staates relativiert, tabuisiert oder rechtfertigt und gleichzeitig den demokratischen Staat Israel dämonisiert und delegitimiert, macht sich zum Kombattanten dieser faschistischen Ideologie.

Die Kombattanten dieser faschistischen Ideologie sind, wenige Jahrzehnte nach Auschwitz, ein Angriff auf die Zivilisation. Hamas-,  Hisbollah-, Terror- und Ahmadinejad-Versteher haben das Recht verwirkt bei anderen Themen als gleichberechtigte Gesprächspartner ernstgenommen zu werden.

Der letzte Referenzpunkt der Linken ist ein Humanismus der keinerlei Schnittmengen mit dieser faschistischen Ideologie zulässt.  Die Grenze ist klar gezogen und sie muss kompromisslos verteidigt werden, egal ob die Nazis von rechts oder links kommen.

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Die Gruppe 47, Günter Grass und die Todesfuge

“Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland” 

aus der Todesfuge von  Paul Celan

47Im Jahre 2003 veröffentlichte der Hamburger Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb sein vielbeachtetes Buch „Mißachtung und Tabu – Wie antisemitisch war die Gruppe 47?“.   Klaus Briegleb untersucht in diesem Buch den deutschen Antisemitismus nach der Shoah und das Phänomen, dass die Gruppe 47 sich nicht um ihn gekümmert hat. Die Gruppe 47 hat am Gedeihen des besonderen deutschen Antisemitismus nach 1945 aus der Position einer angemaßten moralischen Unbescholtenheit durch Missachtung, Desinteresse und Verdrängung mitgewirkt, so die Kernthese des Buches. Vor allem die Antworten auf die Frage welche Funktion heute jene erfüllen, die einst zur Gruppe zählten, sind gewinnbringend zu lesen und lassen den aktuellen Antisemitismus besser begreifen.

Als Gruppe 47 werden die Teilnehmer an den deutschsprachigen Schriftstellertreffen bezeichnet, zu denen Hans Werner Richter von 1947 bis 1967 einlud. Der Kreis um Richter war eine einflussreiche Institution im Kulturbetrieb der Bundesrepublik Deutschland.  Hans Werner Richter setzte eine Art Corpsgeist unter den Schriftstellern der Gruppe 47 durch, Schriftsteller jüdischer Abstammung, sowie Emigranten wurden an den Rand gedrängt, seine “Einladungspolitik” war sehr schnell umstritten. Die jüdisch-deutsche Differenz nach der Shoah wurde von der Gruppe 47 nicht thematisiert. Der Widerwillen und die Ignoranz, die Verbrechen der Deutschen zur Kenntnis zu nehmen, und sie zu thematisieren was vor allem den Juden geschah, waren offensichtlich. Die Kriegsheimkehrer und Flakhelfer, die sich nun  „jungdeutsch“ nannten wollten sich etwas von der Seele schreiben und vor allem mit der Vergangenheit abschließen.  Die ehemaligen Flakhelfer, Soldaten und wie wir heute wissen SS-Angehörigen proklamierten in der Gruppe 47 die „Stunde Null“ und beanspruchten zugleich, für die deutsche Literatur zu stehen. Richter und viele seiner Mitstreiter suchten die einebnende Gemeinsamkeit, die Juden und die Christen, die Deutschen und die Sowjetrussen waren für sie die Opfer „des Krieges“, als sei der Nationalsozialismus „vom Himmel“ gefallen, eine Naturkatastrophe für welche die Deutschen kaum etwas konnten.

Obwohl Hans Werner Richter nichts von Paul Celans Gedichten hielt wurde der Lyriker eingeladen. Im Mai 1952 trug Paul Celan in Niendorf seine noch unbekannte Todesfuge vor. Nach dem Auftritt kam es zu unübersehbarer Missachtung gegenüber dem Juden Celan: „Das kann doch kaum jemand hören!“ oder  „Er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht“ waren die unmittelbaren Reaktionen innerhalb der Gruppe. Walter Jens meinte gar, „der liest ja wie Goebbels!“ und Richter machte sich über Celan lustig, in dem er sagte Celan habe „in einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge“. Schwer gekränkt nahm Celan an keinem Treffen der Gruppe 47 mehr teil. Die Aggression der Gruppe gegen Paul Celan und die “Emigrantendeutsch” schreibenden geflohenen Dichter wurde nun überdeutlich. Ingeborg Bachmann schrieb in ihr Tagebuch zu Niendorf: „Am zweiten Abend wollte ich abreisen, weil ein Gespräch, dessen Voraussetzungen ich nicht kannte, mich plötzlich denken ließ, ich sei unter deutsche Nazis gefallen (..) Am zweiten Tag wollte ich abreisen, am dritten Tag las ich ein paar Gedichte vor, vor Aufregung am Ersticken…“

Trotz eines Apelles  von Marcel Reich-Ranicki blieb der harte Kern der Gruppe dem Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 fern. Die Isolierung von Peter Weiss innerhalb der Gruppe 47 verstärkte sich wegen seines Interesses am Prozess und unter Federführung von Günter Grass wurden die Auschwitz-Texte von Peter Weiss „geschmäht“. So wurde Peter Weiss 1966 vorgehalten, er habe nicht das Recht, über Deutschland zu sprechen. Peter Weiss hielt die zynische Begründung fest: „Wo ich denn während des Kriegs gewesen wäre?“ Obwohl das antisemitische Ressentiment nur selten so offen zu Tage trat, wie es sich im Falle Celans zutrug, gab es mittlerweile vermehrt diesbezügliche Kritik von außerhalb der Gruppe. Nachdem Hermann Kesten der Gruppe vorwarf, sie würde antisemitischen Vorbildern nacheifern schreibt der Gruppenchef Hans Werner Richter am 25. Januar 1961 in einem Brief: „Kesten ist Jude und wo kommen wir hin, wenn wir jetzt die Vergangenheit untereinander austragen, d.h. ich rechne Kesten nicht zu uns zugehörig, aber er empfindet es so. Wie aber soll man diesem eitlen und so von sich überzeugten Mann beibringen, welches Unheil er anrichtet?“

Günter Grass und Martin Walser prägten die Gruppe 47 mit ihrer Verdrängungsliteratur, ihre “Flegeljahre” aus der Hitlerjugend dauern scheinbar bis heute an. Die Flakhelfer-Generation um Grass und Walser ist bis heute der Stichwortgeber für die scheinbare Legitimation des antisemitischen deutschen  Stammtisches. Der “irgendwie linke” Martin Walser wollte 1998 nichts mehr von der angeblichen „Dauerpräsentation unserer Schande“ hören und sprach von einer Moralkeule“ im Zusammenhang mit Auschwitz. Nach der Kritik an Walsers  Rede in der Paulskirche, nach der Kritik an seinem Buch „Tod eines Kritikers“, reagierte Walser wie sein Ziehvater Richter es ihm lehrte: „Es geht um den Kritiker nicht um den Juden“. Der Kritiker, Marcel Reich-Ranicki,  den man immer loswerden wollte, den man zum Schweigen bringen wollte, kam aus dem Osten, der Region, die im literarischen Gedächtnis der Gruppe 47 von ihren Anfängen keinen Platz hatte. Zur Erinnerungsabwehr-Rede Martin Walsers in der Paulskirche sagte Ignaz Bubis das Nötige, wobei die Massen viel lieber der Worten Walsers lauschten.

Wie kaum ein anderer ist Günter Grass ein Produkt der Gruppe 47. Bereits in seiner „Blechtrommel“ deutet Grass an was er unter der Aufarbeitung des Nationalsozialismus versteht. Am Ende des Buches werden die Deutschen in Danzig mit Viehwaggons zurück ins Reich deportiert, eine offensichtliche Anspielung auf die Deportation der Juden in Richtung Osten. Außerdem kommt ein Herr Fajngold aus Treblinka in der „Blechtrommel“ nach Danzig, Fajngold eine Karikatur eines Juden, wie sie die Nazis nicht besser im „Stürmer“ hätten erscheinen lassen können. Grass betrieb bereits damals eine Täter-Opfer-Umkehr. Am offensichtlichsten wird die Schuldabwehr von Günter Grass in seinem 2002 erschienenen Roman „Im Krebsgang“. Während Grass, “ermüdet vom Kampf um die Vergangenheitsbewältigung in seiner Danziger Trilogie”, über die „eigene Schuld“ spricht,  betrauert er wieder einmal viel zu lange darüber geschwiegen zu haben, dass auch die Deutschen Opfer waren. Im “Krebsgang” macht Grass seine Opferbilanz auf und begräbt mit der Umkehrung der Opferrollen sein eigenes Schweigen. Günter Grass in „Krebsgang“: Als die „Gustloff“ untergeht, ertönt „ein nie gehörter, ein kollektiver Endschrei“. Ein Schrei, der sich in den Lagern der Shoah seit Buchenwald millionenfach erhoben hat. Der Ex-Waffen-SS-Soldat schreibt scheinbar entlastend, dass er in seinem Panzer auf dem Weg nach Osten keinen einzigen Schuss abgegeben hat. Mit „Krebsgang“ versucht Grass eine deutsche Opfernation, eine entschuldete Täternation zu erschaffen. Mit der Metapher des „Endschreis“ beim Untergang des deutschen Flüchtlingsschiffs „Gustloff“ am 30. Januar 1945 ist die „Endlösung der Judenfrage“ literarisch pervertiert, meint nicht nur Klaus Briegleb.

Im Jahre 2011 behauptet Günter Grass in einem Interview in Israel, dass die Sowjetunion sechs Millionen deutsche Kriegsgefangene liquidiert hätte. Tatsächlich gerieten etwa drei Millionen deutsche Soldaten in sowjetische Kriegsgefangenschaft, von denen etwa 1,1 Millionen nicht überlebten, was angesichts der von den Deutschen verursachten Hungersnot in der Sowjetunion nicht sehr verwunderlich war. Was Günter Grass mit der Zahl “sechs Millionen” bezwecken wollte, lag auf der Hand. Der ehemalige Wehrmachts-Freiwillige, der den reibungslosen Betrieb von Auschwitz ermöglichte versuchte wieder einmal zu entlasten. Nachdem Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS bis zum Jahre 2006 verschwiegen hatte, während er Bundeskanzler Kohl massiv kritisierte, weil dieser Hand in Hand mit einem amerikanischen Präsidenten einen Soldaten-Friedhof besuchte, auf dem auch vierzig SS-Gefallene liegen, wollte er 2012 mit seinem antisemitischen Gedicht “Was gesagt werden muss” wieder einmal nicht mehr schweigen. Wieso der Literatur-Nobelpreisträger sein Gedicht nicht mit „Die Juden sind unser Unglück!“ überschrieb, bleibt sein Geheimnis.

Anfang August 1990 überfiel der Irak das Ölscheichtum Kuwait. Der Sicherheitsrat der UN stellte ein Ultimatum für einen Rückzug der irakischen Streitkräfte. Saddam Hussein drohte daraufhin Israel, das in diesem Konflikt bis dahin nicht beteiligt war, im Falle eines alliierten Militärschlages mit Giftgas-Raketen anzugreifen und den jüdischen Staat zu zerstören. Mit Hilfe deutscher Firmen war es dem Irak gelungen ein Giftgasarsenal aufzubauen. Nach Ablauf des Ultimatums, griffen alliierte Streitkräfte unter amerikanischer Führung den Irak an, worauf  irakische Truppen Scud-Raketen auf Israel abfeuerten. Die israelische Bevölkerung verbrachte die Nächte mit Gasmasken in abgedichteten Räumen. Obwohl dreizehn Israelis getötet und hunderte verletzt wurden, hielt sich die israelische Regierung an die Absprachen nicht in den Konflikt einzugreifen. In der deutschen Öffentlichkeit sorgte weder der Einmarsch des Iraks, noch die Ankündigung Husseins Israel unter anderem mit Giftgas auszulöschen für besondere Aufmerksamkeit. Erst im Januar 1991 kurz vor dem Ablauf des Ultimatums kam es zu Massendemonstrationen der „Friedensbewegung“, die sich  mehr oder weniger mit Saddam Hussein solidarisierte und Israel die Schuld für den Konflikt gab.  Zu dieser Zeit trat Günter Grass in einer Podiumsdiskussion gemeinsam mit dem israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk auf. „Kein Blut für Öl“ und „Es gibt keinen gerechten Krieg“ waren die Parolen des “Friedensfreundes” Grass. Das deutsche Gas für den Irak interessierte Günter Grass nicht weiter. Wieder einmal, nun während des zweiten Golfkrieges solidarisierte sich die deutsche „Massenseele“ mit der moralischen Autorität eines ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS. Die Entlastungserzählungen von Günter Grass mit der Entsorgung der eigenen Geschichte und die Forderungen Martin Walsers wieder ganz „unverkrampft“ zur Nation Deutschland zu stehen waren und sind Teil der neuen Rahmenbedingungen in welchen die Mehrheit der Deutschen ihren Antisemitismus, der nach 1945 nicht einfach verschwand, wieder ausleben durfte.

grassYoram Kaniuk schreibt in seinem Buch “Der letzte Berliner“ über Günter Grass und die damalige Diskussion: „Er trieb mich mit seinen politischen Argumenten immer mehr in die Enge, um den Streit über den Golfkrieg mit dem Leiden der Palästinenser und nicht mit dem deutschen Gas für den Irak zu verknüpfen. Etwas von dem Ton, der in seinen Worten anklang, konnte man auch in Hannah Arendts Buch über den Eichmann-Prozess spüren, in dem die Juden und die Deutschen sich gleichen, obwohl die Juden die Opfer und die Deutschen die Täter sind. Unser gerechtes Anliegen, das Anliegen der Juden und ihrer Kinder, die aus Deutschland fliehen mussten oder vertrieben wurden, hätte einen Teil der Debatte ausmachen sollen, doch Grass mit seinem geschliffenen Verstand und seiner rhetorischen Begabung wehrte jeden Versuch ab, aus der engen politischen Ecke herauszukommen und eine allgemeine Diskussion über das Wesen des Bösen zu beginnen, und der Beifall des Publikums bewies, dass es auf seiner Seite stand. Die Diskussion hinterließ bei mir einen bitteren Geschmack. Das ganze Gerede über die Unmoral aller Kriege ärgerte mich damals und ärgert mich heute noch. Es gibt alle möglichen Kriege. Gott sei Dank haben die Alliierten gegen die Nazis gekämpft, und Gott sei Dank haben sie gesiegt. Gott sei Dank haben wir im Unabhängigkeitskrieg gesiegt und einen Staat für die Juden gegründet, die niemand aufnehmen wollte. (…) Es fiel mir schwer, mich damit abzufinden, dass ein Humanist wie Grass die Unvernunft der deutschen Linken verteidigt, die mit dem Mörder und Diktator Saddam sympathisierte. Ich hatte gehofft, er würde es als schweren Fehler bezeichnen, dass Deutsche nicht gegen die Lieferung von Giftgas und dessen Verwendung für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen demonstrierten und stattdessen lauthals den Krieg gegen einen grausamen Diktator anprangerten, doch er sagte nichts dergleichen. Das Argument, dass alle Kriege unmoralisch sind, macht mir mehr Angst als hundert Haiders in Wien oder hundert Aufmärsche von Skinheads mit auftätowierten Hakenkreuzen. „

Quellen: Klaus Briegleb – Mißachtung und Tabu -  Philo-Verlag 2003 | Yoram Kaniuk – Der letzte Berliner – List-Verlag 2002 | Vaterland, Muttersprache: Deutsche Schriftsteller und ihr Staat seit 1945 – Wagenbach-Verlag 1980

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Der Spiegel, Rudolf Augstein und die deutsche Nation

Nach Ende des Krieges brachte Rudolf Augstein das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ heraus. Der Träger des Eisernen Kreuzes 2. Klasse hat die deutsche Nachkriegsgeschichte geprägt wie sonst nur die einflussreichen Politiker deren Kontrahent und Wegbegleiter er war. 1972 und 1973 saß der Nationalliberale Rudolf Augstein für die FDP, der er seit 1957 angehörte, im Bundestag. Die CDU war ihm zu bürgerlich und Adenauer bekämpfte er, weil dieser ihm nicht national und konservativ genug war. Der Weltkriegsleutnant hatte in den Anfangsjahren des “Spiegel”, neben anderen Nazi-Schergen, dem ersten Gestapo-Chef Rudolf Diels und einem engen Mitarbeiter des Leiters der Kriminalpolizei im Dritten Reich, Bernhard Wehner Posten als Ressortleiter verschafft. Diels war unter anderem für eine Massenverhaftungswelle in der Nacht des Reichstagsbrands verantwortlich, die vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten traf. Die beiden Altnazis prägten die Line des “Spiegels”, mitunter indem sie ihre eigenen Taten in diversen Spiegel-Storys rechtfertigten. Bereits 1949 wurde Erich Mielke im „Spiegel” als Doppelmörder “entlarvt”, eine Woche später schrieb der Gestapo-Chef Rudolf Diels seine Nazi-Rechtfertigungs-Serie „Die Nacht der langen Messer fand nicht statt“, dessen Leute aus Zeugen das Geständnis heraus folterten, das Mielke als Doppelmörder belastete. Mit „Enthüllungsjournalismus“ sollten später die “Stasi-Agenten” Manfred Stolpe und Gregor Gysi zu Strecke gebracht werden. Gregor Gysi wurde in einer Titelgeschichte (in Stürmer-Marnier)  als „Drahtzieher“ bezeichnet. In dieser “Spiegel-Titelgeschichte” wurden alle antisemitischen Klischees zusammengetragen, um einen jüdischen Parteiführer, der im Verdacht stand, die Wiedervereinigung zu hintertreiben, als verschlagenen, unsauberen, geldgeilen und kaltintellektuellen “Winkeladvokaten” zu präsentieren.

Bereits 1950 forderte der junge Augstein im “Spiegel”, man möge doch Kriminalbeamte mit einem SS-Rang, die ins Reichssicherheitshauptamt übernommen wurden, in den bundesdeutschen Polizeidienst aufnehmen. In den Spiegelserien dieser Zeit wurde etwa Arthur Nebe, der in der NS-Zeit Vergasungen anordnete, der Held einer 30-teiligen “Spiegel”-Serie über “Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei“. Über Nebe, den Augstein für bedauernswerter als seine Opfer bemitleidete, schrieb der Spiegel-Herausgeber verständnissvoll: „Wir sind alle Nebes“. In einer anderen Spiegelserie, für die später Augstein vor den Kadi musste, regten sich die ehemaligen SS-Hauptsturmführer und damaligen Spiegel-Journalisten Georg Wolff und Horst Mahnke über die “jüdischen Kaffeeschmuggler in der BRD“ auf. Als die jüdische Kultusgemeinde dagegen klagte, schrieb Augstein über den Prozess unter Zuhilfenahme aller antijüdischen Klischees, derer er fähig war und machte anschließend  die beiden SD-Leute zu Ressortleitern seines  Deutschlandmagazins. Mahnke war während des Nationalsozialismus die rechte Hand von Franz Alfred Six, eines gerichtsnotorischen Massenmörders, was Augstein wusste, ihn aber offensichtlich nicht störte.

Als sich der Spiegel unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ Sorgen um die Verteidigungsfähigkeit der BRD machte, ließ Franz Josef Strauß im Oktober 1962 Augstein und sieben andere Mitarbeiter unter Verdacht des Landesverrats festnehmen. Der Mythos von Augstein und dem demokratierehaltenden “Spiegel” war geboren. Durch seinen Kampf gegen Strauß bekam Augstein ein vermeintliches linkes, liberales Image. Ein kurzes linkes Intermezzo gab es tatsächlich in den 1970er Jahren, mit der Revolution einiger Redaktionsleiter, die allerdings wegen ihrer Revolte entlassen wurden. Infolge dieser Revolution verschenkte Augstein 50 Prozent des Spiegels an seine Angestellten.

Rudolf Augsteins Artikel blieben durchtränkt mit nationalem Ressentiment, wie später in seinem Wiedervereinigungs-Artikel “Wir sind ein Volk”: „Die Stunde Null, von uns allen so sehnlichst herbeigefürchtet, sie ist da“. Die Alliierten müssten endlich aufhören „alle nur denkbaren Machtmittel“ einzusetzen, um „eine Neu-Vereinigung zu verhindern“, so Rudolf Augstein im “Spiegel”. Nach der sogenannten Wiedervereinigung beschwerte sich Rudolf Augstein lange vor Walser bitter über die „Auschwitz-Keule: “…Aber es dürfen sich nun nicht dieselben Leute, die uns und denen, die nach uns kommen, die Erinnerung an die Rampe von Auschwitz für immer ins Gedächtnis brennen wollen – was nach aller menschlichen Erfahrung erfolglos bleiben muß -, den Palästinensern gegenüber als “Herrenmenschen” aufführen. Ich habe längst gelernt, daß einer ein Antisemit ist, der die Politik des Staates Israel kritisiert, ich weiß es seit dem Sechstagekrieg im Jahre 1967. Doch lasse ich mich trotzdem nicht davon abbringen, daß der Tod eines jüdischen Kindes, einer jüdischen Frau, eines jüdischen Mannes nicht mehr ins Gewicht fällt als der Tod eines arabischen Kindes, einer arabischen Frau, eines arabischen Mannes.“

Rudolf Augstein und der “Spiegel” hatten mit Juden im Allgemeinen und mit Israel im Besonderen ein offensichtliches Problem. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges und unter dem Eindruck des israelischen Libanon-Feldzugs schrieb Augstein 1982 im Spiegel Nr. 29 was ansonsten an jedem antisemitischen Stammtisch zu hören war: „An die 40 Kilometer Pufferzone im Libanon hätten die Europäer, und namentlich die Deutschen, den Israelis aus schlechtem Gewissen noch gutgebracht. Sie haben ja nichts zu sagen, ich weiß, aber sie werden ja schließlich dafür zur Kasse gebeten.“

War es Schuldabwehrantisemitismus, war es Erinnerungsabwehr  als Börnepreisträger Augstein im “Spiegel” schrieb: “Was hätte ein Nicht-Nazi denn tun können? Er hätte als ein Held und Heiliger das tun können, was die Opfer selbst auch nicht getan haben, die Helden und Heiligen immer ausgenommen. Er hätte sich für seinen biblisch Nächsten opfern können, mit seinem Leben. Das haben die Deutschen, das haben die Juden nicht getan. Kein moralischer Unterschied also zwischen der schweigenden Mehrheit der Deutschen und der schweigenden Mehrheit der Juden“?

Inwieweit antisemitische Klischees im „Deutschlandmagazin“ eine Rolle spielten hat Rolf Behrens in seinem Buch „Raketen gegen Steinewerfer“ - die Berichterstattung des Spiegels bezüglich Israels in dem Zeitraum der Intifada von 1987 – 1992 und der „Al-Aqusa-Intifada“ von 2000-2002 untersucht. In diesen 345 Artikeln des “Spiegels” wird der Staat Israel stereotyp als brutaler, expansiver und rassistischer Staat voller Missstände dargestellt, dessen Gesellschaft innerlich zerrissen sei und sich im Niedergang befinde. Der Spiegel überschreite vielfach die Grenze die legitime Israel-Kritik und Antisemitismus trennt. Die Israel-Berichterstattung des “Spiegel” ist im untersuchten Zeitraum unabhängig von den Fakten von auffälligen immer wiederkehrenden Stereotypen bestimmt. Beispielsweise hätten die Juden eine Religion der Rache, während die islamische Religion schon immer tolerant gewesen sei. Insgesamt 269 Stereotype wurden bei der Untersuchung erhoben. Bei der Untersuchung auf antisemitische Ideologeme wurden von Rolf Behrens 21 Fälle bezüglich „typisch jüdischem” Wesen oder Aussehen (Beispiel: „die traditionelle jüdische Unfähigkeit, Realitäten zu akzeptieren“), 20 Fälle von Vergleichen zwischen Israel und dem Nationalsozialismus (Beispiel:„Was die Deutschen getan haben, war etwas ganz Übles. Aber wir können uns nicht erinnern, dass sie auf die Straße gegangen wären, um Leuten die Arme und Beine zu brechen“) dokumentiert. Außerdem wurde den israelischen Politikern acht Mal unterstellt sie nutzten den Holocaust für ihre Zwecke aus und in 13 Fällen wurden Hinweise auf eine jüdische Weltverschwörung konstruiert.

Der ehemalige Spiegel-Redakteur Hellmuth Karasek wurde mit der Studie konfrontiert und antwortete auf die Frage der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung warum er Mitte der 8oer Jahre bestritten habe, der Spiegel sei antisemitisch: “Ich habe mich eben getäuscht. Wir waren blind damals”.

Stets stellte der Spiegel das Scheitern des Zionismus fest und den Fortbestand des Judenstaates in Frage. So schreibt Rudolf Augstein beispielsweise in Ausgabe 11/1988: “Man wird dem Faschismusforscher Ernst Nolte recht geben müssen (…), der schon 1978 von einem „Scheitern“ der großen Ideologie des Zionismus schrieb“. 2002 veröffentlicht Reuwen Moskowitz seinen Text „Israel am Abgrund“ im Spiegel und schreibt: „So malen manche Intellektuelle jetzt das schreckliche Szenario eines Untergangs Israels an die Wand: In einer Welt des wachsenden islamischen Fundamentalismus und der arabischen Frustration durch die stets ungeheure israelische Überlegenheit kann Israel nicht überleben.“

Rudolf Augstein prophezeite regelmäßig einen von Israel ausgelösten „ebenso entsetzlichen, wie in seinen Auswirkungen unüberschaubaren Krieg“. Israel drohe sich selbst durch einen moralischen Verfall der Gesellschaft zu zerstören, so die stereotype Behauptung im Spiegel. In der Ausgabe 6/1989 schreibt Swee Chai Ang in „Die brutale Unterdrückung des Palästinenseraufstandes durch Israels Armee“:Israel, ein Land, das ich mein Leben lang geliebt und geachtet hatte, war plötzlich zu einem erbarmungslosen Ungeheuer geworden.“ Kaum ein Text kommt ohne feststehende und bewertende Vorstellungsbilder aus, die den vorgefassten Meinungen von Journalisten und Lesern entsprechen (Mittelwert: 0,96 Stereotype pro Artikel).

Juden werden im Spiegel als rachsüchtig dargestellt, dazu passt die oft wiederholte Darstellung, das israelische Militär wende grundlos Gewalt an. Die israelischen Soldaten werden als blutrünstige Mörder dargestellt, die Unschuldige auf grausame Art quälen und töten. So berichtet der Spiegel von einem palästinensischen Jungen, dem israelische Soldaten etwas zugeworfen hätten, das „wie dunkle Schokoladenstücke“ ausgesehen habe. Als er den Gegenstand aufgehoben habe, sei ihm eine Stichflamme ins Gesicht geschossen und habe ihm Haut und Haar verbrannt. Im „Spiegel“ 50/1988 steht: „Für die Ärzte und das Pflegepersonal (…) besteht kein Zweifel: Die israelischen Besatzer hätten sich eine neue teuflische Waffe einfallen lassen, um die Bevölkerung der besetzten Gebiete zu terrorisieren“. Israels Armee erscheint im Spiegel als aggressive Streitmacht, die grundlos und unangemessen exzessive Gewalt ausübt. Diesen Eindruck nährt ein charakteristisches Berichterstattungsmuster des Magazins: In den untersuchten Artikeln werden extrem selten Hintergründe zu Israels Kriegen genannt. Insgesamt 23-mal werden die Waffengänge ohne Nennung von Ursachen erwähnt, in nur drei Fällen werden überhaupt, allerdings lückenhaft und tendenziös, Erklärungen für den Ausbruch und/oder die Resultate eines Krieges genannt.  So heißt es im Spiegel 3/2.001: „Als der Spross einer armenischen Familie 1950 in der Altstadt geboren wurde, gab es dort keine Juden. Die ersten Israelis, die Aghassarian kennen lernte, waren die Soldaten, die 1967 die Altstadt eroberten“. Der “Spiegel” verschweigt, warum es 1950 in der Jerusalemer Altstadt keine Juden gab: Sie waren zwei Jahre zuvor nach jahrhundertelanger, ununterbrochener Präsenz von jordanischen Truppen vertrieben worden.

Insgesamt 17-mal wird der für die heutige Situation maßgebliche Sechstagekrieg ohne Nennung von Gründen und Anlass erwähnt. In der Titelgeschichte unter der Überschrift „Auge um Auge. Der biblische Krieg“, die im April 2002, während Israels Militäroffensive in der Westbank beschreibt das Magazin den Sechstagekrieg als israelischen Angriffskrieg, der von Israel mit ausdrücklicher Expansionsabsicht geführt worden sei. Dass Ägypten Anfang Juni 1967 die Zufahrt zu Israels Hafen Eilat blockierte, 100 000 Soldaten, 1000 Panzer und 500 Artillerie-Geschütze auf die Sinai-Halbinsel nahe Israels Grenze verlegte, Ägyptens Präsident Nasser ankündigte, dieses Mal werde Israel vernichtet, und Truppen aus Jordanien, Syrien und dem Irak Israel in einer Überzahl von 3: 1 an allen Grenzen umzingelten, schreibt der Spiegel nicht. Über alle untersuchten Jahre erzeugte der Spiegel vor allem das Feindbild des Ministerpräsidenten Arik Scharon nicht nur mit Bezeichnungen wie “Superfalke“, „Schlächter“, „nationalistischer Demagoge“.

Jakob Augstein vertritt nach dem Tod von Rudolf Augstein als alleinvertretungsberechtigter Dauertestamentsvollstrecker in der Gesellschafterversammlung des Spiegel-Verlags den Anteil der Familie Augstein und bestimmt so den zukünftigen Weg des “Spiegels” mit. Am 06.04.2012 stimmt Jakob Augstein in seiner Spiegel-Kolumne Es musste gesagt werden dem antisemitischen Gedicht von Günter Grass zu: “Sie bezeichnen eine Zäsur. Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: “Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.” Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.” Zwei Monate später am 04.06.2012 bringt Jakob Augstein die Nicht–Rettung von Schlecker direkt mit deutschen Rüstungsgeschäften mit Israel in Verbindung “Schlecker-Frauen” als Opfer der israelischen Atompolitik. Außerdem ist Jakob Augstein der Herausgeber der antizionistischen Wochenzeitung “derFreitag“.

Bei aller Kritik gab es auch wenige Lichtblicke im Deutschlandmagazin. Henryk M. Broders Artikel sollten das antisemitische Image des Magazins verwischen und so konnten einige entgegengesetzte Artikel platziert werden, bis Broder seine Schuldigkeit getan hatte und nichts mehr im “Spiegel” publizierte. Ein Highlight war zweifellos der Broder-Artikel “Einigkeit und Recht und Gaza“, in dem er die nationale Selbstfindung in der Resolution des Bundestages zur Lage in Gaza erkannte.

Der Spiegel ist als meistzitiertes Medium erwiesenermaßen der wichtigste Meinungsführer und Themensetzer in der deutschen Presse- und Rundfunklandschaft. Weit über zwei Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung ist israelfeindlich eingestellt, was viele Umfragen belegen, neben dem weitverbreiteten sekundären Antisemitismus dokumentiert die Studie von Rolf Behrens ein weiteres Erklärungsmuster für diesen Zustand. Ein “liberales, im Zweifel linkes Blatt”, wie Rudolf Augstein ihn einst genannt hat, war der “Spiegel” nie, sondern immer nur das Stimmungsbarometer des analphabetisierten, antisemitischen, wiedernationalisierten Kleinbürgertums.

Quellen: Otto Köhler – Rudolf Augstein Ein Leben für Deutschland, Rolf Behrens – “Raketen gegen Steinewerfer” Das Bild Israels im Spiegel

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Das Kapital ist ein scheues Reh

Der chinesische Premierminister Wen Jiabaohatte kürzlich finanzielle Hilfe für den Europäischen Rettungsschirm in Aussicht gestellt. Die Europäer müssten verstärkte Anstrengungen unternehmen und nötige Reformen ihrer Haushalts- und Finanzpolitik einleiten, machte der Politiker der Kommunistischen Partei Chinas deutlich. Wie vehement Wen Jiabao hinter verschlossenen Türen Angela Merkel angemahnt hat die Menschenrechte in Griechenland einzuhalten ist schwer abschätzbar. Nicht nur das Betteln bei den Chinesen zeigt deutlich in welch existenzieller Krise sich der Kapitalismus befindet. So gut wie alle großen Wirtschaftsnationen sind hoffnungslos verschuldet. Nach Argentinien konnten auch Irland, Portugal und nun Griechenland nicht mehr ihre Schulden bedienen. Spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verhält sich der Kapitalismus geradezu vulgärmarxistisch, weshalb weltweit die Betroffenen gegen die negativen Auswirkungen der  „Freien Marktwirtschaft“ protestieren.  Eine emanzipatorische Kapitalismuskritik sollte sich freilich mit dem kapitalistischen Produktionsprozess, den Zwangsgesetzen der Konkurrenz, der Zirkulation des Kapitals, den Krisenzyklen, dem Verhältnis von Arbeit, Wert und Geld beschäftigen und die Folgen des Marktes erkennen. Fortschrittliche Kapitalismuskritik muss sich gegen staats- und nationalstaatsfixiertes  Denken erwehren und sie muss die regressive Pseudo-Kapitalismuskritik selbst zum Gegenstand ihrer Kritik machen.

Auf der Basis von Ware, Wert, Arbeit und Markt hat sich im Laufe der Geschichte die heute weltweit dominierende Produktions- und Lebensweise herausgebildet. Der fortwährende Zwang zur Kapitalverwertung, zum unendlichem Wirtschaftswachstum , mit mörderischer Konkurrenz, dem Profitstreben und dem Zwang für die meisten Menschen nur durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft überleben zu können, haben zur Folge, dass „nur die Stärksten überleben”. Einerseits produziert das kapitalistische Wirtschaftssystem mit den Gesetzen des Marktes faszinierende Smartphones, hochtechnisierte Autos, Wohlstand und Reichtum,  jedoch andererseits Massenvernichtungswaffen, Hunger, Elend, Krieg und Schuldenkrisen. Während in der kapitalistisch organisierten  Welt eine Milliarde Menschen hungern, können es sich Durchschnittseuropäer leisten mehrmals im Jahr Fernreisen zu unternehmen.  Während ein Zimmermädchen in einem Hamburger Hotel 2,46 Euro brutto in der Stunde verdient, kassiert dasselbe Hotel für eine Suite 349 Euro pro Nacht. Während die Zerstörung der Umwelt voranschreitet, bestimmte Gebiete für Jahrhunderte radioaktiv verstrahlt sind werden nach wie vor Atomkraftwerke betrieben und gebaut. Während weltweit täglich 25.000 Kinder verhungern landen in Deutschland jährlich 20 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll und werden in den Industrieländern Mais und Raps zu Biodiesel verarbeitet. Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander, zwischen den Industrienationen und den Ländern der 3. Welt, zwischen dem Harz-4 Empfänger und der “BMW-Familie” Quandt. Einerseits gab es in Deutschland durch Mikroelektronik, Rationalisierung und Automation einen kaum vorstellbaren Produktivitätsschub, andererseits hat sich die Lebensarbeitszeit deshalb nicht verkürzt sondern im Gegenteil verlängert. Bei einer immer höheren realen Arbeitslosenquote muss heute ein Dreißigjähriger damit rechnen erst mit siebzig Jahren in Rente gehen zu können. Die systemimmanenten “Konstruktionsfehler” des Kapitalismus sind die Ursache für die großen und kleinen Krisen im Kapitalismus, in dessen kurzen Aufschwüngen sich Wenige große Profite aneignen und in den längeren Abschwüngen die Verluste vergesellschaftet werden.

Die kapitalistischen Krisen sind von zyklischer Natur, sie gehören quasi zur „Normalität” kapitalistischer Entwicklung. Marx hat den tendenziellen Fall der Durchschnittsprofitrate systematisch im Kontext des Gesamtreproduktionsprozesses des Kapitals untersucht und auf diese Weise die zyklisch wiederkehrenden Krisen als Ausdruck der Akkumulationsdynamik einer kapitalistischen Gesellschaft, als Folge der Überakkumulation des Kapitals und der fallenden Profitrate erklären können. Bei einer  Steigerung der Arbeitsproduktivität durch Automatisierung, Rationalisierung, Arbeitszeiterhöhungen, unbezahlten Überstunden, Billiglohnkräften benötigt die Produktion immer weniger Arbeitskräfte, wodurch die Arbeitslosigkeit steigt und gleichzeitig die Kaufkraft sinkt, worauf  die Hersteller im gesättigten Markt immer weniger Produkte verkaufen können. In der Überproduktionskrise produzieren also immer weniger Arbeitskräfte immer mehr Waren die sich immer weniger leisten können. Für das Kapital bleibt nur der Export in andere Länder, weshalb immer neue Märkte, notfalls mit Gewalt, erschlossen werden müssen. Eine gewisse Zeit können sich diese Länder diese Produkte leisten, über kurz oder lang müssen sie sich verschulden. Die Überproduktionskrise ist eine periodisch wiederkehrende Wirtschaftskrise im Kapitalismus, mit Milchseen, Butterbergen, Autohalden und Abwrackprämien als sichtbare Indikatoren. Seit mehr als 30 Jahren, also nach dem Zusammenbruch von Bretton-Woods ist der Neoliberalismus auf dem Vormarsch. Mitte der 1970er Jahre neigte sich der  fordistische Nachkriegsboom seinem Ende zu. Durch Automation  und Mikroelektronik steigerte sich die Produktivität massiv, die Menge der Waren explodierte, die der benötigten Arbeit implodierte. Alle Konjunkturprogramme, alle Staatsinterventionen und jede keynesianistische Regulation konnte den realökonomischen Widerspruch nicht aus der Welt schaffen. „Erst die zunehmende Liberalisierung der Finanzmärkte und die monetaristische Politik der Neoliberalen boten einen Ausweg. Das Kapital, das in der Realwirtschaft keine rentable Anlagemöglichkeit mehr fand, konnte in die Sphäre des fiktiven Kapitals ausweichen. Die Krise wurde aufgeschoben, und der Neoliberalismus wurde zum weltweit hegemonialen Programm. Die Implosion des sogenannten Realsozialismus bescherte ihm einen zusätzlichen Legitimierungsschub und beflügelte die Akteure des Sozialabbaus. Doch der Übergang zum »Shareholderkapitalismus« der neunziger Jahre war nur die Eskalationsstufe eines Prozesses, der bereits in den Siebzigern begonnen hatte: Das fiktive Kapital wurde zur »Basisindustrie« des Verwertungsprozesses. Und im Platzen der Finanzblase wird nichts anderes sichtbar als das verdrängte und kumulierte Krisenpotential von drei Jahrzehnten“, schreibt Lothar Galow-Bergemann in Konkret 12/2008. Kapitalismus ohne Streben nach Maximalprofit und ohne fiktives Kapital war und ist undenkbar. Die so genannte Realwirtschaft und Finanzsphäre können nur zusammen gedacht, kritisiert und überwunden werden. Die aktuelle Schulden- und Eurokrise, die Bankenkrisen haben ihre Ursache in den grundlegenden “Konstruktionsfehlern” des Kapitalismus. Der Neoliberalismus  war also die Reaktion auf die Schwächung kapitalistischer Herrschaftsansprüche während des Fordismus. Arbeitnehmerinteressen wurden zurückgedrängt, staatliche Unternehmen privatisiert sowie eine Umverteilung von unten nach oben intensiviert.

Herbert Marcuse schrieb in „Der eindimensionale Mensch“: “Auf der gegenwärtigen Stufe des fortgeschrittenen Kapitalismus widersetzt sich die organisierte Arbeiterschaft mit Recht der Automation ohne Ausgleichsbeschäftigung. Sie besteht auf der extensiven Nutzung menschlicher Arbeitskraft in der materiellen Produktion und widersetzt sich so dem technischen Fortschritt. Indem sie dies tut, widersetzt sie sich jedoch auch der ergiebigeren Nutzung des Kapitals. Mit anderen Worten, ein weiterer Aufschub der Automation kann die nationale und internationale Konkurrenzfähigkeit des Kapitals schwächen, eine langfristige Depression verursachen und folglich den Konflikt der Klasseninteressen wiederaufleben lassen.”

Nach dem Vorbild des Ökonomen John Maynard Keynes versuchten und versuchen Regierungen unterschiedlichster Couleur mit gepumptem Geld die Abschwünge zu bremsen in der irrigen Hoffnung  im Aufschwung das Geld wieder zurückzubekommen. Die aktuellen weltweiten Schuldenkrisen sind ein Resultat dieser Politik. Während immer mehr erfolglose Unternehmer vom Staat Geld haben wollen explodieren die Staatsschulden. Weil Staaten nichts produzieren, haben sie kein Kapital, sie können kein Kapital schaffen, sondern lediglich das vorhandene umverteilen. Natürlich muss irgendjemand all diese unsinnigen Staatsausgaben bezahlen. Bis dahin leiht sich der Staat das Geld an den Kapitalmärkten. Laut Keynes steigt die Wirtschaftsleistung um deutlich mehr als einen Euro, für jeden Euro, den der Staat ausgibt, was niemals bewiesen werden konnte. Die Theorien von Keynes, die diversen Politikern, Ökonomen und Journalisten als Heilsbringung dienen, beruhen auf dem Irrglauben an Zauberei. Keynes war im Übrigen der  Ansicht, dass Kriege, Erdbeben und der Bau von Pyramiden den Wohlstand eines Landes steigern könnten.

Im Gegensatz zu Keynes waren die nationalsozialistischen und die heutigen rechtsextremen  Kapitalismuskritiker davon überzeugt, dass mit der Brechung der Zinsknechtschaft, der Verstaatlichung der Banken und der Abschaffung des Zinses alle „Probleme“ des Kapitalismus beseitigt wären. Als  Hitler 1940 auf dem Höhepunkt seiner  Macht, die Zustimmung der Deutschen zu Hitlers Politik so groß wie nie zuvor war, kam der Propagandafilm Jud Süß in die deutschen Kinos. Die 19 Millionen Besucher von “Jud Süß” wurden nicht gezwungen diesen Film anzusehen, sie wollten den Film sehen weil sie entsprechend fühlten und dachten. Der antisemitische  Propagandafilm spielt am Hofe des Königs von Württemberg. Dieser König kam in zunehmende Finanzschwierigkeiten und stellt sich den jüdischen Finanzberater Joseph Süß ein. Der geldgierige Joseph Süß, in dem Veit Harlan-Film, ein verschlagener hochraffinierter Jude der alle Finanztricks beherrscht, rettet den König in dem er mit seinen Tricks die Bevölkerung ausbeutet und dadurch immer mächtiger und einflussreicher wird. Das Geld wird der Masse der ehrlich arbeitenden Bevölkerung genommen. Es kommt dadurch zu sozialer Verelendung und zu Massendemonstrationen. Das Gegenbild zu der jüdischen Raffgier ist in dem Film die ehrliche deutsche Arbeit, die durch den Schmied mit seiner züchtigen Hausfrau symbolisiert und dessen Haus durch die  Finanzpolitik von Jud Süß zerstört wird. Der Widerstand der Bevölkerung wächst. Der gute ehrlich arbeitende Held mobilisiert die Massen und bringt die Wende. In der Schlüsselszene des Films ruft er den Massen zu: “Wie die Heuschrecken fallen sie über uns her“.  Nachdem der Jude gehängt wird, entspannt sich die Lage und die Menschen haben wieder eine glückliche Zukunft vor sich. Die Heuschreckenmetapher verwandte Alfred Rosenberg im “Völkischer Beobachter” bereits am 29. Mai 1921: „Aber schon sehr bald zeigte es sich, dass alle Anlockungen durch Vorzugsrechte nicht recht anschlugen, dass der größte Schwarm der jüdischen Heuschrecken nach Amerika zog, der andere, nach Palästina abgefahrene Teil aber nicht recht arbeiten wollte, sondern von den Millionen zu zehren vorzog, die jüdische Milliardäre zur Organisation Palästinas ausgeworfen hatten“. Einige Jahrzehnte später bemühte Franz Müntefering, nachdem die Rot-Grüne Regierung die Deregulierung der Kapitalmärkte massiv fortgesetzt hat, die Heuschrecken-Metapher um gegen Hedgefonds und das Finanzkapital zu agitieren. Ver.di nahm ebenfalls das Bild der Heuschrecke auf und gab ein entsprechendes Flugblatt heraus, das allerdings nach großen Protesten innerhalb der Gewerkschaft zurückgezogen wurde. Ein Prozent der Menschheit ist für die Occupy-Bewegung  an der Krise schuld, ein Prozent bereichert sich auf geheimnisvolle Weise an der Arbeit aller anderen, ein Prozent kontrolliert Regierungen und sorgt für böse Kredite, Zinsen  und Schulden. Die Nazis sprachen von “Zinsknechtschaft” und Jürgen Elsässer  spricht heute bei Occupy-Veranstaltungen von “Schuldknechtschaft”. Müntefering, die IG Metall und der überwiegende Teil der Occupy-Bewegung sind keine Nazis, aber ihre verkürzte, personalisierte Kritik am Kapitalismus ist gefährlich, denn wenn vermeintlich einige Wenige das Elend der Vielen verursachten, dann ist es bis zum Schritt der Eliminierung der „Bösen“ nicht mehr weit.

Max Horkheimer kritisierte die „Bürgerliche Gesellschaft“ mit ihren ökonomischen Gegensätzen, ideologischen Widersprüchen und sozialen Ungerechtigkeiten. Für Horkheimer war der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und der Entstehung des Faschismus offensichtlich: Als eine Reaktion auf die Krise des Kapitalismus versuche der Faschismus, den Kapitalismus mit despotischen Mitteln aufrechtzuerhalten. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs formulierte Horkheimer:„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“

Eine wichtige Ursache für die heutige Krise ist aus meiner Sicht das Auslaufen des Nachkriegsbooms vor über 30 Jahren. Durch die Gesetze des Marktes, also dem Verwertungsdruck kam es zur Flucht ins fiktive Kapital und durch die Überproduktionskrisen in diesen Jahren und den „notwendigen“ keynsianistischen Programmen kam es zur Verschuldung der diversen Staaten. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Schuldenkrise Griechenlands und dem Umstand dass Deutschland Exportweltmeister ist, ein Zusammenhang der mit kommunizierenden Röhren vergleichbar ist. Die Frage nach den  Alternativen zum Kapitalismus ist seriös kaum zu beantworten. Freilich den Selbstzerstörungskräften der freien Marktwirtschaft ungebremst ihren Lauf zu lassen, dürfte genauso der falsche Lösungsansatz sein, wie wenigen „Sündenböcken“ die Schuld für die Krisen in die Schuhe zu schieben. Wohin verkürzte Kapitalismuskritik führen kann, welche  Andockmöglichkeiten von rechts sie birgt, liegt auf der Hand. Verbesserte Rahmenbedingungen für genossenschaftliche Unternehmen, ein bedeutend höherer Spitzensteuersatz, höhere Löhne, ein Mindestlohn und eine signifikante Arbeitszeitverkürzung, würden zwar den Wirtschaftsstandort Deutschland, seinen Status des Exportweltmeisters minimal gefährden, wären aus meiner Sicht jedoch Schritte in eine richtige Richtung. Meine Prognose für die Zukunft ist wenig optimistisch: Das kapitalistische System ist zweifellos in seiner größten Krisen, die Zustände in Griechenland geben einen ersten Eindruck wie es in Europa weitergehen dürfte. Weil keynesianistische Politik hat noch nie funktioniert hat, wird Kapital vernichtet werden müssen. Die Herrschenden werden vermutlich versuchen einen großen Krieg  zu verhindern, es bleibt also nur die große Euro-Währungsreform, bei der allerdings die Schwächsten noch schwächer werden dürften.  Recht zu haben, nützt freilich dem wirtschaftlich privilegierten Kritiker des Kapitalismus nicht wirklich, denn auch er ist, wie die Adepten der freien Marktwirtschaft, von den Auswirkungen einer möglichen Euro-Währungsreform betroffen, denn wer privilegiert ist, hat auch etwas zu verlieren und das ist das Dilemma.

Quellen: Stefan Frank – Die Weltvernichtungsmaschine, Michael Heinrich – Kritik der politischen Ökonomie, Elmar Altvater – Das Ende des Kapitalismus, Georg Fülbert – G Strich, Robert Kurz- Schwarzbuch Kapitalismus, Lothar Galow-Bergemann -  Konkret 2007/12 & 2008/12, Herbert Marcuse – Der eindimensionale Mensch

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Auschwitz und die deutsche Schuldabwehr

David Olère 1946Mit den „Nürnberger Gesetzen“ von 1935 bestimmte das Deutsche Reich wer Jude sei. Deutschland verfolgte und ermordete systematisch und mit industriellen Methoden über sechs Millionen Juden während der bisher größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte. In den großen deutschen Vernichtungslagern wurden weit über drei Millionen Juden durch Vergasung in Gaskammern fabrikmäßig ermordet oder massenhaft erschossen.  Deutsche profitierten von dieser Vertreibung und Ermordung der Juden in dem sie jüdische Häuser, Wohnungen, Besitz und die Arbeitsplätze der deportierten Juden übernahmen. Deutsche, vom fanatischen Antisemiten bis zum unpolitischen Bürokraten, waren die willigen Vollstrecker dieser Mordmaschenerie, wobei nicht alle Deutschen am Holocaust direkt oder indirekt beteiligt waren, aber es waren genug, um von “den Deutschen” als den Tätern zu sprechen. An der Rampe von Auschwitz-Birkenau wurden die deportierten Juden selektiert, Familien für immer getrennt. Arbeitsfähige Juden kamen in das Konzentrationslager, alte oder kranke Menschen, Kinder sowie Frauen mit Kleinkindern wurden in der Regel als “arbeitsunfähig” eingestuft und direkt nach ihrer Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern ermordet. Es war die Politik der SS  jüdische Häftlinge dazu zu zwingen, beim Massenmord an ihren jüdischen Mitgefangenen mitzuarbeiten. In Auschwitz-Birkenau löste die Bezeichnung “Sonderkommando” bei erfahrenen Häftlingen Angst und Schrecken aus, da bekannt war, dass dieses Kommando bei “Sonderbehandlungen”, der Tarnbezeichnung für den Massenmord und die restlose Beseitigung der Opfer, eingesetzt wurde. Der Gymnasiast Filip Müller aus der Tschechoslowakei und der zwanzigjährige Shlomo Veneziaaus Griechenland wurden dem Häftlings-Sonderkommando in den Krematorien und Gaskammern zugeteilt. Als jüdische Zeugen der Massenvernichtung wurden die Mitglieder des Sonderkommandos in der Regel nach wenigen Monaten erschossen. 1944 gab es eine Revolte des Sonderkommandos, die blutig niedergeschlagen wurde, wobei von den  661 eingesetzten Sonderkommando-Häftlingen 451 Mann während des Aufstands ermordet wurden. Von den 2.200 jüdischen Häftlingen der Sonderkommandos überlebten 110 das Kriegsende, in dem sie sich 1945 im Chaos der Lagerauflösung aus ihrer Isolierbaracke ins Männerlager schmuggeln konnten.

David Olère 1946Die jüdischen Häftlinge der Sonderkommandos wurden gezwungen ihren jüdischen Mitgefangenen beim Entkleiden in den Umkleideräumen vor der Gaskammer zu helfen, sie zu beruhigen und Gebrechliche in die Gaskammern zu tragen. Im Entkleidungsraum waren an den Wänden nummerierte Kleiderhaken, darunter standen Bänke, auf die sich die Leute beim Ausziehen setzen konnten. Um sie noch mehr zu täuschen, sagten ihnen die Deutschen, sie sollten sich die Nummer gut merken, damit sie ihre Sachen „nach dem Duschen“ besser wiederfinden können. Verlor ein Mitglied des Sonderkommandos während des Entkleidens ein Wort über den bevorstehenden Tod, wurde er bei lebendigem Leibe in die Verbrennungsöfen gesteckt. Einige Mitglieder des Sonderkommandos begingen Selbstmord indem sie sich selbst in die Verbrennungsöfen warfen.  Nachdem die Türe zur Gaskammer geschlossen war warf ein SS Mann das Zyklon B in einen Schacht. Der Todeskampf, die Todesschreie, das Weinen, der qualvolle Tod der Menschen dauerte zwischen zehn und zwölf Minuten. Nach weiteren zwanzig Minuten mussten die Sonderkommandos die Toten aus der Gaskammer holen. Die Menschen waren ineinander gekeilt, bei manchen Opfern waren die Augen aus den Höhlen getreten. „Das Gas stieg von unten nach oben und alle wollten Luft haben, selbst wenn sie dafür übereinandersteigen mussten. Das taten sie so lange bis der letze tot war“, schreibt Shlomo Venezia. Shlomo Venezia und die Männer der Sonderkommandos mussten anschließend die Leichen der Opfer in allen Körperöffnungen auf Wertsachen untersuchen, den Opfern die Goldzähne ziehen, den ermordeten Frauen die Haare schneiden und die Leichen anschließend zu den Verbrennungsöfen zu bringen. Nachdem die Gaskammern leer waren mussten sie von Blut und Exkrementen gereinigt werden um ihn für die nächste Gruppe von selektierten Juden vorzubereiten. In den Entkleidungsräumen mussten sie die verbliebene Habe der Opfer einsammeln und zum Weitertransport vorbereiten. Bei Erschießungsaktionen auf dem Krematoriumsgelände oder im Hinrichtungsraum mussten sie die Opfer ablenken und festhalten. Die jüdischen Sonderkommandos arbeiteten in zwei Schichten, damit die Vernichtung der Juden Tag und Nacht aufrecht erhalten werden konnte.

David Olère 1946Bei den Ermordungen in den Gaskammern von Lagerinsassen verzichteten die Deutschen auf ihre Lüge von der Desinfektion. Filip Müller berichtet von der Ermordung von 600 tschechischen  Juden des „Familienlagers“ Auschwitz: “…Aber bevor sie weiterdenken konnten, fuhr Voß schon fort: “Alles wird viel leichter sein, wenn ihr euch schnell auszieht und dann in den Raum nebenan geht. Oder wollt ihr es euren Kindern die letzten Augenblicke unnötig schwermachen?” Die Menschen hatten jetzt aus dem Mund ihres sich besorgt gebenden Henkers unmissverständlich und unverblümt gehört, was ihnen bevorstand. Viele wandten sich ab, vor Furcht zitternd. Die Stimmen wurden leise und verkrampft, kaum eine Bewegung der Menschen war noch natürlich. Ihre Augen blickten starr mit durchdringender Schärfe, wie hypnotisiert. Eltern nahmen ihre Kinder in die Arme, tödlicher Ernst erfüllte den Raum. Die meisten fingen jetzt an, sich auszuziehen, während einige wenige noch zögerten. Als die Henker das bemerkten, trieben und stießen sie die Leute mit Schlägen und Stößen aus dem Auskleideraum in die Gaskammer, ohne Rücksicht darauf, ob sie ihre Kleider schon abgelegt hatten oder nicht. Wer sich widersetzte, auf den wurde erbarmungslos und brutal eingeschlagen. Die wehrlosen Männer hatten sich um die Frauen und Kinder geschart, um sie vor den Schlägen und vor den Bissen der Hunde zu schützen. Auf der engen Fläche des Auskleideraumes, auf dem die Menschen zusammengedrängt worden waren, kam es jetzt zu einem Chaos. Die Opfer stießen und schoben sich gegenseitig, traten sich auf die Füße, Blut spritzte, SS-Männer schrien und schlugen wild mit Knüppeln, Hunde bellten wütend und bissen um sich. Plötzlich hob eine Stimme zu einem Gesang an, der immer stärker wurde und bald zu einem mächtigen Chor anschwoll. Die Menschen hatten begonnen, die tschechoslowakische Nationalhymne »Kde domov muj« zu singen. Anschließend ertönte das jüdische Lied »Hatikvah«. Auch während dieses Gesangs hörten die SS-Männer nicht roh und brutal auf die Menschen einzuschlagen. Sicher betrachteten sie den Gesang als eine Art letzten Protestes gegen das Schicksal, das sie ihnen zugedacht hatten und vor dem es kein Entrinnen gab.“  Und die »Hatikvah«, so Filip Müller, die heutige Nationalhymne des Staates Israel, bedeutete für sie einen Blick in die Zukunft, eine Zukunft freilich, die sie nicht mehr erleben durften.

Ein Teil der Juden wurden nicht in den Gaskammern ermordet sondern in Erschießungsräumen hingerichtet. Filip Müller schildert in seinem Buch „Sonderbehandlung“ die Ermordung einer jungen Mutter und ihrer kleinen Tochter: “Als sie schließlich von einem der SS-Leute in den Erschießungsraum geführt wurde, nahm sie ihr Töchterchen auf den Arm und drückte es zärtlich an die Brust. Dabei vergaß sie sogar, sich von ihrem Mann, der in der Nähe stand, zu verabschieden. Offenbar war sie nur noch von dem Gedanken beherrscht, die Schrecken des unmittelbar bevorstehenden Endes von ihrem Kind fernzuhalten. Sie stand jetzt vor der Hinrichtungswand und presste ihr Kind fest an sich. Die Frau wartete mit geschlossenen Augen ungeduldig auf das Ende, wartete und wartete, dass endlich der tödliche Schuss fiel und sie von diesem qualvollen Leben aus einer ihr feindlichen in eine bessere Welt beförderte. Sie dachte wohl nicht daran, dass sie ihr Kind mit zu Boden reißen und es vielleicht unter sich begraben könnte. Das wollte sie sicher nicht. Aber noch weniger wollte sie offenbar den Mord an ihrem Töchterchen miterleben.“

Viele Auschwitzüberlebende, so auch Shlomo Venezia, wurden nach ihrer Befreiung  Bürger des neuen jüdischen Staates Israel. Noch in der Gründungsnacht erklärten Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien dem neuen Staat Israel den Krieg. Nach der Gründung der israelischen Armee im Mai 1948 machten Holocaustüberlebende etwa die Hälfte der israelischen Streitkräfte und ein Viertel derer, die im Kampf fielen aus. Etwa 1.170 Holocaustüberlebende fielen im Kampf gegen die arabischen Angreifer. Viele deutsche NS-Schergen der Konzentrationslager konnten mit Hilfe der Katholischen Kirche in befreundete Länder nach Südamerika oder vor allem in den Nahen Osten fliehen, von wo aus sie die Juden nun mit Hilfe ihrer arabischen Freunde weiter bekämpfen konnten.

Die Deutschen wollten wenige Jahre nach dem Krieg nichts von ihren Verbrechen hören. Viele „Leistungsträger“ des NS-Systems,von Hans Globke, über Reinhard Gehlen, Hanns-Martin Schleyer  bis Hans Filbinger, wurden geräuschlos in die Bundesrepublik integriert.  Die Deutschen fühlten sich schnell selbst als Opfer. Von den alliierten Bombardierungen Dresdens, dem amerikanischen „Völkermord“ an den Indianern und dem „Völkermord“ der Israelis an den „Palästinensern“ war nun an deutschen Stammtischen die Rede. Der CDU Politiker Martin Hohmann nannte die Juden im Jahre 2003 ein „Tätervolk“. Martin Walser sprach 1998 in der Paulskirche von der “Moralkeule Auschwitz”. In scheinbar „linken“ Communitys wurde und wird vom „Apartheidstaat Israel“, von der „skurrilen Daseinsberechtigung Israels“ und vom „Paria-Staat Israel“ gesprochen. Es gäbe, so die sonderbare, berechnende Meinung gewisser Deutscher, eine jüdische Religionsgemeinschaft aber kein jüdisches Volk. Wenige Jahrzehnte nach den „Nürnberger Gesetzen“ sind es wieder Deutsche die sich berufen fühlen zu wissen wer Jude ist und ob sie sich ein Volk nennen dürfen. Für diese Deutschen war der Holocaust eine Variante von Fremdenfeindlichkeit, sie wollen nicht verstehen, dass jahrhundertelange antijüdische Verfolgungen mit antijüdischen Pogromen und vor allem die Shoah für die Juden in Israel oder in der Diaspora emotionale Bindungen einbrannten wie sie keinem anderen Kollektiv anhaften. Seine Auschwitznummer 172 364, schrieb einst der Atheist Jean Améry, lese sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gebe zudem gründlicher als diese Auskunft über eine jüdische Existenz.

Vermutlich hat die “Täter-Opfer-Umkehr” dieser Deutschen mit einer tief innewohnenden Schuldabwehr zu tun, was sicherlich in jedem Einzelfall nachzuprüfen wäre. Nach zwei angezettelten Weltkriegen und dem industriellen Massenmord an den Juden meinen viele Deutsche sie haben es sich verdient die Vormundschaft und das Sorgerecht für das Opfer zu übernehmen. Die “Erziehung nach Auschwitz” erscheint gescheitert, die grauenvollen Erlebnisse von Filip Müller und Shlomo Venezia tangieren viele Deutsche kaum. Über sechzig Prozent der Deutschen sahen laut Umfragen im Jahre 2010 im jüdischen Zwergstaat die Hauptgefahr für den Weltfrieden.

Quellen: Filip Müller – Sonderbehandlung, Shlomo Venezia – Sonderkommando, Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne

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